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Mitten in Fürstenfeldbruck:Philosophisches Wettrüsten

Die Haushaltsberatungen zeigen, wie viele Parallelen Kommunalpolitik und die griechische Mythologie haben. Was der Scheinriese Herr Tur Tur mit allem zu tun hat, erfahren Sie in unserer Glosse

von Stefan Salger

Haushaltsdebatte? Klingt eher nach Prosa als nach Poesie. Da ändert auch der nach lateinamerikanischer Bierseligkeit klingende Vorsatz "Corona" wenig. Immerhin befindet sich die Kreisstadt in einer komfortablen Ausgangslage - verfügt sie doch über ein stattliches Reservoir an Philosophen, die es verstehen, spröde Zahlenkolonnen in blumige Lebensweisheiten einzuwickeln und klaffende Haushaltslöcher mit tragfähigen Wortgirlanden zu überbrücken. Bevor alle Politiker beim finalen Beschluss mit einer Stimme sprechen (eine Premiere seit der Antike), hätte sich in den Reden die Spreu vom Weizen trennen sollen - hätte es denn Spreu gegeben. Stattdessen: sprachliche Weizen-Perlen, wohin man hört.

Zunächst ist eine Frage zu klären: "Was wissen wir, wozu uns die Umstände treiben können?" Andreas Lohde von der CSU führt da seinen Philologenkollegen Friedrich Nietzsche im Munde. Eher zum Holzhammer als zur feinen Klinge greift in Fastenpredigermanier Christian Götz von der BBV, der dem OB mangelnden Tatendrang ankreidet - jedes Wort ein Paukenschlag. Edlerer Feder entsprungen ist eine Metapher, die der hellsehende Jan Halbauer von den Grünen wählt, der aus finanzieller Perspektive "Licht am Ende des Tunnels" erspäht. Markus Droth von den Freien Wählern nutzt die Steilvorlage, um dem griechischen Philosophen Aristoteles einen richtungsweisenden Kommentar zur Brucker Finanznot abzuringen: "Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen!" Philipp Heimerl von der SPD vergleicht den Finanzreferenten mit dem wütenden Zerberus - dessen Hundehütte ebenfalls in der griechischen Mythologie steht. Das Fabelwesen verfügt nachweislich über zwei Köpfe mehr als Klaus Wollenberg von der FDP, aber über weniger Kennedy-Zitate. "Das Wort Krise setzt sich im Chinesischen aus zwei Schriftzeichen zusammen", verrät Wollenberg. "Das eine bedeutet Gefahr und das andere Gelegenheit." Weil Philosophie keine Frage des Alters ist, beruft sich Alexa Zierl von der ÖDP auf Jim Knopf und Lukas, den Lokomotivführer: Sie vergleicht die drohende Verschuldung mit dem Scheinriesen Herrn Tur Tur, der immer kleiner wird, je näher man ihm kommt. Dem Wettrüsten der Philosophen setzt Genosse Heimerl einen von Weisheit zeugenden Schlusspunkt. Seine blitzgescheite Prognose: "Die Zukunft bleibt weiterhin ungewiss."

Nur gut, dass Nettoneuverschuldung für den römischen Philosophen und Politiker Lucius Annaeus Seneca noch ein Fremdwort war. Von ihm stammt der Spruch: "Die Zukunft ist ganz ungewiss; doch wahrscheinlich ist, dass Schlimmeres nachkommt". Chefphilosoph Karl Valentin liegt mit ihm auf einer Linie. Er meinte gewiss den Brucker Haushalt, als er sagte: "Die Zukunft war früher auch besser."

© SZ vom 05.03.2021
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