Für Pendler ist das eine schlechte Nachricht: Die Baumaßnahmen auf der maroden S4-Strecke zwischen Pasing und Buchloe verzögern sich. Die Arbeiten, die für dieses Jahr geplant waren, sollten ursprünglich bis Ende Oktober fertiggestellt sein. Stattdessen kündigte die Bahn nun an, dass der Ersatzfahrplan „bis mindestens Mitte Dezember“ verlängert wird. Der Umfang der Baumaßnahmen sei so groß, dass für Teile davon erst für November Baufirmen gefunden werden konnten, erklärt eine Pressesprecherin der Deutschen Bahn AG die Verzögerung um eineinhalb Monate.
Der Sanierungsrückstau, der sich über viele Jahre aufgebaut habe, sei erheblich und lasse sich nicht in kurzer Zeit beseitigen, so die Bahn-Sprecherin. Dazu habe die Hitze in diesem Sommer die Infrastruktur beschädigt, was zusätzliche Einschränkungen verursacht habe. „Entscheidend ist, dass wir mit der Modernisierung der Infrastruktur in dem hohen Tempo weiter machen. Im Bereich München – Lindau schreiten die Planungen zur Beseitigung der Langsamfahrstellen parallel zu den laufenden Baumaßnahmen voran.“
Bahnexperte Ralf Wiedenmann spricht von einem „Versagen auf der ganzen Linie“, das die Pendler ausbaden müssten. DB InfraGo und ihr Vorgänger DB Netz hätten den Unterhalt der Strecke „verschlafen“. Wiedenmann kritisierte, dass die Ausschreibung für die Gleisarbeiten zwischen Geltendorf und Buchloe erst Mitte Mai stattfand. Man könne von Glück reden, das sich in der kurzen Frist überhaupt ein Bieter gefunden habe, sagt er. Die Sprecherin der Bahn bezeichnet den Vorlauf hingegen als ausreichend. Denn die Umsetzung sei bereits bei der Ausschreibung für einen Zeitraum bis Anfang November vorgesehen gewesen.
Seit Februar gilt auf der Strecke wegen mehrerer Langsamfahrstellen ein geänderter Fahrplan mit längeren Fahrzeiten. Nachdem im Bahnhof Geltendorf im Februar und März Weichen ausgetauscht wurden, werden nun in Kaufering ein Gleis erneuert und zwei neue Eisenbahnüberführungen in Geltendorf und Epfenhausen an ihre finale Position gebracht. Im Bahnhof von Fürstenfeldbruck werden drei Weichen ausgetauscht, weshalb der S-Bahnverkehr zwischen Puchheim und Buchenau noch bis Sonntag, 6. September, unterbrochen ist.

In dieser Zeit pendelt die S-Bahn zwischen Geltendorf und Buchenau, von dort geht es per Ersatzbus nach Puchheim, wo die Fahrgäste wieder in den Zug umsteigen müssen. Zwischen 5. und 12. Oktober wird der Verkehr zwischen Buchenau und Puchheim für Regional- und S-Bahnen noch einmal komplett eingestellt, weil im Bereich von Fürstenfeldbruck eine neue Brücke „eingeschoben“ wird, wie die Sprecherin der Bahn erklärt.
Wegen der Verzögerungen hagelt es Kritik von allen Seiten. Das Unternehmen Arverio, das den Regionalverkehr ins Allgäu abwickelt, hat Mitte August bereits erklärt, man begrüße es zwar sehr, wenn die DB InfraGO notwendige Bauarbeiten vornehme. Allerdings bemängele man die „Vielzahl offenkundig schlecht koordinierter Arbeiten, die aufgrund ihrer großen Zahl und der teilweise zusätzlichen kurzfristigen Ankündigung weiterer Streckensperrungen enorme Auswirkungen für die Fahrgäste haben werden“. Arverio-Geschäftsführer Arno Beugel sagt: „Das alles ist überhaupt nicht fahrgastfreundlich geplant.“
Im Einzelnen rügt er „immer mehr kurzfristig angekündigte Baustellen“. Er moniert, dass Langsamfahrstellen nicht beseitigt seien und der Verkehr weiter mit verlängerter Fahrzeit oder Ersatzbussen abgewickelt werden müsse. „Wir können kein Konzept erkennen, wie die Strecke wieder in den Tritt kommen soll. Aus unserer Sicht ist das Flickschusterei“, kritisiert Beugel.

