Mitten in Türkenfeld Genug Frust für ein S-Bahn-Lied

Der Musiker Hans Well ist von einer mehrstündigen Heimfahrt aus München gestresst und genervt. Er überlegt, seine Erlebnisse zu einem Lied zu verarbeiten. Spätestens dann müsste er den Verantwortlichen für den Stoff dankbar sein

Von Gerhard Eisenkolb

Läuft es gut, braucht eine S-Bahn von Geltendorf zum Münchner Ostbahnhof 53 Minuten. Schneller geht es mit dem Auto auch nicht. Weshalb der Musiker Hans Well aus Zankenhausen bei Türkenfeld sich kürzlich trotz der Warnungen seiner Frau wegen der Gleisarbeiten und des Schienenersatzverkehrs nicht ausreden ließ, mit der S 4 von München heimzufahren. Die Rückfahrt dauerte nur deshalb etwas weniger als drei Stunden, weil Wells Frau ihren ziemlich gestressten Mann auf halber Strecke mit dem Auto in Fürstenfeldbruck abholte. Zudem musste sich der Musiker, der beim Derblecken von bayrischen Idealzuständen in Hochform ist, daheim von seinen Kindern derblecken lassen. Deren Vorhalt lautet: "Wie kannst du so wahnsinnig sein, jetzt mit der S-Bahn nach München zu fahren?"

Vielleicht gehört ja eine Portion Wahnsinn dazu, um solche Lieder wie Hans Well zu schreiben. Das gute an Wells jüngsten S-Bahnerlebnissen ist, dass er weniger Begabten einen Einblick in sein Seelenleben gewähren und daraus ein Lied machen kann. Selbst wenn er nun schwört, nie mehr mit der S 4 zu fahren und meint "Diese Linie kann man auch ohne Gleisarbeiten vergessen", klingt seine Ankündigung doch auch versöhnlich. Schließlich ist der Musiker der früheren Biermösl Blosn grundehrlich. Wie er bekennt, müsste er eigentlich den S-Bahnverantwortlichen dankbar sein für den Stoff für ein Lied. Man kann sich gut vorstellen, wie es dem Urbayern nachts am Pasinger Bahnhof erging - eben wie vielen anderen zuvor auch. Er irrte hilflos zwischen Gleisaufgängen und dem Bahnhofsplatz umher, weil er das entscheidende, postkartengroße Hinweisschild zum SEV übersah und die Busse des Schienenersatzverkehrs nicht fand. Wo Hans Well zuvor Schilder gefunden hatte, erging es ihm auch nicht besser. Er ließ sich gutgläubig in die Irre leiten. Zum Beispiel in München zum Starnberger Bahnhof, wo er vergeblich nach dem erhofften Zug mit Halt in Geltendorf Ausschau hielt, weil der einfach ausgefallen war. Vielleicht hätte dem Künstler ja eine MVV-App weitergeholfen. Da er sich jedoch für ein Leben ganz ohne Handy entschieden hat, musste er sich zweimal überwinden und von Jugendlichen für Anrufe bei der Familie ein Handy leihen.

Den erlösenden Hinweis gab in Pasing übrigens eine Afrikanerin. Und der Frust des Zankenhauseners hallt bis nach Indien nach. Der Glaube von dessen indischen Schwiegereltern an deutsche Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit ist nun nachhaltig erschüttert. Die Reaktion von Wells Schwiegervater lautete: "In Kalkutta ist es besser und pünktlicher." Als Well das sagt, wird spürbar, wie sehr es ihn freut, seine Zeit so sinnlos wie auf dem Heimweg zu verbringen. Er vergleicht die Bahn mit einem Staatsbetrieb im vorigen Jahrhundert: unflexibel, sauteuer, Kunden sind nur ein lästiges Übel. Das Zeug, daraus ein gutes Lied zu machen, hat ein Well allemal.