Mehr als 600 Menschen sind aufgestanden und applaudieren – mehrere Minuten lang. Es ist kein Parteitag, sondern ein Handballspiel. Und die sportlichen Protagonisten sind zu allem Überfluss auch noch abgestiegen – die Zuschauer klatschen trotzdem. Auf dieses Publikum, auf dessen Begeisterungsfähigkeit, können sie sich verlassen in Fürstenfeldbruck. Denn auch wenn es der erzwungene Rückzug aus der dritten Liga nicht vermuten lässt: Sie haben Großes vor und wollen die Keimzelle werden für Bundesliga-Handball in München.
Ein ehrgeiziger Plan. An das neue Gefühl konnten sie sich kürzlich schon mal gewöhnen: Pressetermin für das Projekt in München, neuer Name mit München statt Fürstenfeldbruck. Für die Handballer aus dem Landkreis im Westen der Landeshauptstadt brechen völlig neue Zeiten an. Sie werden künftig als Münchner Panther an den Start gehen und nicht mehr wie bisher als Brucker Panther oder als TuS Fürstenfeldbruck. Zur neuen Saison binden sie sich in einer Spielgemeinschaft an die Handballgemeinschaft (HG) München – einen neuen, für das Bundesliga-Projekt gegründeten Verein der beiden ehemaligen Handball-Nationalspieler Dominik Klein, 42, und Steffen Weinhold, 39.
Damit das Vorhaben nicht ganz unten starten muss, brauchte es die Lizenz eines anderen Vereins. Die liefert der TuS Fürstenfeldbruck. Die dritte Liga als Ausgangsbasis ist indes dahin, das Klassenziel wurde mit dem Abstieg verfehlt. Von Herbst an ist das Einsatzgebiet wieder auf Bayern beschränkt und die Konkurrenz ist mit ein paar Münchner Klubs nahe. Man bemüht sich, die Situation als Aufbruch und Vorfreude auf viele Derbys darzustellen. Auch, weil es ohne das Vorhaben von Dominik Klein für Fürstenfeldbruck „schwierig gewesen wäre, überhaupt eine wettbewerbsfähige Mannschaft zu stellen“, sagt TuS-Abteilungsleiter Michael Schneck.

Und das nach mehr als einem Jahrzehnt, in dem der Turn- und Sportverein mit seinen Handballern ein Alleinstellungsmerkmal nicht nur im Großraum München innehatte. Er war im gesamten südbayerischen Raum als bislang einziger Vertreter der Sportart in der dritten Liga – sogar mit einem einjährigen Ausflug in die Zweite Bundesliga.
Es als einzelner Verein in den professionellen Bereich zu schaffen, wird jedoch immer schwieriger. „Wir waren wohl die letzte Mannschaft, die es als Amateurmannschaft bis in die zweite Liga geschafft hat“, sagte deren ehemaliger Trainer Martin Wild kürzlich bei einer Pressekonferenz in München. Der 47-Jährige, der die Panther 15 Jahre lang trainiert und vor einem Jahr aufgehört hatte, mischt bereits wieder kräftig mit und wird sportlicher Leiter der neuen Zusammenarbeit. Nun wolle man die Brucker Erfolgsgeschichte als „Neuauflage weiterschreiben, indem wir die Kräfte bündeln“, sagt Wild.
Bislang würden die größten Talente stets aus Südbayern abwandern, hin zu Vereinen in anderen Regionen der Republik, bei denen sie sich größere Chancen versprechen, weiß Wild. In Zukunft sollen sie eine Perspektive im Großraum München bekommen.
Kilian Weigl zum Beispiel. Der 21 Jahre alte Rückraumspieler, der in Augsburg ein Lehramtsstudium absolviert und Angebote aus der ersten und zweiten Handball-Bundesliga vorliegen hatte, bleibt. Vielversprechend nennt er das neue Projekt und schätzt außerdem die Großstadtnähe. Der Kader wird gerade noch geschmiedet, Neuzugänge sind nötig, weil acht Spieler den Verein verlassen – darunter alle drei Torhüter – und das Team in der abgelaufenen Saison zu wenige erfahrene Kräfte hatte.
Ob die anderen Vereine bereit sind, ihre Talente dorthin zu schicken? Zuletzt hatte das funktioniert und der TuS Fürstenfeldbruck sich regelmäßig im Jugend-Bundesligakader des TSV Allach bedient, weil er seine eigene Jugendarbeit zugunsten der Drittligamannschaft vernachlässigt hatte.

Einziger Makel, sagt Kilian Weigl, sei der Abstieg, weshalb der umgehende Wiederaufstieg in Liga drei das Ziel sein müsse. Der neue Trainer Stefan Weidinger, der selbst aus Fürstenfeldbruck stammt und dort Handball gespielt hat, steht gleich unter Druck, abliefern zu müssen, nimmt dies aber mit der Lässigkeit eines jungen Mannes, der in seiner Trainerlaufbahn schon die Frauen des HCD Gröbenzell in die zweite Liga geführt hat: „Der Wiederaufstieg ist unser Anspruch.“
Dominik Klein, Handball-Weltmeister von 2007, und Steffen Weinhold, Europameister von 2016, sind die Gesichter des Projekts und das Duo, das aufgrund seiner Bekanntheit und seiner eigenen sportlichen Erfolge dem Vorhaben Anziehungskraft bei Spielern und werbetreibender Wirtschaft verleihen soll.
Auch organisatorisch und finanziell ist das Vorhaben für beide Seiten Neuland. Die Finanzierung wird nach Worten von TuS-Abteilungsleiter Schneck zwischen den beiden Partnern aufgeteilt, den Etat beziffert er auf zunächst etwa 250 000 Euro. Die zweite Mannschaft soll ebenfalls hochgezogen werden und dann als eine Art Farmteam des Projekts langfristig jenen Platz in der dritten Liga einnehmen, den lange die erste Mannschaft innehatte. Doch das wird dauern, die zweite Mannschaft spielt aktuell in der sechsten Liga, die Bezirksoberliga heißt.

Vorerst wird man die Änderungen kaum wahrnehmen: Die neue Saison wird ab Herbst wie bisher in der Wittelsbacher Halle von Fürstenfeldbruck gespielt, danach steht sie wegen Sanierungsarbeiten länger nicht zur Verfügung. Die Suche nach einer neuen Heimspielstätte läuft, und dann geht es „Schritt für Schritt nach München“, sagte Martin Wild neulich.
Die 600 Fans beim vorerst letzten Drittliga-Heimspiel – das gegen Meister Kornwestheim 34:39 verloren ging – auf die neue Zeit einzuschwören, hatte indes niemand der Projektverantwortlichen im Sinn. Kein Wort davon an die Zuschauer, stattdessen ein Saisonende wie immer: mit Abschiedsreden und einer Getränkebar. Das kann man zumindest seltsam finden. Einzig der scheidende Torwart Sebastian Allmendinger rief dem Publikum noch zu, es möge den Panthern treu bleiben, „dann geht’s gleich wieder hoch!“