Die Landtagsabgeordnete Gabriele Triebel (Grüne) aus Kaufering erinnert daran, dass der Bahnverkehr seit Monaten aufgrund von Mängeln im Gleisbett stark eingeschränkt ist. Bereits im Februar und im März hatte die Bahn im Bereich der Station von Geltendorf Weichen austauschen lassen, was zu allerlei Behinderungen und Zugausfällen führte. Als Pendlerin habe sie sich inzwischen damit abgefunden, länger unterwegs zu sein, sagt Triebel. „Doch was jetzt bis in den Dezember passiert, schlägt dem Fass den Boden aus.“ Die jahrzehntelange Vernachlässigung der Bahn, für welche die Bundesverkehrsminister der CSU verantwortlich seien, müsse angegangen werden, aber „mit Plan und Verstand“.
Ein Unding sei, dass die Züge ausgerechnet zur Oktoberfestzeit mit einem Notfahrplan unterwegs sein werden, so Triebel. „Man sieht, dass die Planer aus Berlin oder Frankfurt keine Ahnung von den örtlichen Gegebenheiten haben.“ Zum Ersatzverkehr während der Wiesn „finden aktuell Abstimmungen statt“, sagt die Sprecherin der Bahn dazu. „Wir werden hierzu rechtzeitig informieren.“

Für Arverio ist der Ersatzfahrplan für die Wiesnzeit ein herausragendes „Negativ-Beispiel“: Auf dem zweigleisigen Streckenabschnitt zwischen München und Buchloe mit dem „bekanntermaßen sehr großen Fahrgastandrang“ während des Oktoberfestes solle nur ein Gleis befahrbar sein, dementsprechend würden viele Züge ausfallen. Ein Schienenersatzverkehr mit Bussen vom und zum Münchner Hauptbahnhof „kann in dieser Zeit nicht besonders gut gelingen“. Dazu seien die Informationen aufgrund der verwirrend vielen, sich zeitweise zeitlich überlagernden und teils täglich wechselnden gesperrten Streckenabschnitte nicht sehr übersichtlich.
Arverio werde während des Oktoberfestes nur im Zwei-Stunden-Takt statt wie normalerweise stündlich unterwegs sein, und das auch nur mit zwei Garnituren, erklärt der Pressesprecher des Bahnunternehmens. Ein dritter Zugteil könne nicht angehängt werden, denn in Buchloe sei das Gleis nicht benutzbar, das zum Rangieren notwendig wäre, und in Memmingen reiche die Zeit nicht. „Wir wissen nicht, wie das funktionieren soll, wir werden nicht alle Leute mitnehmen können“, sagt der Arverio-Sprecher. Dabei wäre es nicht gut, wenn Besucher nach der Wiesn in schaukelnden Bussen oder gar mit dem eigenen Auto unterwegs seien.
Die Bayerische Eisenbahngesellschaft lehnt Baumaßnahmen in der Zeit des Oktoberfestes ab
„Insbesondere die Kurzfristigkeit von Maßnahmen der DB InfraGO AG stellt alle Beteiligten vor immense Herausforderungen“, sagt ein Sprecher der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG), die den Eisenbahnverkehr im Auftrag des Freistaates organisiert. Deshalb könne man die Kritik von Arverio Bayern „sehr gut nachvollziehen“. Baumaßnahmen im südbayerischen Raum zur Zeit des Oktoberfestes lehne der Freistaat wegen des massiv erhöhten Reiseaufkommens „grundsätzlich ab“. Die BEG habe im Fall der Strecke München – Geltendorf – Buchloe bei DB InfraGO interveniert – „allerdings ohne Erfolg“.
Der bayerische Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) teilt in einer Presserklärung mit, dass der Schienen-Personennahverkehr in Bayern inzwischen auf 45 Linien wegen Mängeln nicht mehr nach dem regulären Fahrplan stattfinde. Dies sei eine Zumutung für die Fahrgäste. Er erwarte daher einen Masterplan von der DB, so der Minister. Vor allem verweist Bernreiter auf die Verbindungen von München ins Allgäu, die mit Langsamfahrstellen „gespickt“ seien, und nennt vor allem die Abschnitte München – Geltendorf und Biessenhofen – Hergatz. Er kritisiert, dass Langsamfahrstellen oder Streckensperrungen oft über viele Monate nicht beseitigt würden, weil der Bahn die notwendigen Ressourcen fehlten.

