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Mitten in Germering:Umarmte Kiefer

Naturschutz konsequent: Der Baum, sagt die Stadt, dürfe bleiben, der Gehweg komme weg.

(Foto: Günther Reger)

Umweltschutz konsequent: In Germering muss diesmal nicht ein Baum einem neuen Gehweg weichen, sondern der Gehweg dem Baum. Damit dieser weiterleben kann

Glosse von Andreas Ostermeier

Große Bäume haben für einen Ort einen ästhetischen Wert. Sie können einen Straßenzug ebenso prägen wie einen Platz, sie können einen Ort besonders machen. Zudem haben viele Bäume auch einen großen ökologischen Wert, denn sie nehmen Kohlendioxid auf und binden dadurch jenes Gas, das zur Erderwärmung beiträgt. Die Wertschätzung von Bäumen ist deshalb gestiegen, auch Politiker haben dies gemerkt und versuchen das für sich zu nutzen. So hat sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder beim Umarmen eines Baumes fotografieren lassen, um Kompetenz als Klimapolitiker zu demonstrieren.

Von Germerings Oberbürgermeister Andreas Haas ist noch kein Foto bekannt, auf dem er einen Baum umarmt. Gleichwohl passiert in Germering nun so etwas wie die Umarmung eines Baums. Denn die Stadt stellt eine gesunde und schöne Kiefer in der Kerschensteiner Straße unter Schutz. Der allein dastehende Baum muss nicht der Sanierung eines Gehwegs weichen, sondern die Stadt lässt ihn wachsen und gedeihen - und entfernt statt dessen den Gehweg. Der zeigt etliche Risse und Unebenheiten, wird von der Verwaltung als nicht mehr verkehrssicher eingestuft. Da die Aufbrüche der Asphaltschicht auch von Wurzeln der Kiefer verursacht sind, müsste der Baum gefällt werden, wenn der Gehweg saniert würde.

Den Baum aber will die Stadt erhalten. Er gilt als frosthart und klimafest und soll weiterhin wachsen dürfen. In Zeiten einer immer dichteren Bebauung sei es fast unmöglich, einen Platz zu finden, an dem ein solcher Solitärbaum gedeihen könne, heißt es aus dem Umweltamt. Nun wird also der Weg entfernt, rund um den Baum herum soll eine Grünfläche entstehen. Bei ihrer Entscheidung, den Weg aufzulassen, beruft sich die Stadt auf das öffentliche Wohl. Ist die Grünanlage fertig, könnte sich der Oberbürgermeister zur Feier des Tages fotografieren lassen - beim Umarmen der Kiefer.

© SZ vom 15.05.2021
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