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Ökologie:230 000 Rinder im Müll

Bei den Olchinger Grünen hören Interessierte Caro und Franzi (im Hintergrund) zu, die durch das Containern bekannt geworden sind.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Die Olchinger Grünen klären über die jährliche Lebensmittelverschwendung auf

Von Max Grassl

Kann es denn strafbar sein, weggeworfene, aber noch genießbare Lebensmittel in Zeiten voranschreitender Ressourcenknappheit aus Müllcontainern zu retten? Mit dieser Frage und der damit verbundenen Petition machen Caro und Franzi, die vergangenen Juni beim Containern erwischt worden sind, auf eine eklatanten Missstand aufmerksam. Sie und rund 40 Interessierte trafen sich im Restaurant Deml's auf Einladung der Olchinger Grünen. Die Anwesenden diskutierten über die Misere der Verschwendung von Nahrung und suchten nach Auswegen. Das Motto des Abends lautete "Lebensmittel - für die Tonne?". Wie viele Lebensmittel unnötig in die Tonne wandern, wird deutlich, als die Gemeinderätin und Mitveranstalterin Ingrid Jaschke Zahlen einer Studie des Landwirtschaftsministeriums aus dem Jahr 2012 darlegt. Demnach werden jährlich elf Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Wobei 61 Prozent davon auf die Haushalte entfallen. Besonders geschockt habe sie, dass 230 000 Rinder in Form von Wurst- und Fleischwaren in den Müll der privaten Haushalte Deutschlands geworfen werden würden. Sie stützt sich bei der letzten Feststellung auf Zahlen der Deutschen Umwelthilfe, die bei den Anwesenden Fassungslosigkeit auslösen. Ingrid Jaschke kommt auch auf die jüngst vom Bundeskabinett beschlossene nationale Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung zu sprechen. Kern der Strategie sei es, die Lebensmittelabfälle bis zum Jahr 2030 halbieren zu wollen. Die federführende Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Julia Klöckner, beschreibt dies als eine "ökonomische, ökologische und ethische Verpflichtung". Jaschke sieht dieses Papier zwar als einen Weg in die richtige Richtung an, aber noch nicht als ausreichend. "Es ist ein zahnloser Tiger", beschreibt sie den Entwurf, "da es nur Vorschläge sind". Sie würde sich Regeln für Betriebe wünschen. Nämlich, dass diese keine noch genießbare Nahrung wegwerfen dürften und dass es Sanktionen gebe.

Bis das aber so weit sei, sei Containern eine gute Lösung, der Verschwendung Paroli zu bieten. Das ist aber nach momentaner Gesetztlage illegal und kann wie im Fall von Caro (27) und Franzi (25) zur Strafanzeige führen. Zwei der Gäste bekennen sich sogar dazu, selbst überzeugte "Containerer" zu sein. Eine ältere Frau ist auch schon erwischt worden, hatte die Lebensmittel aber nur zurück in die Tonne werfen müssen. Insgeheim habe sie aber gehofft, dass eine Vorladung zum Gerichtstermin im Briefkasten legen werde. "Denen hätte ich dann aber was erzählt", sagt sie. Es sei nicht in Ordnung, dass so etwas unter Strafe stehe.

Die Fürstenfeldbruckerin Sabine Kemmet finde es gut, wenn man die "Vordertüre der Supermärkte nutzt". So wie sie und ihre ehrenamtlichen Kollegen beim Interessenverein "Lebensmittel-Retter Fürstenfeldbruck"es machen würden. Diese verteilen an Standpunkten in den Kommunen Nahrungsmittel von Supermärkten, die nicht an die Tafel abgegeben werden können, aber noch verzehrbar sind. Sie weißt ebenfalls auf die gleichnamige Facebookseite hin, auf der die Standorte der Verteilaktionen bekannt gegeben werden. Sie spricht sich aber freilich nicht gegen Containern aus, sondern sieht das Vorgehen der Initiative als einen anderen adäquaten Weg Lebensmittel zu retten. Damit in Zukunft noch mehr Nahrung gerettet werden kann, schlägt Caro das Einrichten eines Verteilers vor. Das sei ein öffentlicher Kühlschrank, in den jedermann seine nicht verwendeten Ess- und Trinkwaren legen könne.

Diese Idee begrüßen Ingrid Jascke und die Anwesenden. Dennoch sagen sie, dass auf mehreren Ebenen, allen voran die der Politik, etwas passieren müsse. Caro bemerkt darüber hinaus: "Ihr steht sinnbildlich an der Front für etwas Wichtiges." Gemeint sind alle Anwesenden. Diese sollten weiterhin mit Freunden über die Thematik reden, denn dann würden es immer mehr werden, die sich für eine gute Sache einsetzten.

© SZ vom 13.03.2019

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