Süddeutsche Zeitung

Schöngeising:Hänsel und Gretel treffen Rotkäppchen

Lesezeit: 2 min

Märchenfiguren scheinen in Zeiten von Netflix und Youtube out zu sein. Die Heinrich-Scherrer-Musikschule gibt ihnen in der sehenswerten Aufführung des Musicals "Es wa(h)r einmal" eine Stimme.

Von Manfred Amann, Schöngeising

Sind Märchen out? Nun ja, Märchenfiguren wie Rumpelstilzchen, Hänsel und Gretel, Rotkäppchen und die Hexe jedenfalls glauben dies. "Niemand will mehr Märchen lesen oder hören", klagen sie singend mit einem 16-köpfigen "Chor der Märchenfiguren" zu Beginn des Musicals "Es wa(h)r einmal", das die Heinrich-Scherrer-Musikschule (HSM) extra in Auftrag gegeben und einstudiert hat, um "Die einzige wirklich wahre Märchengeschichte" zu erzählen und auf das Problem hinzuweisen, dass Kurzvideos oder Netflix die traditionellen Märchen aus der Erlebniswelt der Kinder verdrängen.

Mehr als 30 Musikschüler im Alter von sechs bis 17 Jahren zeigen an zwei Aufführungstagen im neuen Kultursaal des Gemeinschaftshauses in Schöngeising einem begeisterten Publikum eine prächtige Show und beweisen, dass man zusammen Großes bewirken kann. Anerkennung gibt es für das Bühnenbild von Angela Winckhler sowie für die Kostümierung und die Maskierung durch Eva Gauck und Monika Krucker. Die musikalische Leitung obliegt Stefan Delanoff, der die Musicallieder komponiert hat. Die Texte (Libretto) stammen aus der Feder der musikpädagogischen Leiterin der HSM, Jutta Winckhler, die auch Regie führt.

"Jedes einzelne Kind ist voll bei der Sache, und es ist wunderbar, wie gekonnt, fast profimäßig manche ihre nicht einfache Rolle spielen", lobt eine Mutter, deren vierjähriger Sohn wie andere kleinere Kinder begeistert mitsingt, trampelt, klatscht und tanzt, gerade so wie es die älteren Kinder auf der Bühne vormachen. "Wir sind stolz, dass unserer Enkelin bei der großartigen Aufführung mitmachen darf, seit Wochen ist sie im Musicalfieber und hängt nicht mehr so viel vor der Glotze", meint eine Oma in der Premierenpause.

Dass die Musikschule ein so opulentes Gemeinschaftswerk auf die Bühne bringe, sei für die Entwicklung der Kinder - nicht nur musikalisch gesehen - sicher von Vorteil.

Auch der vermeintlich böse Wolf lebt im Wald und will einfach seine Ruhe haben

Zum wahren Märchen: Weil nur noch selten Märchen erzählt werden, langweilen sich Figuren wie Rumpelstilzchen, Prinzen und Prinzessinnen und schmieden einen Plan. Sie wollen raus aus der stickigen Stadt und sich im Wald in den Ruhestand zurückziehen. Doch dort wohnen seit jeher Papageno, der weise Rabe und sein Begleiter Raab, die über die Ordnung im Wald wachen (wunderbar verkörpert durch Alba Thiel Aceves und Johanna Mauerer). Und auch der vermeintlich böse Wolf lebt dort und will seine Ruhe haben.

Viele Märchenfiguren haben Angst, besonders das Rotkäppchen, das einst vom Wolf gefressen und vom Jäger gerettet wurde. Doch Papageno weiß, dass dies nicht stimmt und verrät, dass diese Mär nur erfunden wurde, um den Wolf vor ungebetener Gesellschaft zu schützen. Hänsel und Gretel (überzeugend gespielt von Sarah Schwarzer und Liv Konstantinidis) entdecken, dass der Wolf (singend und tänzelnd glanzvoll von Nina Anton in Szene gesetzt) gar keine große Narbe hat, die das Aufschneiden des Bauches durch den Jäger belegen würde, und versuchen nun, ihn mit den anderen zu versöhnen.

Der Wolf bedauert die Geschichte und umarmt das Rotkäppchen (von Alicia Renner de Vargas Pfahl bestens interpretiert), das er einst als Welpe beim gemeinsamen Spiel nur verletzt hat. "Ich will doch nur ungestört leben können", wünscht er sich. Daher habe er die falsche Erzählung bislang auch gedeckt. Und als schließlich Rotkäppchens Oma singend die Geschichte bestätigt, ist die Märchenwelt versöhnt und hat eine Erzählung mehr. Den "Song der Großmutter" hat Niklas Schinke komponiert.

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