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Neue SZ-Serie: "Im Märzen der Bauer ...", Folge 1:Die arbeitsreichste Zeit im Jahr

400 Mutterschafe und ihre Lämmer leben auf dem Hängbüchlhof. Im Frühjahr geht es ihnen ans Fell. Verdienen kann Bauer Josef Unglert mit der Wolle heute nichts mehr. Das Haupteinkommen stammt aus dem Fleischverkauf

Winter und Vorfrühling sind für Schafhalter die arbeitsreichste Zeit im Jahr, und vor allem der März hat es in sich. "Im Sommer und Herbst ist es wenig Aufwand", sagt Josef Unglert, 60, der in Puchheim den Hängbüchelhof bewirtschaftet. Dann brauchen die Schafe nur jeden Tag eine frische Weide und genug Wasser. Im frühen Winter wird die Arbeit mehr, wenn die Tiere beginnen zu lammen. Die Muttertiere und ihre neugeborenen Lämmer werden in den Stall gebraucht, sie brauchen zusätzliches Futter. Manche Lämmer müssen von Hand aufgezogen werden. Alle drei Stunden werden sie gefüttert.

Im März wird es richtig turbulent. Die älteren Tiere werden geschoren. Der Stall ist voller Schafe und Lämmer, die in allen Tonarten blöken. Merinoschafe, schwarzköpfige Fleischschafe, Juraschafe und die kleinen, feingliedrigen Skudden, die Unglert in der Landschaftspflege einsetzt - 400 Mutterschafe, ihre Lämmer und einige Böcke leben auf dem Hof.

Die Wolle muss runter, denn sie würde immer weiter wachsen und ein ordentliches Gewicht erreichen. Ein Merinoschaf schleppt etwa zweieinhalb bis drei Kilo mit sich herum, im Frühling ist die Wolle fingerlang. Nacht der Schur wächst über den Sommer das schützende Haarkleid nach, sodass es die Tiere im Winter auf der Weide wieder mollig warm haben. Außerdem, erklärt Unglert, schützt die Wolle die Tiere auch bei Hitze und Regen.

Bio-Bauer Josef Unglert inmitten seiner Mutterschafe und Lämmer.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Wichtig sei, dass es im Stall entspannt zugehe, sagt Unglert. "Dann sind auch die Viecher ruhig. Wenn die Leute nervös sind, überträgt sich das." Lohnscherer Nico Wiechmann ist ruhig, und er bringt viel Erfahrung mit. Seit 24 Jahren befreit er Schafe von ihrer Wolle. Der 51-Jährige hat eigentlich einen ganz anderen Beruf: Er ist freiberuflicher Statiker. Bei einem Jahr Auszeit in Schottland habe er die Grundlagen der Schafschur gelernt, erzählt er. Später sei er immer wieder für drei Monate in Neuseeland gewesen, wo es Weltmeisterschaften im Scheren gibt, vor allem aber Schulen, die es unterrichten. In Deutschland bot er Schafhaltern seine Dienste an. "Das war schon im Studium ein guter Verdienst", sagt Wiechmann. Er greift das nächste Tier, klemmt es so zwischen Beine und Oberkörper, dass es nicht auskommen kann, und setzt die laut surrende elektrischen Schermaschine an, die wie ein großer Langhaarschneider aussieht. Drei Minuten später liegt die Wolle in einem Haufen neben Wiechmann. Das Tier, das nun beinahe nackt aussieht, läuft laut blökend zurück zur Herde ins große Gatter. 20 Schafe schafft Wiechmann in der Stunde, die Schur zieht sich über mehrere Tage. Pro Schaf zahlt ihm Unglert etwa drei Euro.

Praktikant Felix Hochholdinger, 15, aus Gernlinden, Landwirtschaftslehrling Lukas Meyer, 20, aus Obermenzing und Praktikantin Judith Locher, 16, stopfen das Vlies in riesige Säcke. In einen 80-Kilo-Sack passt die Wolle von ungefähr 35 Schafen. Verdient ist daran nichts, im Gegenteil. Denn für ein Kilo Wolle werde heute nur noch 50 Cent bezahlt, sagt Unglert. Allein der Scherer bekommt umgerechnet, pro Kilo einen Euro.

"Früher war die Wolle ein gutes Geschäft." Im Moment seien Produkte aus Schafwolle aber kaum gefragt. Unglert hat sich den Schafwoll-Produzenten von Werdenfelser Land angeschlossen, die Produkte gibt es im Wollstüberl auf dem Hof. Die Haupteinnahmen der Familie stammen aber aus dem Verkauf des Fleischs von Lämmern und Rindern. Die Tiere werden in der Umgebung geschlachtet, in Fürstenfeldbruck, Augsburg oder Eurasburg bei Bad Tölz. Verkauft wird es im Hofladen und auf dem Fürstenfeldbrucker Bauernmarkt. Dafür sind Unglerts Frau Monika, 61, und seine 90-jährige Mutter Martha zuständig. Unglert hat schon 1989 auf ökologische Landwirtschaft umgestellt, aus Überzeugung. Sein Betrieb gehört zum Bioland-Verband. Die Direktvermarktung , in die auch Hoferbin Michaela Höfel, 30, eingebunden ist, war von Anfang an ein wichtiges Standbein. Ein weiteres ist hinzugekommen: Höfel ist Erlebnisbäuerin, sie bietet Führungen für Kindergärten und Schulen und sogar Kindergeburtstage auf dem Bauernhof an.

Nico Wiechmann hat das Scheren in Schottland und Neuseeland gelernt. Damit das Tier nicht zappeln kann und sich dadurch verletzt, fixiert er es behutsam.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Ist die Schur vorbei, werden den Schafen die Klauen geschnitten. Das erledigt Unglert zusammen mit dem Lehrling. Drei Wochen brauchen sie dazu, denn natürlich fallen auf dem Hof in dieser Zeit auch andere Arbeiten an. Im Mai kommen die Schafe wieder auf die Weiden, wo inzwischen das Gras gewachsen ist. Es kehrt relative Ruhe ein. Doch auch auf dem Hängbüchlhof herrscht die Sieben-Tage-Woche. Zu tun gibt es immer genug. Die 20 Pinzgauer Kühe, eine alte Haustierrasse, und ihre Nachzucht müssen versorgt werden. Auch sie sind auf der Weide, ebenso die schwäbisch-hällische Sau mit ihren Ferkeln, die Hühner und die sechs Pensionspferde. Trotz der harten Arbeit: Unglert würde keinen Bürojob machen wollen. "Der Jahreszyklus ist schön", sagt er. "Die Lämmer, das Scheren, die Wiesen herrichten - man sieht immer was. Ich wollte immer diese Vielfalt."

© SZ vom 23.03.2019

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