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Naturschutz in Früstenfeldbruck:30 Cent pro Einwohner

Der Landkreis hält den Landschaftspflegeverband seit vielen Jahren kurz. Landwirte warten auf ihr Geld, notwendige Maßnahmen können nicht ausgeführt werden. Es fehlt auch an Personal

Von Ingrid Hügenell, Fürstenfeldbruck

Der Landschaftspflegeverband Fürstenfeldbruck (LPV) kümmert sich darum, dass im Landkreis Lebensräume für seltene Tiere und Pflanzen erhalten bleiben. Doch der Verein ist chronisch unterfinanziert. Der Landkreis schießt pro Jahr nur 65 757 Euro zu. Das sind pro Einwohner gerade einmal 30 Cent. "Wir bräuchten einen Euro pro Einwohner", sagte Pius Keller, Vorsitzender des Verbands, und früherer Bürgermeister von Türkenfeld, kürzlich bei der Mitgliederversammlung.

Geschäftsführerin Petra Kotschi stellte die Zahlen vor. Sie hatte bei umliegenden Landkreisen die Höhe der dortigen Zuschüsse erfragt. Fürstenfeldbruck schneidet im Vergleich sehr schlecht ab. Der Landkreis Dachau etwa zahlt seinem Landschaftspflegeverband 1,36 Euro pro Einwohner, in Aichach-Friedberg sind es immerhin 1,17 Euro. Der Spitzenreiter in Oberbayern lässt sich den Schutz von Artenvielfalt und Klima sogar zwei Euro pro Einwohner kosten.

Durch großen ehrenamtlichen Einsatz hat sich die Zahl der Großen Brachvögel im Ampermoos wieder erhöht. Die Gelege der seltenen Vögel werden besonders geschützt. Dieses Jahr wurden neun Küken flügge.

(Foto: Susanne Hoffmann/oh)

Dabei kommen für jeden Euro, den der Landkreis an den LPV zahlt, 3,60 Euro zurück. Denn die Naturschutzmaßnahmen werden von der Regierung von Oberbayern gefördert, mit 70 bis 90 Prozent. Geld kommt auch von den Kommunen des Landkreises und aus Mitgliedsbeiträgen, die aber nur gut 2000 Euro pro Jahr ausmachen. Zehn Prozent der Summe, die ein Projekt kostet, muss der Verband immer selbst einbringen.

Bezahlt werden davon Landwirte, die Biotope pflegen, also beispielsweise Feuchtwiesen mähen oder Streuobstwiesen bewirtschaften. Auch die Caritas-Werkstätten sowie Naturschutzverbände werden vom LPV für Pflegemaßnahmen bezahlt. Etwa 303 000 Euro hat der Verband voriges Jahr für Naturschutzmaßnahmen ausgegeben. Es entstand ein Defizit von fast 10 000 Euro.

Die Geschäftsführerin konnte beim Schutz des Großen Brachvogels im Ampermoos über große Erfolge berichten. 2019 brachten acht Brutpaare 23 Eier hervor, aus denen 13 Küken schlüpften. Neun von ihnen wurden auch tatsächlich flügge. "Das ist das beste Ergebnis, seit es den Gelegeschutz gibt", sagte Kotschi erfreut. Dieser Erfolg sei vor allem auch Susanne Hoffmann zu verdanken, die sich sehr stark ehrenamtlich für die Vögel einsetze.

Insgesamt 262 Hektar hat der LPV 2019 gepflegt. Trotz der geringen Zuschüsse sind im vorigen Jahr 70 Hektar dazu gekommen. Darunter ist eine Feuchtwiese am Jexhof, auf der ein seltener Perlmuttfalter entdeckt wurde. Er wird auf der Roten Liste als stark gefährdet geführt und kommt auch im angrenzenden Landkreis Starnberg vor. Wie Kotschi ausführte, beriet sich der LPV extra mit einem Spezialisten, wann und wie oft die Fläche gemäht werden soll. Der Tagfalter brauche eine bestimmte Pflanze, den Wiesenknöterich, und außerdem Flächen, die nur alle zwei oder drei Jahre gemäht würden.

Diese Wiese am Nordrand des Ampermooses wird nach Jahren erstmals wieder gemäht. So wird der Artenreichtum gefördert.

(Foto: Susanne Hoffmann/oh)

Die fehlenden finanziellen Mittel führen dazu, dass auch zu wenig Personal im Verband fest angestellt ist. Die finanzielle Ausstattung ist zudem so eng, dass Kotschi Bauern, die für den LPV Aufträge ausführen, bei der Bezahlung teilweise aufs kommende Jahr vertrösten muss, wie sie bei der Versammlung sagte. Sie bedankte sich bei den "netten Landwirten" für ihr Verständnis und ihre Geduld.

Diese Aussage verärgerte den Gröbenzeller Bürgermeister Martin Schäfer. "Die Landwirte sollten ihr Geld gleich bekommen", sagte er. "Es kann nur funktionieren, wenn der Verband finanziell und personell gut aufgestellt wird." Gegenwärtig sehe er "die klassische Situation, dass wir einen Verband gegen die Wand fahren wegen der Finanzierung."

Tatsächlich musste der LPV dieses Jahr sogar eigentlich notwendige Maßnahmen auf 2021 verschieben. Denn die Arbeiten müssten immer vorfinanziert werden, erklärte Kotschi, und dafür habe das Geld nicht gereicht. Im Ampermoos und Ampertal hätten Büsche und invasive Neophyten entfernt werden müssen, das sei aber nicht passiert. Und auch die Pflege von Kiebitzbiotopen fiel aus. Verschoben wurden die Anlage einer Streuobstwiese bei Landsberied und die Pflanzung von Hecken in Hattenhofen, die erstmalige Pflege im Graßlfinger Moos und die Wiederaufnahme der Mahd im Allinger Moos.

"Der LPV war noch nie üppig ausgestattet", sagte Hans Seidl, stellvertretender Vorsitzender des Verbands und Maisacher Bürgermeister. Wegen der großen und wachsenden Verantwortung für die Natur und des "allgemeinen Bekenntnisses zum Arten- und Naturschutz" brauche es eine stetige Erhöhung der Finanzierung durch den Landkreis.

Die Geschäftsführerin und auch Verbandsvorsitzender Keller berichteten von einem "sehr positiven Gespräch" mit Landrat Thomas Karmasin im Juli. Dabei sei besprochen worden, den Beitrag des Landkreises aufzustocken, drei Jahre lang jeweils um 15 Cent pro Einwohner. Das ergäbe dann bis zum Jahr 2023 immerhin 75 Cent pro Einwohner.

© SZ vom 26.10.2020

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