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Naturschutz:Empörung über plattgemachte Hecke

Waldfrevel Streiflach

Die Reste der Hecke liegen am Wald. Deutlich zu sehen sind herausgerissene Wurzeln und geborstene Stämme.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Auf etwa 600 Metern hat ein Aubinger Bauer in Harthaus wertvolle Wildgehölze entfernt. Sie überwuchsen seinen Weg. Naturschützer wollen wissen, ob die Aktion legal war

Von Ingrid Hügenell, Germering

Der Vorfall empört viele in Germering. Im Norden eines großen Feldes, das an den Harthauser Wald angrenzt, ist eine Hecke entfernt worden - auf 600 Metern. Weil zwischen Acker und Wald ein beliebter Spazierweg verläuft, fiel die Aktion schnell auf. Sie beschäftigt nun auch die Untere Naturschutzbehörde im Landratsamt. Denn es ist unklar, ob sie legal war. Bis vor wenigen Tagen wuchsen dort am Waldrand heimische Sträucher: Schlehdorn, Liguster, Weißdorn und Pfaffenhütchen, alles Pflanzen, die Vögeln, Insekten und auch kleinen Säugetieren wie Igeln oder Mardern Nahrung und Verstecke bieten. "Einzigartig auf Germeringer Flur" seien die Wildhecken am Harthauser Wald, sagt Hans-Jürgen Gulder, pensionierter Forstwissenschaftler und Vorstandsmitglied im Bund Naturschutz. Mit einer Planierraupe seien die Hecke abgeschoben und alle Büsche ausgerissen worden. "Jetzt ist das ganze bisherige Leben zerstört."

Die Gruppe "Germering for Future" drückt es in einem Brief an die Presse dramatischer aus. "Tausende Tiere haben ihr Heim oder gar ihr Leben verloren." Und weiter: Igel, die bekanntesten Heckenbewohner, hätten sich im Winterschlaf befunden, Vögel von den Früchten der Büsche gelebt. "Sie saßen geschützt zwischen den Zweigen. Eichhörnchen und Mäuse, Schmetterlinge und Käfer, und viele mehr sind nun tot oder wissen nicht mehr wohin." Gulder spricht von Goldammern, Meisen und Zaunkönigen, von Schmetterlingen und allerhand anderen Insekten, die in der Hecke gelebt hätten. Die seien nun vertrieben. Dass viele getötet wurden, glaubt der Forstwissenschaftler nicht, schließlich sei die Hecke im Winter entfernt worden, außerhalb der Brutzeit.

Der Landwirt, dem das Feld gehört, ist Johann Oberhauser aus Aubing. Auf Anfrage erklärt er: "Einer unserer Arbeiter hat auf eigene Faust zu viel gemacht." Er sei "ein bissl übers Ziel hinausgeschossen." Dass die Hecke verkleinert werden sollte, erklärt Oberhauser damit, dass sie den Weg überwachsen habe. Deshalb seien immer wieder Spaziergänger durch seinen Acker gelaufen und hätten dabei die Feldfrüchte beschädigt. Der Wald gehört der Stadt München, der Weg ist ein offiziell gewidmeter Weg und für Oberhauser wichtig, damit er zu seinem Feld kommt.

Der Landwirt ist kein Biobauer, aber er hat durchaus Sinn für Ökologie. So hat er Blühstreifen angelegt und jahrelang eine Magerwiese, einen Teil der Langwieder Heide, gepflegt und mit ihr 2017 die Wiesenmeisterschaft gewonnen. Inzwischen hat er die Fläche dem Landesbund für Vogelschutz übergeben, der auf seinem Hof auch Geräte zur Biotop-Pflege unterstellt. Oberhauser ist davon überzeugt, dass die Hecke schon im Frühling wieder wächst. "Es wird sich schnell wieder begrünen", sagt er. Das glaubt auch Gulder: "In vier bis sechs Jahren werden wir wieder den Zustand wie vor dem Eingriff haben." Inzwischen werden seiner Ansicht nach nicht nur die Tiere darunter leiden, dass die Hecke fehlt, sondern auch der angrenzende Wald. Denn der sei nun Wind und Trockenheit stärker ausgesetzt.

Sehr erbost ist der Harthauser Volker Trumm. Er hat einen Brief an die Stadt Germering geschrieben: "Ich bitte Sie um unnachsichtiges Einschreiten ge- gen die Verantwortlichen." Zuständig sei aber nicht Germering, sondern die Untere Naturschutzbehörde im Landratsamt, erklärt Umweltreferent Thomas Wieser. Er bedaure, dass der Schaden für die Natur entstanden sei, sagt aber auch: "Man hätte dafür sorgen sollen, dass der Weg da bleibt, wo er war." Dafür wäre die Stadt München verantwortlich gewesen.

Bei der Unteren Naturschutzbehörde ist noch unklar, ob die Aktion gegen Gesetze verstoßen hat. Bisher kenne man die Geschichte nur aus der Presse, sagt Robert Drexl. "Unsere Leute müssen sich das erst anschauen." Er ist eigentlich Leiter der Kommunalaufsicht, kümmert sich im Moment aber um den Naturschutz. Denn die Untere Naturschutzbehörde sei "gnadenlos unterbesetzt", auch wegen einer Erkrankung. Eine Aussage zur Legalität könne man noch nicht machen.

© SZ vom 20.01.2021
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