bedeckt München 19°

Neu veröffentlicht:Alltag und Fiktion

Seniorenschreibtisch

Produktive Hobbyliteraten: Wilfried Seinig (stehend, von links), Erika Schmidt, Meinrad Holzapfel; Hans Brückner (sitzend, von links), Manfred Meier, Wendelin Rasenberger.

(Foto: Privat)

Das 13. Puchheimer Seniorenbuch

Von Christian Hufnagel, Puchheim

Der Name, den sich die Gruppe gegeben hat, sagt schon viel über sie aus und ist selten treffend: Seniorenschreibtisch. Der erste Teil akzentuiert das Alter. Und Senioren sind sie allemal, die derzeit sechs Mitglieder. Als 76-Jähriger kann sich Manfred Meier den Jüngsten nennen. Mit 96 Jahren ist Hans Brückner der Älteste. Und wenn der zweite Teil der Selbstbezeichnung einen imaginären Ort umschreibt, an dem ein Prozess stattfindet, so handelt es sich um einen sehr belebten Platz, der eine äußerst rege Tätigkeit erlebt - und das seit Beginn des Jahrtausends. 2002 gegründet, ist nun der 13. Band der "Puchheimer Seniorenbücher" erschienen: 200 Seiten dick, 94 Texte schwer, beigetragen von den sechs Menschen am Schreibtisch sowie weiteren zwölf Gastautoren. Was den Leser erwartet, bewerben die Herausgeber mit einer stilistischen wie inhaltlichen Bandbreite: "Von Alltagsgeschichten bis zum Krimi ist alles vertreten."

Und genau diese Abwechslung in Thematik, Form und Sujet macht das Lesevergnügen dieses Sammelbands von Kurzgeschichten und ein paar Gedichten aus, was kompensiert, dass es natürlich auch Beträge mit minderem Spannungsbogen gibt wie etwa die Erinnerung an die Hagelwalze von 1984 in München und Umgebung als bloße Beschreibung des Erlebten unter dem Titel "Rettender Stammtisch". Aber in der großen Mehrheit darf man sich über Schreibkunst freuen. Diese muss sich nicht immer in fantastischen Einfällen austoben, sondern kann sich in ruhiger Detailbeschreibung ausdrücken. Winfried R. Seinig schildert minutiös, wie "Der Sperber" in seinem Garten eine Amsel rupft und frisst: "Für uns Menschen ein zwar grausam wirkendes, aber archaisches und unvergessliches Naturereignis, direkt vor der Tür", lautet sein Schluss. Und Manfred Meier beobachtet "Die Birke", wie diese im Spiel mit der Sonne ihre Farbe wechselt und führt ein Phänomen vor Augen, dass man gemeinhin nicht sieht. Auch er schließt mit einer Weisheit: "Es tut gut, allein in Ruhe die Natur zu beobachten, sie zu lieben und dabei die eigene Vergänglichkeit zu spüren."

Für die Kraft des Fiktionalen steht hingegen beispielhaft Erika Schmidts bedeutungsvolle Fabel "Maulwurf-Himmel", die aus der Perspektive dieser kleinen Erdenbewohner vor Bedrohungen über der Grasnarbe wie einen Raubvogel warnt. Das Ganze mündet in einen allgemeingültig sinnhaften Satz: "Der sonst so wunderbare Himmel kann auch gefährlich werden." Wendelin Rasenbergers "Ein Männertreff" lässt einen erwachsenen Sohn erstmals seinen Vater sehen. Die Begegnung hält für ihn aber eine unvorhersehbare, dramatische Zuspitzung bereit. Die Palette runden autobiografische Episoden ab, welche Zeitgeschichte lebendig machen. Hans Brückners "Der Schrecken eines Nachmittags" führt so ins Kriegsjahr 1944 und zu einem Wirt, der erwischt wird, wie er einen "Feindsender" hört. Meinrad M. Holzapfel erlebt "Die Eroberung Seeons" am 5. Mai 1945 ganz anders, als er sie als Kind erwartet hatte: "Die Soldaten waren friedlich und erschlugen oder erschossen uns nicht, wie uns die Nazipropaganda glauben machen wollte."

Die Stilbreite setzt sich in den Gastbeiträgen fort. Wie alle, durchliefen auch diese Geschichten die Jury der Schreibtischmitglieder. Auch deren eigene Werke haben es nicht leicht: Alle zwei Wochen trifft man sich, liest sich die Texte vor, beurteilt sie gegenseitig und "stimmt geheim darüber ab, welcher ins Buch kommt", wie Meier erklärt. Da lässt sich erahnen, dass die Runde "kein gemütliches Beisammensein" ist, wie der Gröbenzeller das Arbeitsklima bezeichnet: "Bei uns geht es nicht lustig zu, sondern da wird auch gestritten." Um Texte natürlich. Und diese müssen auch gut genug sein, will ein Autor in die Gruppe fest aufgenommen werden. Interessenten müssen zwar keine Thomas Manns sein, aber doch "ein bisserl schreiben können", wie Meier das Aufnahmekriterium salopp formuliert. Neue Mitglieder wären notwendig, schließlich musste der Seniorenschreibtisch seinem Altersdurchschnitt Tribut zahlen: Die Zahl der Mitglieder hat sich im vergangenen Jahrzehnt halbiert.

13. Band der Puchheimer Seniorenbücher, 15 Euro. Buchbestellung per E-Mail an pult24@web.de. Erhältlich auch in der Buchhandlung Bräunling, Lochhauser Straße 18, Puchheim.

© SZ vom 12.12.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema