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Nach Beschwerden:Hahn Gustl muss den Schnabel halten

Idylle mit Hühnerleiter: Gustl mit einer seiner Gefährtinnen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Weil sich ein Nachbar bei der Stadt übers frühmorgendliche Krähen beschwert hat, darf ein Hahn das schalldichte Hühnerhaus im Garten einer Fürstenfeldbrucker Familie nur noch tagsüber verlassen.

Von Stefan Salger, Fürstenfeldbruck

Gustl hat sich schmollend unter einen Anhänger verzogen. Kein Wunder. Was nützt es, Hahn im Korb und Chef einer Entourage von sechs Damen zu sein, wenn man den Tag offiziell erst um 9.30 Uhr begrüßen darf. In den sechs zurückliegenden Jahren eines erfüllten Lebens trat Gustl so gegen vier oder fünf in der Früh an die offene Luke des Hühnerstalls, blickte hinaus auf Eichen, Birnbaum und die Welt da draußen und krähte vernehmlich und ausdauernd. Vorbei!

Das Unheil näherte sich vor ein paar Wochen in Gestalt zweier Mitarbeiter der Stadtverwaltung. Die machten Fotos und sprachen mit Wolfgang Unfried, 69, über die beiden Briefe, die im Abstand einiger Monate ins Landratsamt geflattert und von dort an die Stadt weitergeleitet worden waren. Über den Namen des Absenders durften die beiden nichts verraten. Über den Inhalt schon: Da war von Ruhestörung die Rede und von anhaltendem Krähen, das den Schlaf raube. Für Gustl nicht nachvollziehbar.

Gäbe es eine Betriebsbeschreibung für Hähne, so würde darin sicher stehen, dass es die vornehmste Aufgabe eines Gockels ist, Menschen rechtzeitig aus den Federn zu befördern. Das hat der Gallus gallus domesticus schon zu Zeiten der alten Römer und Gallier so gehandhabt - und im Garten der Unfrieds auch schon seit unzähligen Generationen. "Bei meinem Vater lebten früher neben Hühnern und Schweinen auch Ponys und Hasen im Garten", sagt Roswitha Unfried. Ein Stück Natur mitten in der Stadt. Könnte Gustl da nicht aufs Gewohnheitsrecht pochen?

Wolfgang Unfried sitzt auf der Terrasse und gibt sich gelassen. Und doch wurmt es ihn sichtlich, dass sich da jemand anonym beschwert. "Der hätt' ja kommen können und mit uns reden." Aber niemand kam. Nach dem zweiten Beschwerdebrief klapperte Unfried die ganze Nachbarschaft in dem ruhigen Brucker Stadtteil Buchenau ab und fragte, ob sich jemand durch Gustls Weckrufe gestört fühle. Nichts, im Gegenteil: 44 Nachbarn dokumentierten das mit ihrer Unterschrift, die Liste präsentierte Unfried im Rathaus. Dort wurde hin und her überlegt, was - auch im Sinne der "nachbarschaftlichen Rücksichtnahme"- ratsam erscheint. Rein rechtlich hätten Gustl und die Unfrieds nichts zu befürchten, können sie sich doch durch ein im April in einem anderen Fall vom Bayerischen Verwaltungsgerichtshof gefälltes Urteil bestätigt fühlen. Zudem wäre dann konsequenterweise auch ein Maulkorberlass fällig für die zwei oder drei anderen Hähne im Stadtgebiet, die Gustls Weckrufe früher erwiderten, oder die viel lauteren Glocken der nahegelegenen Gnadenkirche.

Letztlich stimmte die Familie dennoch einem Kompromiss zu: Eine Zeitschaltuhr steuert nun die Tür des kleinen, schallgedämmten Holzhäuschens. Vormittags öffnet sie sich um 9.30 Uhr, abends schließt sie sich um 20 Uhr. Hühner und Hahn haben sich mittlerweile daran gewöhnt, nur ganz selten muss Wolfgang Unfried einem Tier, das den Zapfenstreich verpasst hat, noch mal die Tür öffnen. In den frühen Morgenstunden ist nun bestenfalls bei sehr genauem Hinhören ein gedämpftes "Kikeriki" zu hören.

Wolfgang Unfried vor dem Hühnerhaus mit Rädern und Schließautomatik.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Ganz ausbürgern möchten die Unfrieds Hahn und Hühner keinesfalls. Die gehören zur Familie, liefern Tag für Tag drei oder vier Öko-Frühstückseier, sind für den Sohn Matthias Unfried, einen 42 Jahre alten Schreinermeister, der im rückwärtigen Haus wohnt, ein Hobby - und für die kleinen Enkelkinder zurzeit das faszinierendste Naturerlebnis auf dieser Welt. Gustl darf also bleiben, bis er altersschwach von der Stange kippt. Sicherheitshalber bleibt er trotzdem vorerst unterm Anhänger. Ist ja noch ein bisschen hin bis acht.

© SZ vom 28.09.2016/kbl

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