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Mobilität:Kurs voller Hindernisse

Quer durch den Landkreis auf der möglichen Trasse eines Radschnellwegs

Von Stefan Salger

Alle paar Kilometer gibt's ordentlich Probleme. Dann kommt der Tross der Radfahrer ins Stocken und alle steigen erst mal ab und schauen mehr oder weniger ratlos aus der Wäsche. Im Grund genommen klingt diese Idee ja bestechend: Von Fürstenfeldbruck aus - vielleicht ja auch irgendwann noch weiter im Landkreis-Westen - führt ein Radschnellweg direkt hinein ins Herz der Landeshauptstadt. Kreuzungsfrei, breit, asphaltiert. Um die 25 Kilometer sind es bis zum Stachus. Viele müssten aber gar nicht ganz so weit. Mit einem ordentlichen Fahrrad und sportlichen Ambitionen oder per E-Bike ließe sich da sogar der tägliche Weg in die Arbeit bewältigen, statt mit dem Auto im Stau zu stehen oder sich über volle oder unpünktliche S-Bahnen zu ärgern. Mit Blick auf den Klimaschutz und die eigene Fitness klar eine Win-win-Strategie.

Wäre die Sache in der Praxis nicht so kompliziert. Eine solche möglichst direkte Verbindung stößt immer wieder an Grenzen, weil es schwierig ist, eine aufs Auto zugeschnittene Infrastruktur mal so eben umzubauen. Zudem müssen an einigen Stellen Bäume gefällt werden, an anderen Stellen fallen Parkplätze weg. Eine fast 30 Mitglieder starke Gruppe betätigt sich auf der Etappe zwischen der Kreisstadt und Puchheim als Pfadfinder - angeführt von Thomas Brückner, Sprecher des Verkehrsforums FFB, Grünen-Stadtrat in Bruck und Mitglied der Projektgruppe Radschnellweg. Organisiert hat den Vorstoß ins Ungewisse Mirko Pötzsch (SPD), Verkehrsreferent des Brucker Stadtrats, mit dabei sind auch die Klimaschutzreferentin Alexa Zierl (ÖDP) sowie Puchheims Bürgermeister Norbert Seidl (SPD). Im Marschgepäck: reichlich Optimismus. Als Rückenwind: die vom Landkreis in Auftrag gegebene Machbarkeitsstudie. Zur Orientierung: die südlich verlaufende Bahnlinie der S 4.

Die im übertragenen Sinne erste ordentliche Bodenwelle kommt nur ein paar Hundert Meter nach dem Graf-Rasso-Gymnasium, das als Startpunkt dieser Radtour dient. Zum einen sind bei gutem Wetter viele Spaziergänger auf den bereits asphaltierten bestehenden Wegen unterwegs, die einmal in den Radschnellweg integriert werden könnten. Das wirft die Frage auf, ob man neben einem vier Meter breiten Radschnellweg, den irgendwann mal täglich bis zu 2000 Radfahrer in beide Richtungen nutzen sollen, möglicherweise noch einen Gehweg anlegen sollte - was aber mit Blick auf die Flächenversiegelung eher verneint wird. Vor allem aber müsste der Zickzackkurs bei Emmering dringend begradigt werden. Denn ein Radschnellweg mit sichtbaren Umwegen würde kaum angenommen werden. Dafür müssten Landwirte Grund abtreten, wofür nicht immer Bereitschaft besteht. Eine große Unbekannte bei der ganzen Rechnung, das wird an mehreren Stellen deutlich, ist die Bahn. Denn es ist offen, wann und wo die S-Bahnlinie ausgebaut wird, ob es einen neuen S-Bahn-Halt in der Unteren Au von Emmering gibt und wie nahe man im Sinne einer möglichst direkten Verbindung den Radschnellweg also an den Gleisen entlangführen kann. Oft kann der Weg auch gar nicht an der Bahn entlanggeführt werden, weil dort bereits bebaut ist.

Zwischen Eichenau und Puchheim geht es auf der relativ schmalen Aubinger Straße entlang. Die Autos rauschen vorbei. Der Fahrradtross wird schon mal angehupt: aus der Bahn! Die wichtige Ortsverbindungsstraße soll mit größerem Abstand zur Bahn nebst separatem Radschnellweg so geführt werden, dass das Wäldchen nördlich der heutigen Straße erhalten bleibt. Das größte Problem folgt aber erst noch: der Puchheimer Bahnhof, der sich als gordischer Knoten entpuppt. Hier queren viele Fußgänger, Radfahrer, Autos. Zurzeit müssten Radfahrer mindestens hundert Meter sehr langsam fahren oder sogar absteigen. Das verträgt sich nicht mit dem Konzept. Eine Unterführung wäre aus Kosten- und Hochwassergründen kaum machbar, und so eine Röhre ist auch nicht sehr einladend für Radfahrer. Eine lang gezogene, filigrane Brücke, die zum Beispiel den Außenbahnsteig Nord sowie Parkplätze überspannen würde, wäre schon eher etwas, auch wenn sie ebenfalls viel Geld kosten würde. Seidl hat da auch keine einfache Lösung parat.

Am Ortsausgang Puchheims in Richtung Aubing wirbt Brückner für die Sperrung des Aubinger Wegs, der durch die Neubebauung Freihams künftig wohl noch stärker genutzt werden würde, für den motorisierten Verkehr. Damit ließe sich der Bau des separaten Radwegs und die weitere Zerschneidung des Landschaftsschutzgebiets Aubinger Lohe vermeiden. München prüft dies in einer Machbarkeitsstudie. Für Brücker würde die Rechnung aufgehen: Als Gegenleistung für die Sperrung gäbe es den Radschnellweg und den S-Bahnausbau. Puchheims Bürgermeister Norbert Seidl ist das skeptisch. Er weiß, dass Autofahrer, die plötzlich nicht mehr auf den gewohnten Straßen fahren dürfen und auf dem Weg in die Arbeit plötzlich Umwege in Kauf nehmen sollen, schnell bei ihm im Rathaus auf der Matte stehen würden (sofern sie nicht selbst aufs Rad umsteigen können oder wollen). Dass man von hier "bis zum Hauptbahnhof eine schnelle und schöne Strecke" hätte, wie einer der Teilnehmer schwärmt, ändert auf absehbare Zeit nichts daran.

Mit Spannungen werden die Ergebnisse der noch anstehenden Projektgruppen-Sitzungen und des geplanten Bürger-Workshops erwartet. Konsens unter den Teilnehmern der Radtour ist, dass die Politik in Städten, Gemeinden und Landkreis in der Pflicht ist, dem ehrgeizigen Vorhaben die Steine aus dem Weg zu räumen und den Beteuerungen zu Klimaschutz auch konkrete Taten folgen lässt. Klar ist aber auch, dass die Bürger - und Autofahrer - mitziehen müssen. Und dass es mit dem Radschnellweg kaum etwas werden wird, bevor die S-Bahnlinie ausgebaut worden ist. Zehn Jahre werden sich die Radfahrer also wohl noch gedulden müssen.

© SZ vom 04.11.2020
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