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Musik:Vorsingen auf höchstem Niveau

PUC Vorsingen

Katharina Durka ist eine der Mezzosopranistinnen, die beim Casting im Puchheimer Kulturzentrum vorsingt.

(Foto: Günther Reger)

Puchheim sucht eine Mezzosopranistin für eine Opern-Inszenierung

Im Foyer des Puchheimer Kulturcentrums (Puc) laufen zwei Frauen hin und her und singen sich ein. Vorsingen ist ein gängiges Casting. Eine Mezzosopranistin für eine Opernaufführung wird in Puchheim gesucht. Silke Wenzel und Michael Kaller haben sich zehn Meter von der Bühne entfernt in der Mitte des großen Saales an einem Tisch platziert, um den Klang der Stimmen besser zu vernehmen. Die Expertin für Operngesang und der Puchheimer Kulturamtsleiter, der Regisseur der Oper, empfangen jede Sängerin sehr freundlich. Wenzel holt die Frauen mit einem Lächeln an der Tür ab und nimmt ihnen schon mal die erste Aufregung. Gerade kommt die Engländerin Grace Lovelass in den Saal hinein. Nach der Begrüßung geht die groß gewachsene Sängerin auf die Bühne und gibt dem Münchner Korrepetitor, dem Pianisten Michael Sachs, ihre Noten.

"Was haben sie vorbereitet?", fragt Wenzel auch Lovelass. Sie singt ihr Lieblingsstück, eine Arie von Mozart. Danach kommt das Pflichtstück aus der Oper "Die schöne Galathée" von Franz von Suppé dran. Die Oper wird im Oktober 2020 in Puchheim aufgeführt. Lovelass singt wie alle die erste Strophe von "Wir Griechen...". Gesucht wird von Wenzel und Kaller eine Sängerin, die die Rolle des Ganymed übernimmt. Es ist eine sogenannte "Hosenrolle" - eine Frau singt die Partie, die für einen Mann zu hoch wäre. Auch für Lovelass ist nach zehn Minuten alles vorbei. Die Engländerin hat eine mächtige Stimme, die im großen Saal bis in die hinterste Reihen durchdringt. Sie ist extra zum Vorsingen von Dorset in England nach Puchheim angereist, um sich für die Rolle des Ganymed zu bewerben.

Vorsprechen bei Schauspielerinnen oder Vorsingen bei Sängerinnen und Sängern - das ist immer eine unangenehme Situation. Auch der Beobachter leidet da mit. 20 Sängerinnen haben sich angemeldet, etwa ein Dutzend singt schließlich vor. Sie kommen aus allen Ecken Deutschlands, aber auch aus Wien, Zürich und wie Lovelass aus England. Ihre Fahrtkosten müssen die Sängerinnen selber zahlen. Ein großer Aufwand für eine zehnminütige Bewährungsprobe, an der die Karriere hängen kann und auch die materielle Existenz. "Ich habe mich heute Morgen in Zürich in den Bus gesetzt", sagt eine 38-jährige Sängerin, die auch Schauspielerin ist. Gegen 14 Uhr ist ihr Auftritt und abends geht es wohl wieder zurück in die Schweiz. Wie offenbar die meisten ihrer Kolleginnen kann sie von ihrem Beruf nicht leben und hat einen Nebenjob. "Die Gagen werden immer schlechter, genauso wie die Stellenangebote", beklagt die Freiberuflerin. Die Konkurrenz ist groß, weil es so viele gute Sängerinnen gibt. "Ich bekomme auch Bewerbungen von Sängerinnen, die schreiben mir, dass sie auch umsonst singen würden", erzählt Silke Wenzel, die das Musikarrangement für die Oper schreibt und die als Sopranistin die Titelrolle - die Galathée - singen wird.

Brauchen doch die Künstlerinnen etwas für ihre Vita, mit der sie sich bewerben müssen. Sogar aus Australien habe sie bei der letzten Puchheimer Oper vor drei Jahren eine Bewerbung erhalten. Wenzel hat der Sängerin empfohlen, die weite Reise nach Puchheim - quasi auf Verdacht - nicht anzutreten. Paloma Pelissier, 32, wohnt in Weimar. Sie ist Französin, spricht aber auch sehr gut Deutsch. Auch sie hat schwer zu kämpfen im Geschäft der Opern- und Operettensängerinnen. Auch die 32-Jährige geht einer Arbeit nach. Puchheim ist erst die zweite Station, wo sie vorsingt. Mit ihrem Vorsingen ist sie zufrieden. Jetzt muss sie einige Tage warten, bis sich Wenzel und Kaller entschieden haben.

Welche Kriterien legt die Jury an, die fast drei Stunden lang das Vorsingen abgenommen hat? Stimmführung, Qualität der Obertöne oder ein Timbre, das das Publikum betören könnte. "Ich achte auch darauf, dass der Typ zum Ensemble passt", bekräftigt Kaller. Puchheim ist die einzige Stadt im Landkreis, die sich immer wieder an eine Eigenproduktion einer Oper wagt. Das bindet enorme Kräfte, aber der Ehrgeiz von Kulturamtsleiter Kaller ist da. "Wir werden vier Wochen proben müssen, bis die Inszenierung steht", sagt der Regisseur. Der Aufwand reduziert sich etwas, weil das Ensemble nur aus zwei Sängerinnen und zwei Sängern besteht. Anders als bei einigen Theatern, die die Abendeinnahmen je nach Rollengröße auf die Sänger verteilen, zahlt Puchheim den Akteuren eine Festgage für die Probenzeit und vier Vorstellungen. Das Orchester ist klein. Sechs Instrumente werden besetzt. "Das ist unser Puchheimer Taschenorchester", sagt Wenzel und man spürt ihre Vorfreude auf die Produktion. Sie muss die Musik dann Note für Note von einem großen auf das Taschenorchester umschreiben. Die Musik der Opern-Ouvertüre werden die Besucher sofort erkennen: Der G-Dur-Walzer wurde zur Titelmelodie der legendären Fernsehserie "Kir Royal".