Olching:Als der Ball noch eine Schweinsblase war

Olching: Als eisenharter Verteidiger galt Josef Kaes in der Mannschaft des SC Olching. Das ist lange her, doch dem Verein ist der 94-Jährige treu geblieben.

Als eisenharter Verteidiger galt Josef Kaes in der Mannschaft des SC Olching. Das ist lange her, doch dem Verein ist der 94-Jährige treu geblieben.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Der SC Olching ehrt Josef Kaes für seine 85-jährige Mitgliedschaft in dem Fußballclub

Von Karl-Wilhelm Götte, Olching

Josef Kaes war ein fanatischer Fußballspieler gewesen. Als er im Oktober 1946 heiratete, kam er in Schwierigkeiten. Nachmittags war ein Fußballspiel seines SC Olching angesetzt, dass er keinesfalls missen wollte. Also wurde vormittags standesamtlich geheiratet und nachmittags stand der damals 25-jährige Fußballer mit seinem Verein auf dem Platz. Seine Braut und Ehefrau, kann sich jeder vorstellen, fand das gar nicht toll. Doch sie wusste wohl, dass sie machtlos war gegen die Fußballleidenschaft ihres Mannes. Josef Kaes war als rechter Verteidiger damals auch unentbehrlich gewesen.

Mit 24 Jahren war Josef Kaes 1945 aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekommen. Er hatte ihn von Anfang an mitgemacht und die Blüte seiner Jugend dafür hergeben. 1938 hatte er mit 17 Jahren den sogenannten Arbeitsdienst absolviert und 1939 wurde er eingezogen. In Russland ab 1941 entkam er nur knapp dem Tod; er wurde dreimal verwundet. 1945 kehrte er ins Elternhaus in der Olchinger Hauptstraße zurück. Dort betrieb der Vater eine Malerfirma, in der der Sohn mitarbeitete. Josef Kaes übernahm später das Geschäft und gab es an seinen Sohn Heinz Kaes weiter. "Mein Vater hat, bis er 87 Jahre alt war, noch in der Firma gearbeitet. Da war er eisenhart", so Heinz Kaes.

Eisenhart - dieser Ruf eilte ihm voraus - war Josef Kaes auch als rechter Verteidiger beim SC Olching gewesen. 1931, mit zehn Jahren, begann er dort Fußball zu spielen. Ein Jahr zuvor war er mit seinen Eltern aus Miesbach nach Olching gekommen. "Wir haben viel auf der Straße gespielt", erzählt Josef Kaes. Die Straßen in Olching waren 1931 noch nicht geteert gewesen und Autos kamen höchst selten vorbeigefahren. "Der Fußball war eine umwickelte Schweinsblase, die wir vom Metzer bekommen haben", erinnert er sich noch gut an das außergewöhnliche Spielgerät in Kinderjahren. Dem Spaß auf der Straße tat das jedoch keinen Abbruch. Beim SC Olching in der Schülermannschaft ging es dann privilegierter zu, dort traten die Kinder dann schon gegen einen Lederball.

Josef Kaes spielte in der Jugendmannschaft, doch dann kamen Arbeitsdienst und Krieg und der Fußball wurde zur Nebensache. Nach dem Krieg war Olching jedoch schnell wieder die Fußballhochburg im Landkreis. Kaes, der rechte Verteidiger, war wieder dabei. Der SC Olching spielte in der Kreisliga. Besonders spektakulär waren jedes Mal die Nachbarschaftsderbys gegen den SC Fürstenfeldbruck und den FC Emmering. Trainiert wurde wie heute zweimal die Woche. Der SCO stieg mit Josef Kaes auch in die Bezirksliga auf. Die Auswärtsspiele fanden in Markt Indersdorf, Penzberg oder Peißenberg statt. "Da sind wir dann mit den Fahrrad hingefahren", erzählt Kaes. Einen Mannschaftsbus habe es nicht gegeben und auch private Autos waren nicht vorhanden.

Die Fußballschuhe hatten doch keine Stollen. Kleine Lederplatten waren auf die Sohlen genagelt worden, um besseren Halt zu haben. Das Vereinsheim draußen am Fußballplatz in den Amperauen gab es noch nicht. Die Vereinsgasstätte waren die heutigen Bürgerstub'n am Kreisel der Hauptstraße. Damals war es der Gasthof Streller gewesen. "Dort im ehemaligen Schlachthaus haben wir uns umgezogen und geduscht", klärt Josef Kaes auf. Dann sei man von dort 500 Meter zum Sportplatz gelaufen und nach dem Spiel wieder zurück. Im Gasthaus ging es nach jedem Spiel hoch her. "Da wurde viel getrunken, ob wir gewonnen oder verloren hatten", erinnert er sich gut. 1954 - mit 33 Jahren - hörte Josef Kaes mit dem Fußball auf.

Präferenzen für einen der Münchner Proficlubs hat Josef Kaes bis heute nicht, obwohl Olching traditionell eher den Löwen zugeneigt ist. Seinem Sohn Heinz und seinem Enkel Christian Kaes konnte er das Fußballspielen nicht so recht schmackhaft machen. Heinz Kaes, 71, spielt gern Tennis und fährt Ski. Der Enkel, 46, ist ein guter Handballer geworden. Josef Kaes wohnt in Olching im Haus seines Sohnes. "Er ist gesund, das ist die Hauptsache", sagt Heinz Kaes. Jeden Dienstag spielt der Vater im nahen Kolpingheim noch Schafkopf mit seinen Freunden. Im Juni wird Josef Kaes 95 Jahre alt. Der SC Olching hat ihn kürzlich für 83 Jahre Mitgliedschaft unter großem Applaus geehrt. Doch der Vereinsvorstand hatte sich leicht verrechnet, ist er doch schon 85 Jahre Mitglied. Heinz Kaes holt eine Wandplakette herbei, die sein Vater vor fünf Jahren erhielt, auf der wahrlich das Jahr 2011 und 80 Jahre SCO aufgedruckt ist. Doch, was sind schon zwei Jahre hin oder her in so einem langen Fußballerleben.

© SZ vom 01.06.2016
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