Mitten in der Stadt. An vielen Stellen. Nicht sofort augenscheinlich. Doch wer den Blick im Vorübergehen ein wenig senkt, so als würde er in sein Handy schauen, kann sie entdecken: die kleinen Graffiti, als wäre Banksy höchstselbst mitten in Olching gewesen. In der 28 000-Einwohner-Stadt im Speckgürtel von München.
Das ist eher unwahrscheinlich.
Aber die Vorgehensweisen ähneln sich: Urplötzlich tauchen die Graffiti im öffentlichen Raum auf. Keiner hat gesehen, wie sie da hingekommen sind. Das Prinzip Banksy. Und auch die Optik der Werke und die mutmaßlich verwendete Schablonen-Technik erinnern an den britischen Streetart-Künstler.
Und doch ist den meisten klar, was der neue Bürgermeister von Olching, Maximilian Gigl (CSU), im Brustton der Überzeugung ausspricht: „Leider ist es halt kein echter Banksy.“
Der echte Banksy hat es vom Straßensprayer zum Streetart-Künstler von Weltrang geschafft, seit drei Jahrzehnten hinterlässt der Brite seine Spuren in London und anderen Städten dieser Welt. Und klar, auch Nachahmer treten auf den Plan, auch auf lokaler Ebene. Es gilt das alte Graffiti-Prinzip der Heimlichkeit und Anonymität: Aufmerksamkeit erregen, dabei unerkannt bleiben. Das Internet hilft dabei, für wenige Euros gibt es dort entsprechende Schablonen zu kaufen, und schon ist der „Banksy“ fertig.
In Olching sind die Graffiti im Banksy-Style keine auffälligen Wandgemälde. Klein, dezent, zumeist an den Sockeln von Hauswänden angebracht, auf einem Stromverteilerkasten oder an der Säule einer Parkgaragenzufahrt. Was sie interessant macht, ist nicht das einzelne Werk, sondern ihre Vielzahl.
Auch die Ratten sind dabei, eines von Banksys Lieblingsmotiven: In Olching zeigt sich die Ratte mit Handtasche und rotem Schirm, mit einem roten Herz oder – Ratte oder Maus, wer weiß das schon? – mit Beil bewaffnet listig an einer Hausecke lauernd, auf die Katze auf der anderen Seite. Das Motiv findet sich gleich mehrmals in der Stadt. Die Banksy-Variante aus dem Film „Pulp Fiction“, die die beiden Hauptfiguren statt mit Waffen mit vorgehaltenen Bananen zeigt, ist dagegen eines von gleich mehreren Motiven, die an einem Standort zu finden sind.

Ist das jetzt Kunst oder kann das weg? „Formal ist es eigentlich Sachbeschädigung“, sagt Maximilian Gigl. In der Beurteilung könne es keinen Unterschied geben zwischen großflächigen, als unschön empfundenen Schmierereien, wie sie auch in Olching unter anderem rund um den Bahnhof zu finden sind, oder den durchaus ansehnlichen „Banksys“ in der Innenstadt. Als Stadtoberhaupt findet Gigl aber, dass es geeignetere Flächen in Olching gebe, wo solche Graffiti auch legal und mit der nötigen künstlerischen Wertschätzung angebracht werden könnten. Da würde die Stadt mit sich reden lassen, „aber uns hat bislang niemand gefragt“.

Also doch eher Kunst als Vandalismus? „Ich finde sie toll“, sagt Georgio di Bernardo, Vorsitzender des Fördervereins Olchinger Künstler, und möglicherweise ist seine Meinung durchaus mehrheitsfähig. Nachdem er das erste Graffito dieser Art entdeckt hatte, wollte er mehr davon sehen. Man müsse nur „mit offenen Augen“ durch Olching gehen, aber schon auch genau hinschauen, um sie zu entdecken, sagt di Bernardo.

Auch Banksy fragt nicht. Seine Aktionen sind spektakulär, provokant, machen ihn schließlich weltweit bekannt. Seine Kunst übt Kritik an bestehenden Zuständen, seine künstlerischen Aktionen leben davon, wie aus dem Nichts aufzutauchen, zu überraschen. Banksys Identität blieb jahrzehntelang geheim, bis ihn britische Journalisten vor wenigen Monaten als Robin Gunningham enttarnten. Zwischenzeitlich soll er einen anderen Namen angenommen haben, bestätigt ist das nicht.
Aber wollte man wirklich wissen, wer er ist?


Die Urheber der Olchinger „Banksys“, die vor allem am Bahnhofsgebäude, an Feurs-, Haupt- und Nöscherstraße zu finden sind, sind bislang ebenfalls anonym geblieben. „Keine Ahnung“, sagen übereinstimmend Bürgermeister Gigl und Vertreter der Olchinger Polizeiinspektion auf die Frage, wer die Graffiti denn geschaffen habe. Ein Einzelner oder mehrere Akteure? Aus Olching oder angereist? Man weiß es nicht.
Auch wie viele Graffiti dieser Art inzwischen in Olching gesprüht wurden, wissen wohl nur deren Schöpfer. Die Schablonengebilde scheinen niemanden zu stören, auch nicht die betroffenen Hausbesitzer. Strafanzeigen wurden nach Auskunft der Polizei bislang nicht gestellt. Denn erst dann kann die Polizei wegen Sachbeschädigung ermitteln. Georgio di Bernardo will auch gar nichts über die Urheberschaft wissen: „Das sollte geheim bleiben. Es macht keinen Sinn, wenn man es weiß.“


In der Olchinger Innenstadt huschen die Menschen geschäftig durch die Straßen, ohne den kleinen Kunstwerken Aufmerksamkeit zu schenken, möglicherweise ohne sie überhaupt wahrzunehmen. Vielleicht sind die falschen „Banksys“ ja trotzdem gekommen, um zu bleiben. Wer einmal damit angefangen hat, nach ihnen zu suchen, möchte immer mehr von ihnen finden. Haben sie vielleicht sogar das Zeug zur touristischen Sehenswürdigkeit? Als „Banksy“-Pfad von Olching?


