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Natur:Wie die Wildbienen in den Garten kommen

Waldpädagogin Anke Simon weiß, was die Tiere brauchen, um sich wohlzufühlen. Blumenwiesen sind besser als Rasen, und auch ein bisschen Unordnung muss sein. Bei persönlichen Beratungen und Vorträgen erklärt sie, wie mit den richtigen Pflanzen und passender Gestaltung jeder mannigfache Lebensräume schaffen kann

Von Ingrid Hügenell

Wie bekommen wir das Gras weg?" Für Gartenbesitzer, die einen gepflegten Rasen für das Nonplusultra halten, eine völlig absurde Frage. Marion Behr, 51, stellt sie nicht nur, sie meint sie auch völlig ernst. Sie will keinen Rasen in ihrem Garten. Sie möchte eine Blumenwiese, von der viele Wildbienen und Schmetterlinge leben können. Aber wenn sie bisher etwas gesät hat, ist es nicht gewachsen. Doch nun ist Anke Simon da. Sie ist in einem kleinen Dorf im Schwarzwald aufgewachsen, war ein echtes Naturkind. Mit ihrem roten Klemmbrett, einer roten Windjacke und der Brille im Haar steht die 55-jährige Beraterin im Garten der Eichenauer Familie und erklärt, wie aus der Wiese, auf der immerhin viele Gänseblümchen blühen, eine Blumenwiese werden kann.

Wenige Tage später geht es bei einem Online-Vortrag um die Frage, warum Blumenwiesen ein wichtiger Bestandteil eines insektenfreundlichen Gartens sind. Etwa 50 Garten- und Balkonbesitzer, die jetzt im Frühling wissen möchten, wie sie Wildbienen, Hummeln und Schmetterlinge, aber auch Kröten und Vögel in eine grüne Oase locken können, hören der studierten Forstwirtin, zertifizierten Waldpädagogin, Wildbienen- und Biberberaterin sowie Umweltpädagogin gespannt zu.

Vortrag und Gartenberatungen sind Teile des Projekts "Mehr Arten im Garten", das die Stadt Puchheim und die Gemeinde Eichenau aufgesetzt haben. Die Kommunen arbeiten eng mit dem Bund Naturschutz (BN) zusammen. "Die privaten Gärten stellen einen großen Schatz im Kampf gegen den Artenschwund dar", heißt es auf der Puchheimer Homepage. "Blumenwiesen statt Rasen, Wildstauden statt Exoten mit gefüllten Blüten, einheimische Sträucher statt Forsythien und Thujen - es ist nicht schwer, aus dem eigenen Garten ein Paradies für Mensch, Pflanze und Tier zu schaffen." Jeder Garten- und sogar jeder Balkonbesitzer könne zur Artenvielfalt beitragen - durch die richtige Auswahl der Pflanzen und durch die Gestaltung.

Wer sich das alleine nicht zutraut, der bekommt Unterstützung, durch die Broschüre "Mehr Arten im Garten" oder durch Anke Simon persönlich. Die Kommunen haben ihren Bürgerinnen und Bürgern jeweils zehn kostenlose Beratungen angeboten. Die Nachfrage war riesig, die Termine waren schnell weg, es gibt Wartelisten. Simon kommt zu den Leuten, fragt sie nach ihren Wünschen und lässt sich zeigen, was im Garten schon gut funktioniert und wo noch Schwachstellen sind. Sie empfiehlt bestimmte Pflanzen oder Vorgehensweisen, die Wildtieren ein Rückzugsraum bieten können. "Es ist ein Angebot für Menschen, die sich interessieren, aber sich nicht trauen", erklärt sie. Schottergartenbesitzer werde sie eher nicht erreichen, das sei ihr klar, aber auch schade.

Wer Tiere im Garten haben will, müsse ihnen einiges bieten, sagt Simon in ihrem reich bebilderten Vortrag: Einen Unterschlupf für die Nacht und den Winter, Raum für die Fortpflanzung und natürlich Nahrung. Das schönste Insektenhotel werde nicht bezogen, wenn die Gäste in seiner Umgebung nichts zu fressen finden. Hier kommt die Blumenwiese ins Spiel, die Marion Behr gerne anlegen möchte. Bestückt mit heimischen Pflanzen, liefert sie Wildbienen, zu denen auch die Hummeln zählen, Nektar und Pollen. Den brauchen die Tiere, um einen Nahrungsvorrat für ihre Larven anzulegen. Viele sind so stark spezialisiert, dass sie nur mit wenigen Pflanzenarten zurechtkommen, die allesamt heimisch sind.

