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Musik in Gröbenzell:Freiheit der Improvisation

Big-Bands

Streicher mit Jazz-Klängen: die Bluestrings bei einem Auftritt im Fürstenfeldbrucker Fliegerhorst.

(Foto: Günther Reger)

Die Jazzstreicher-Gruppe "Bluestrings" spielt ein Neujahrskonzert im Stockwerk

Improvisation ist das Perpetuum Mobile des Jazz; Nomen wie Freiheit, Formbarkeit, Flexibilität der Inbegriff einer Musikrichtung, die sich seit ihrer Entstehung der Starrheit der Hochmusik erwehrt. "Den Ausdruck eines Menschen über das Medium der Musik zu übertragen, das hat Jazz optimiert. Bei uns wird an jedem Stück improvisiert, immer fließt etwas Spontanes, Neues und Kreatives mit ein. Heute spielen wir so, morgen so. Auf unseren Konzerten findet immer irgendetwas statt, das nicht in dieser Art und Weise in der Probe einstudiert wurde", sagt Frank Wunderer, Leiter der Streicher-Bigband "Bluestrings".

Dieses Ausprobieren, die Suche nach einem eigenen, charakteristischen Klang, lässt sich auch am Programm des nächsten Konzerts der Band im Stockwerk ablesen. Nirgendwo sonst spielt das Ensemble so regelmäßig. Mittlerweile gehört das Neujahrskonzert in Gröbenzell zum festen Bestandteil des Terminkalenders. In dem Repertoire der Band, das am kommenden Freitag vorgestellt wird, finden sich acht neue Stücke, arrangiert von Wunderers Schülern. Darunter ein gänzlich neu komponiertes Werk, eine Ur-Ur-Aufführung sozusagen. Das "neue Gewand", wie Wunderer den Wandel im Programm bezeichnet, umkleidet die Entwicklung, die von seinen Musikern im vergangenen Jahr durchlaufen wurde. Wo früher Einflüsse von Folk hörbar waren, untermalen die Jazzstreicher ihr elftes Konzert im Kulturzentrum mit poppigen und bluesigen Klängen von Alicia Keys oder Van Morrison. Ein Jazzgitarrist aus den eigene Reihen trägt ebenfalls zur Kreation eines neuartigen Sounds bei.

Klassik erreicht Jugendliche heute weniger als früher, Streichinstrumente jedoch liegen wieder hoch im Kurs. "Jazz ist viel kombinierbar, mit Weltmusik, Hip-Hop- Beats, elektronischen Klängen", erklärt der 55-Jährige. Eine Zusammenarbeit mit dem japanischen Instrumentenbauer Yamaha ermöglichte dem Tassilo Preisträger von 2016, sich weiter auszuprobieren. "Das Unternehmen hat uns mit elektronischen Instrumenten ausgestattet und damit ermöglicht, unsere Stücke mit einer Lichtshow zu umrahmen", erzählt er. Auch der Autobauer BMW, seit kurzem Partner des Ensembles, trug zum Erfolg des Events bei.

In Anlehnung an die Erfahrungen im Vorjahr will Wunderer 2020 einen digitalen Unterrichtsraum in der Kreismusikschule einrichten, mit elektronischem Equipment wie E-Violinen, E-Kontrabass, Rock-Geige. Denn: "Das ist der Geigenunterricht der Zukunft." Die Kreismusikschule arbeitet Hand in Hand mit Wunderer, wird in der Jazzstreicherklasse doch der Nachwuchs geformt, der später bei den Bluestrings spielen darf. Die Bürgerstiftung Fürstenfeldbruck fördert das Ensemble finanziell. Bis man als Violinist eine E-Geige versteht, braucht man bei intensivem Training etwa zwei Jahre. "Die Phrasierung des Bogens funktioniert ganz anders. Wenn ich bei einer normalen Violine ein bisschen lauter spielen würde, klingt das bei der E-Geige gleich viel lauter", sagt er. "Durch das Einbringen von Fantasie und Kreativität stehen Musiker vor einem Pool unendlich neuer Möglichkeiten von Effekten", sagte er über das Potenzial von Elektroinstrumenten.

Das Improvisieren rückt die Bewertung von falschen und richtigen Tönen laut Wunderer in einen gänzlich neuen Kontext. Natürlich klingen manche Tonkonstellationen dissonanter als andere, aber auch die Klänge der einzelnen Instrumente variieren permanent. Der Musikpädagoge motiviert seine Schüler früh, sich auszuprobieren. Er selbst ist noch mit klassischer Hausmusik aufgewachsen. In Orchestern und Kammermusik-Gruppen hat er musiziert, immer vom Blatt. Irgendwann empfand er diese Gleichförmigkeit als beengend. "Im Orchester weiß man heute schon, wie es morgen klingt und wie es dann letztendlich auch auf der Bühne klingen muss", erläutert Wunderer.

Im Winter letzten Jahres startete der Violinist ein neues Projekt. "Unser Label habe ich zu einem Zeitpunkt gegründet, an dem die Herstellung und der Verkauf von CDs eigentlich nicht mehr interessant sind. Gedacht war das Label ursprünglich als Sammelpool exotischer Jazzstreicherprojekte. Der Bedarf ist aber tatsächlich nicht da. Der ursprüngliche Gedanke eines Labels, zu vernetzen, das passiert heute in den sozialen Netzwerken", sagt er. Oder bei den großen Streaming-Plattformen. Die Fülle an Dateien, die diese bereit halten, findet Wunderer fantastisch, leicht lässt sich zurückverfolgen wie Stephane Grappelli in diesem oder jenem Stück zu dem und dem Zeitpunkt klang. Sehr problematisch hingegen ist für ihn die faire Bezahlung.

Der Erfindungsreichtum ließ Blue-strings auch über die Grenzen des Landkreises, sogar über die Grenzen des Landes, bekannt werden. In Spanien, Italien und Frankreich war das Ensemble bereits auf Tour, Rügen und Leipzig folgen bald. "Nach sieben Konzerten in einer guten Woche ist man ganz schön platt und fertig, aber das sind auch unglaubliche Erfahrungen, die man da sammelt", findet Wunderer. Intensive Proben mit professionellen Musikern schlagen sich umgehend auf den Klang der Band nieder. "In den Workshops mit Jazz-Cellist Stefan Braun und Hochschuldozent Max Grosch zum Beispiel sind die Musiker noch während der Probe scheinbar zusammengewachsen. Die neue Energie hat sich schnell auf das Spiel übertragen, ist im Körper angekommen, weil man sich voll und ganz auf die Musik konzentrieren kann und nicht noch bei anderen Sachen hängt", sagt er.

Für das Neujahrskonzert im Stockwerk haben sich bereits 200 Gäste vorangekündigt. Für weitere 180 Personen ist noch Platz. Dann wird es aber wirklich eng, lacht Wunderer. Der Raum eines Gebäudes ist weitaus weniger offen als der, den Musik schafft.

Neujahrskonzert der Bluestrings, Freitag, 24. Januar, Stockwerk Gröbenzell, 20 Uhr, Tickets unter www.stockwerk.de/tickets oder an den Vorverkaufsstellen. Der Preis pro Karte beträgt 19 Euro.

© SZ vom 23.01.2020
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