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Nachruf:Existenzielle Hingabe an die Musik

Reinhold Buhl; .

Neben dem Musizieren hatte Reinhold Buhl noch eine zweite große Leidenschaft: das Sammeln von historischen Hammerflügeln.

(Foto: Günther Reger)

Reinhold Buhl, ehemaliger Cellist des BR-Symphonieorchesters und Gründer der Marthashofener Kammerkonzerte, ist tot

Von KLAUS MOHR, Grafrath

Als der Cellist Reinhold Johannes Buhl 1996 in den Ruhestand gegangen ist, hat er quasi ein zweites Berufsleben begonnen. Seit 1968, also fast dreißig Jahre lang, hatte er als Solo-Cellist im Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks hautnah mit den größten Dirigenten dieser Zeit zusammengearbeitet. Dazu gehören viele klangvolle Namen, unter anderem die Chefdirigenten Rafael Kubelik, Sir Colin Davis und Lorin Maazel. Mit dem Erfahrungsschatz eines Orchestermusikers verschrieb sich Buhl von nun an der Kammermusik. Das offenbart auch sein Denken über ein Orchester, denn die große Besetzung war für ihn immer erweiterte Kammermusik. Die individuelle Verantwortung, die ein Kammermusiker für seine Stimme trägt, ist kennzeichnend für das Verständnis von Reinhold Buhl für die Musik insgesamt: Der Primat des Komponisten und der kompromisslose Versuch, Musik so klingen zu lassen, wie sie sich der Komponist vorgestellt hat, waren zeitlebens Richtschnur für sein Musizieren.

Um dieser Idee eine Realisierung zu ermöglichen, baute Buhl im hügeligen Gelände oberhalb der Amper in Grafrath auf dem weitläufigen Grundstück der Gesellschaft für Sozialgestaltung Marthashofen ein Haus. Als Gemeinschaftsimpuls des Cellisten und von Marthashofen entstand darin auch ein Konzertsaal, der primär der Musik, aber auch der Therapie gewidmet sein sollte. Die Eröffnung fand 1996 statt, eben jenem Jahr, in dem Buhl seinen Ruhestand antrat. Damit war der äußere Rahmen gegeben, in dem Kammerkonzerte stattfinden konnten.

Der Überzeugung von Buhl entsprach es, nie nachzulassen im Hinblick auf die Frage, was in der Musik richtig und angemessen ist. Er selbst bevorzugte in vielen Konzerten ein kostbares Violoncello von Giovanni Grancino, Mailand 1698. Auf diesem Instrument spielte Buhl nicht nur, er war fast mit ihm verwachsen. Die sonoren Kantilenen in der Höhe gelangen ihm darauf ebenso charakteristisch wie oft fast abgründige Passagen in der Tiefe. Vom sanften, sphärischen Ton im Pianissimo bis zum höchst expressiven Forte, das mitunter auch Geräuschanteile hatte reichte seine dynamische Spannweite. Sie kündete letztlich von der existenziellen Hingabe, die er in sein Musizieren legte.

Fast besessen war er, wenn es um Hammerflügel ging. Die Zeit des 18. und 19. Jahrhunderts ist gekennzeichnet durch wesentliche Entwicklungsschritte im Bau von Tasteninstrumenten. Das hat zur Folge, dass Komponisten nach nur wenigen Jahrzehnten ihre Werke für anders klingende Tasteninstrumente schrieben. Wie kaum ein anderer spürte Buhl originale Hammerflügel auf und kaufte sie an. Damit entstand eine einmalige Sammlung hochkarätiger und spielfähiger Instrumente, die seinen Konzertsaal gleichzeitig in ein Instrumentenmuseum verwandelten. Seine Originale ließ er mit hohem finanziellen Aufwand restaurieren und pflegen. Es war ein Glücksfall, dass Buhl seine Instrumente bereits 2012 in die "Christa und Reinhold J. Buhl Stiftung" einbrachte. Dadurch konnte sichergestellt werden, dass die einzigartige Sammlung an Instrumenten dauerhaft erhalten bleibt.

In insgesamt 175 hervorragend besuchten Kammerkonzerten traten äußerst namhafte Künstler auf: An vorderster Front ist Christoph Hammer zu nennen, der hier fast schon zum Inventar gehört. Aber auch der Bariton Dominik Wörner oder das Henschel Streichquartett gaben sich hier die Ehre. Zu den musikalischen Hausgöttern zählt unter anderem Ludwig van Beethoven. 2013 musizierte Reinhold J. Buhl sämtliche Werke für Violoncello und Hammerklavier Beethovens in einem Zyklus.

Man würde Reinhold J. Buhl nicht gerecht, wenn man nicht darauf hinweisen würde, dass die samstäglichen Konzerte um 17 Uhr in Marthashofen ohne staatliche Förderung und von ihm selbst in Personalunion für jedwede Tätigkeit verantwortet wurden. Seine Frau Christa blieb die gute Fee im Hintergrund. Der Eintritt in die Konzerte war stets kostenlos, jeder Besucher sollte geben, was ihm möglich war. Am 6. Januar ist Reinhold Johannes Buhl nun im Alter von 87 Jahren in seinem Marthashofener Haus verstorben. Sein Erbe besteht nicht nur aus seinen Instrumenten, sondern insbesondere aus der Idee, Musik zu machen. Die Marthashofener Kammerkonzerte werden von Christoph Hammer weitergeführt.

© SZ vom 16.01.2021
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