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Mitten in Fürstenfeldbruck:Unkritischer Fällappell

In ehrenwerter Absicht ruft die Stadt dazu auf, zur Axt zu greifen

Kolumne Von Stefan Salger

Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten, sagt im Juni 1961 Walter Ulbricht. Zwei Monate später steht sie da in voller Pracht: die Mauer. Ätsch. Immerhin muss sich der DDR-Staats- und Parteichef für die Kehrtwende posthum Hohn und Spott anhören. Um ein Haar wäre Bruck ein vergleichbarer Lapsus unterlaufen. Nein, niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen. Im Gegenteil: Mauern an der Grundstücksgrenze könnten, sofern die Gestaltungssatzung kommt, bald tabu sein. Eine geteilte Stadt ist also nicht zu befürchten.

Gegen eine Mauer laufen hingegen bislang die Grünen mit ihrem Ansinnen, grundlosem Fällen innerhalb der Stadtgrenze per Baumschutzverordnung Einhalt zu gebieten. Die Baumeister sind CSU und BBV, die davor warnen, dass der Schuss nach hinten losgeht: Mancher könnte versuchen, vor Inkrafttreten der Regelung noch schnell Tatsachen zu schaffen. Oder die Kettensäge würde gerade noch rechtzeitig angesetzt, bevor der Stamm einen weiteren Jahresring ansetzt und damit den kritischen Umfang erreicht.

Und nun das: Kurz vor der nächsten Debatte über die Baumschutzverordnung am Dienstag im Stadtrat scheint Bruck seine Bürger mit einer Suchanzeige zu ermuntern, die guten Stücke noch schnell umzuhauen: Unter 08141/281-1410 möge sich doch melden, wer "in seinem Garten einen gut gewachsenen Baum stehen hat - fünf bis zehn Meter hoch - der ohnehin gefällt werden müsste", heißt es.

Skandal? Gemach! Die Stadt ist hier natürlich in tadelloser Mission unterwegs: Ihr fehlt es dieses Jahr noch an repräsentativen Christbäumen, die in Fürstenfeldbruck, wenn es auf Weihnachten zugeht, traditionell an mehreren Orten aufgestellt werden. Auch mit einer Baumschutzverordnung hätte sich das besinnliche Ansinnen übrigens vereinbaren lassen: Die hätte erst ab einem Stammumfang von 50 bis 60 Zentimetern gegriffen. In diese Dimensionen ist noch kein Brucker Christbaum vorgedrungen. Zudem hält sich in diesem Fall die Gefahr in Grenzen, dass es klimaresistente Laubbäume wie Elsbeere oder Ahorn erwischt. Kein Grund also für Hohn und Spott.

© SZ vom 22.10.2020
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