Stehen im Garten zu viele Exoten oder Pflanzen mit gefüllten Blüten, finden die Bienen keine Nahrung, die Nisthilfe bleibt leer. Neben Blumen sind auch die Blüten von Bäumen und Sträuchern gute Futterquellen, beispielsweise Weiden, die sehr zeitig blühen und so wichtige erste Nahrung nach dem Winter bieten. Dabei, so erklärt es Simon im Garten der Familie Behr, sind Insektenhotels vor allem für die Menschen im Garten schön, weil die die kleinen Brummer dort gut beobachten können. "Ein Insektenhotel an der Wand, daneben ein Liegestuhl - herrlich!", sagt Simon. Stundenlang könne sie den fleißigen Bienen zuschauen.

Einen Beitrag zum Artenschutz leisteten die Nisthilfen aber eher nicht, weil viele Bienen etwas anderes brauchen - offene, sandige oder lehmige Bodenstellen zum Beispiel, oder alte Mauselöcher. 560 Wildbienen-Arten gibt es in Deutschland, und drei Viertel von ihnen bauen ihre Nester im Boden, in Blumentöpfen oder sogar in leeren Schneckenhäusern.

Womit Anke Simon bei den Plätzen wäre, die Tiere als Unterschlupf brauchen, aber in aufgeräumten Gärten, die Outdoor-Wohnzimmern gleichen, nicht finden. Sie plädiert also für weniger Ordnung und mehr Steinhaufen, in denen sich Hummeln oder Eidechsen verkriechen können. Für Totholzhaufen, in denen Käfer leben und unter denen Kröten überwintern. Für Asthaufen, in denen die winzigen Zaunkönige brüten, die zu den kleinsten heimischen Vögeln zählen. Und für Trockensteinmauern mit vielen Lücken für kleine Pflänzchen und Tiere sowie für begrünte Flachdächer. "Auch Ameisen, Spinnen und Tausendfüßler sind Teil des Ganzen, und wir gehören auch dazu", sagt Simon. Mähroboter lehnt sie strikt ab. Nicht nur, weil die jedes Blümchen abschneiden, lange bevor es blühen kann, sondern auch, weil die scharfen Messer Tieren wie jungen Igeln, schwerste, ja sogar tödliche Verletzungen zufügen können.

Totholz im Garten haben Marion Behr, Gemeinderätin der Grünen in Eichenau, und ihr Mann Robert Reuter schon, auch einen Teich, in dem Kröten und Frösche laichen. Sie haben sich als "Beispiel außer der Reihe" für den Besuch der Süddeutschen Zeitung bei einer Gartenberatung zur Verfügung gestellt. In ihrem Garten ist vieles bereits naturnah, aber mit der Blumenwiese will es eben nicht klappen. Das liegt, wie Anke Simon erklärt, nicht am "schlechten Boden", wie Behr vermutet - die schönsten, artenreichsten Wiesen wachsen auf nährstoffarmen, mageren Böden.

Anke Simon im Garten der Familie Behr-Reuter in Eichenau bei der Beratung. Die Wildbienen-Expertin sprudelt vor Ideen und macht sich viele Notizen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Das Gras ist es, das den Blumen kaum eine Chance lässt. Es müsste also weg. Simon empfiehlt drei Methoden: Man kann die Grasnarbe abtragen und die Fläche mit magerem, kiesigem Erdaushub sowie etwas Humus oder Kompost auffüllen. Anschließend kann man mit standortgerechtem, heimischen Saatgut säen. Das eignet sich vor allem für kleine Flächen. Bei der Burri-Methode für größere Flächen wird der Boden aufgefräst. Das wiederholt man dreimal, dann können Wildblumensamen ausgestreut werden. Oder man siedelt den Klappertopf an, eine hübsche, gelb blühende, heimische Schmarotzer-Pflanze, die mit ihren Wurzeln in die Wurzeln von Gräsern wächst und ihnen Nährstoffe absaugt. Die Gräser werden schwächer, sie wachsen weniger dicht. Die Blumen haben bessere Chancen, die Artenvielfalt steigt.

Behr wiegt nachdenklich den Kopf, so ganz überzeugt ist sie von keiner der Optionen. Vielleicht wird sie zunächst einfach ein paar Stauden pflanzen. Oregano hat sie schon im Garten - "die Hummelpflanze schlechthin", lobt Simon. Auch Akelei und Wiesensalbei kommen infrage. Mit der Hecke der Familie Behr-Reuter ist Simon auch recht zufrieden. Dort wachsen einige Pflanzen, von denen Insekten etwas haben. Beispielsweise Liguster, den Simon sehr lobt, weil seine Blüten eine gute Bienenweide sind und an den Blättern die Raupen des Ligusterschwärmers fressen. Während Wildbienen oft schon im Garten leben und dem ungeübten Auge nur nicht auffallen, weil viele Arten klein und unscheinbar sind und eher an Fliegen erinnern als an Bienen, ist es der Expertin zufolge viel schwerer, auch Schmetterlingen den Garten schmackhaft zu machen.

