Nahverkehr Mehr Gewinner als Verlierer

Im Landratsamt rechnet man damit, dass durch die MVV-Tarifreform 70 Prozent der Fahrgäste weniger bezahlen müssen. Pro Bahn kritisiert, dass S-Bahn-Fahrer in stadtnahen Kommunen stärker zur Kasse gebeten werden

Von Peter Bierl, Fürstenfeldbruck

Die MVV-Tarifreform beschert Fahrgästen im Landkreis Vor- und Nachteile. Für die Mehrheit wird es günstiger, aber wer nur mit der S-Bahn etwa nach Pasing oder Laim fährt, muss tiefer in die Tasche greifen. "Es ist ein richtiger Schritt in die richtige Richtung", sagte Landrat Thomas Karmasin (CSU). Das große Ziel ist ein sogenannter Entfernungstarif, in dem alle gefahrenen Kilometer gleich viel zählen, die Passagiere über eine App auf dem Smartphone oder eine Chipkarte bezahlen. Dafür ist eine technische Aufrüstung notwendig. Bei den Bussen soll damit im Herbst begonnen werden.

Eichenauer im Vorteil: Wer mit Monatskarte von dort aus in die Stadt fährt, profitiert besonders von der Tarifreform. Sein Ticketpreis sinkt nach Berechnungen von Hermann Seifert, dem Nahverkehrsfachmann im Landratsamt, um 13 Prozent.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Nach jahrelangen zähen Verhandlungen haben sich die Gesellschafter des MVV auf eine Reform geeinigt, die das Tarifsystem übersichtlicher machen soll. Anstelle von sechzehn Ringen und Zonen wird es ab 9. Juni 2019 nur noch sieben Zonen geben. Die wichtigste Neuerung im Landkreis besteht darin, dass Städte und Siedlungsgebiete als eine Zone gelten, so dass die Fahrt mit dem Bus zum Bahnhof inklusive ist. Das betrifft Bruck, Germering, Eichenau und Puchheim sowie Gröbenzell und Olching. "Das ist ein starkes Argument für das Busfahren", sagte Hermann Seifert, der ÖPNV-Koordinator im Landratsamt auf einer Pressekonferenz am Montag. Außerdem werden Tarifsprünge beseitigt, etwa zwischen Landsberied und Bruck, wo bisher vier Streifen gelöst werden müssen.

"Starkes Signal für das Busfahren": Städte und Siedlungsgebiete gelten künftig als eine Zone

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Wer viel in München unterwegs ist, profitiert von einer Flatrate, weil es in der Stadt nur noch eine Zone gibt. Die Kehrseite ist, dass Pendler aus dem Landkreis, die nicht zum Marienplatz fahren wollen, mehr bezahlen, weil die Flatrate teuerer ist, als bisher nur eine oder zwei Zonen in München. Der Fahrgastverband Pro Bahn kritisiert, dass besonders Pendler aus Kommunen an der Münchner Stadtgrenze mehr bezahlen müssten. "Das ist eine relevante Gruppe", betonte Andreas Barth, ein Sprecher von Pro Bahn. Seiner Ansicht nach wäre es besser gewesen, nur das Tarifsystem der Streifen- und Tageskarten zu verändern, ohne die Zeitkarten einzubeziehen. Außerdem werde die Isarcard 9 Uhr für das Gesamtnetz deutlich teurer werden, rügte Barth.

Mit dem Auto zur S-Bahn zu fahren, wird in etlichen Fällen überflüssig.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Der MVV geht davon aus, dass etwa fünf bis zehn Prozent der S-Bahn-Pendler davon betroffen seien, erklärte Seifert. Insgesamt schätzt er, dass der MVV für 70 Prozent der Nutzer günstiger wird. Streifenkarten werden günstiger und Tageskarten teurer. Bei der Isarcard werden nach Berechnungen Seiferts die Eichenauer und Olchinger profitieren, deren Monatskarten um etwa dreizehn Prozent günstiger werden sollen, in Buchenau und Maisach sind es sieben Prozent. Etwas mehr bezahlen müssen Brucker, Estinger und Gernlinder (plus 2,1 Prozent), in Gröbenzell und Puchheim bleibt der Preis fast unverändert. Seifert wies daraufhin, dass die Preise beim Fahrplanwechsel im Dezember nicht erhöht werden. Außerdem gibt es künftig ein Sozialticket, das die Preise um 40 bis 60 Prozent senkt.

Ein weiteres Manko ist, dass die Bahnhöfe Olching und Esting sowie Germering und Harthaus nicht in einer Zone liegen. "Das Schlimmste wäre, dass es bleibt wie es ist", antwortete Seifert auf die Frage, das nichts dazu verleitet, mit dem Auto nach Harthaus und Olching zu fahren, weil das Ticket nach München dort billiger ist. Karmasin und Seifert sehen deshalb in der MVV-Tarifreform nur eine Etappe. Ziel ist ein Entfernungstarif ohne Zonen oder Ringe. Voraussetzung dafür sei, dass alle Fahrten elektronisch abgerechnet werden können. Die Technik dafür fehlt noch. Deshalb sprach Monika Breier, die stellvertretende ÖPNV-Koordinatorin, davon, dass die Tarifreform nicht der große Wurf sei.