Süddeutsche Zeitung

Kultur:Menschwerdung zwischen Freiheit und Verlässlichkeit

Die Neue Bühne Bruck liefert mit einer modernen Version von Pinocchio eine Inszenierung, die Kinder wie Erwachsene berührt und bewegt

Von Sonja Pawlowa, Fürstenfeldbruck

Jeder kennt Pinocchio. Selbst das kleinste Kind hat von der Holzfigur mit der langen Nase gehört, die beim Lügen wächst. Seit Carlo Collodi die Geschichte Ende des 19. Jahrhunderts veröffentlichte, feierte sie nicht nur weltweit als Kinderbuch-Klassiker Erfolge. Der Stoff wurde zahllose Male verfilmt, als Zeichentrickserie ausgestrahlt und sogar als Pinocchio-Oper, Musical und Orchestermärchen auf die Bühne gebracht. Aber worum geht es bei Pinocchio inhaltlich? Wer sich da nicht mehr genau erinnert oder einen neuen Blickwinkel sucht, der ist in der Neuen Bühne Bruck richtig, an der ein ganz und gar nicht hölzerner Pinocchio am Samstag Premiere hatte.

Regisseur Andreas Harwath hält das Thema schon lange in seinem Bann. Doch nun hat er ein Pinocchio-Theaterstück von Erpho Bell gefunden, das ihm gefallen hat. Daraus wurde eine höchst unterhaltsame Inszenierung für alle Altersstufen. Mit musikalischen Einlagen, Stummfilm-Texttafeln, Scherenschnitt-Projektionen und kleinen Sidekicks gesellschaftspolitischer Art amüsiert Harwath die Erwachsenen, ohne dabei die Kinder zu vergessen. Die fiebern mit bei Pinocchios Abenteuern und die Eltern erfreuen sich am philosophischen Tiefgang. "Erwachsene müssen den Umgang mit Kindern auch erst lernen. Manchmal zu streng, manchmal zu weich - bei solchen Gegensätzen kann ein Kind nicht alles richtigmachen," kommentiert Harwath.

Dem Publikum bleibt der Mund offenstehen. Vor Spannung schmiegen sich Kinder an die Eltern. Fast ist der Herzschlag der Kleinen zu hören, wenn Katrin Bielski als Pinocchio ein ums andere Mal in scheinbar aussichtslose Situationen gerät. Bielski spricht schnell und aufgeregt, so sehr gefällt ihr die Welt, die sie als Pinocchio erforschen möchte. Doch die Holzpuppe ist ein Dummkopf, der erstmal in die Schule muss. Dumm sein, anarchistisch sein, unvorsichtig sein, das ist ein Anteil der Persönlichkeit, die in der Transaktionsanalyse "Kindheits-Ich" genannt wird. Aber es gibt da noch andere Stimmen im Kopf, denen Pinocchio begegnet.

Patricia Flür als sprechende Grille mahnt Über-Ich-gemäß "Hör auf deinen Vater" oder zitiert Kalender-Weisheiten wie "Lass dich nicht vom Weg abbringen". Demgegenüber steht das naive Kind Pinocchio, das sich nicht um Geld und Bildung sorgt. "Ich will Spaß haben", sagt er und lebt alles aus, was verboten ist. Für die kindlichen Zuschauer ist es schwer zu ertragen, wenn Pinocchio ins Verderben läuft, wenn er mit dem Gamer "Docht" statt in die Schule in eine virtuelle Welt mit Tablet und VR-Brille verschwindet. Barthl Sailer spielt nicht nur den Docht, sondern auch den Holzschnitzer Geppetto, der aus dem ungehobelten Holzklotz einen funktionierenden Sohn machen will.

"Ich suche meinen Weg", sagt Pinocchio. Docht antwortet: "Hör auf zu suchen. Der Weg ist das Ziel". Doch Fuchs und Katze, aus denen in der Version von Erpho Bell eine Fuchskatze geworden ist, führen Pinocchio immer wieder ins Unglück. Die Fuchskatze lockt mit schnellem Geld und einem mühelosen Leben. Interessant, dass die Fuchskatze, gespielt von der fabelhaften Patricia Flür im Mafioso-Kostüm, mit einem bayerischen Akzent spricht. Interessant auch, dass die Personalunion des Übels und die Personifikation der Strenge, sprich Grille, mit ein und derselben Darstellerin besetzt ist. Also nicht nur ein effizientes Haushalten mit Rollen und Akteuren spielt eine Rolle.

Ganz besonders beeindruckt die Szene, in der sich Pinocchio in einen Esel verwandelt und vom Zirkusdirektor (Barthl Sailer in einer weiteren Rolle) als "Wesen ohne Verstand" vor die Entscheidung zwischen zwei Mohrrüben gestellt wird. Eine Entscheidung, die der Esel Pinocchio nicht treffen kann. Von seinem Dompteur wird er in die Orientierungslosigkeit, in den Abgrund gestürzt. Die Kinder halten sich die Augen zu. Aber im Meer, im dunklen Bauch eines Wals, erhält Pinocchio durch den Thunfisch (Patricia Flür im Paillettenlook) nicht nur Hoffnung - "Sagt dir Kommunismus etwas?" - sondern findet schließlich und endlich seinen Papa Gepetto. Die blaue Fee (Renata Springer), die als Gegenpol zur Grille Pinocchio stets mit ihrem Glauben an das Gute rettet, zaubert als letzten Wunsch Leben in den sterbenden Gepetto und in die Holzpuppe Pinocchio. Die Geschichte ist glücklich zu Ende gegangen. Das klappt nicht immer, ahnen Klein und Groß.

Spannung für Kinder, Spass für Eltern. Immerzu müssen Prioritäten gesetzt und Entscheidungen getroffen werden. Nicht immer ist klar, was richtig, was falsch ist. Das und die Balance zwischen Freiheit und Verlässlichkeit fesseln seit ehedem. Die Inszenierung des Pinocchio an der Neuen Bühne Bruck schließt somit eine emotionale Bildungslücke.

"Pinocchio", Neue Bühne Bruck. Nächste Termine: 14., 15., 21., 22., 28. und 29. Januar jeweils von 15 Uhr an. Karten ab neun Euro unter www.buehne-bruck.de.

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