"Wer Schmetterlinge haben will, muss auch Raupen wollen", zitiert sie sinngemäß den Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry. Die Raupen brauchen natürlich die passenden Futterpflanzen. Wenig überraschend sind es erneut heimische Gewächse, an denen sie gerne knabbern. Kirschlorbeer schmeckt ihnen gar nicht, Weiden, Schlehe und Faulbaum haben sie dagegen zum Fressen gern, Bambus, Thuja und Forsythia verschmähen sie. Thujen und Forsythien stehen noch im Eichenauer Garten der Familie Behr-Reuter, sollen aber bald Platz machen für tierfreundlichere Pflanzen. Simon sprudelt nur so vor Ideen, wie man sie ersetzen könnte: Durch Weiden, von denen es auch kleinbleibende Sorten gibt, durch kleine Obstbäume, durch eine Berberitze, deren Früchte nicht nur Vögel gerne fressen, sondern aus denen man auch Marmelade machen kann. "Eine tolle Bienenweide", schwärmt sie. "Und mit ihren stacheligen Zweigen bietet sie Vögeln geschützte Nistplätze." Holler sei eine Nahrungsquelle "für alles mögliche", aber nicht für Wildbienen. Im Garten ist er dennoch gern gesehen. Beim Walnussbaum, den Behr aus dem Garten werfen möchte, weil sie fürchtet, er könnte zu groß werden, rät Simon zum Behalten. Denn er ist eine Nahrungsquelle für Eichhörnchen - und für Menschen.

Denn jeder Garten, das ist der Beraterin wichtig, soll auch für die Menschen da sein. "Wir sind keine Extremisten", betont sie. Ein Ziel der Beratung ist, "dass die Menschen sich eingebunden fühlen". Simon fragt deshalb auch immer die Familiensituation ab, denn Familien mit Kindern bräuchten einen anderen Garten als Berufstätige oder Rentner. "Der Garten darf sich auch wandeln mit einem selbst." Bis er naturnah ist, brauche es Geduld, nicht alles müsse sofort passieren, viele kleine Schritte funktionierten genauso.

Während der Beratung macht sich Simon laufend Notizen. Manches muss sie noch recherchieren, etwa, welche kleinen Obstbaum-Sorten es gibt, die sich für eine lockere Heckenpflanzung am Behr'schen Zaun eignen würden. Sie sei froh, dass sie ein gutes Netzwerk im Landkreis habe und beispielsweise den Kreisfachberater für Gartenkultur und Landespflege, Sebastian Storch, anrufen und nach passenden Bäumen fragen könne.

Nach dem Termin im Garten stellt sie individuelle Pflanzlisten zusammen, ausgesucht nach den Wünschen und Bedürfnissen der Gartenbesitzer. Dann geht es an die Beschaffung der gewünschten Pflanzen. "Es ist recht schwierig, die heimischen Pflanzen zu bekommen", sagen Simon und Behr. In der Gärtnerausbildung war das bisher kein wichtiges Kriterium. Man muss sich also vor dem Kauf am besten selbst informieren. Aber nicht jeder hat die Lust oder die Zeit, sich damit auseinanderzusetzen. Die Baumärkte sind nach Simons Erfahrung keine gute Quelle. Sie hätten vor allem ein Interesse daran, jedes Jahr wieder einjährige Pflanzen zu verkaufen. "Ich habe seit mehr als 20 Jahren eine Glockenblume im Garten", sagt Simon. "So eine Pflanze zu verkaufen, ist für einen Baumarkt aber unattraktiv." Mehr Geld sei eben an Pflanzen verdient, die die Gärtner nach einer Saison wieder ersetzen müssen. Simon empfiehlt im Landkreis Fürstenfeldbruck die Gärtnereien Strasser und Würstle.

Die Zuhörer des Vortrags erhalten zudem eine umfangreiche Literaturliste. Wer weitere Anregungen sucht, dem empfiehlt Anke Simon einen Ausflug nach Wartaweil am Ammersee, zum dortigen Naturschutz- und Jugendzentrum des Bundes Naturschutz, wo es eine Outdoor-Ausstellung zum Thema gibt. Noch nicht ganz fertig ist der Puchheimer Wildbienen-Garten an der Alten Bahnhofstraße/Ecke Mühlstetterweg. Er soll am 26. Juni eröffnet werden und ist per Rad gut zu erreichen. Parkplätze gibt es dort nicht. Für 20. Juni plant die Stadt Puchheim einen Tag der offenen Gärten, bei dem Besucher sich Tipps holen können. Am 15. Juli soll ein weiterer Vortrag über naturnahe Gärten mit Anke Simon stattfinden, wenn es die Corona-Lage erlaubt, in Präsenz statt online.

Broschüre "Mehr Arten im Garten", zu bestellen bei den Kommunen Eichenau und Puchheim. Infos zu Anke Simon unter http://www.umweltbildung-simon.de/

© SZ vom 08.05.2021
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