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Mitten in Fürstenfeldbruck:Ein Herz am richtigen Fleck

Warum der Kreisjugendring auf die Begriffe Corona, Covid-19 und Pandemie verzichtet

Kolumne von Ariane Lindenbach

Faszinierende Welt der Worte! Überhaupt: Sprache und wie sie sich wandelt, um sich den Umständen anzupassen wie ein maßgeschneidertes Paar Ziegenlederhandschuhe: Welch beeindruckend Plastizität! Aktuelles Beispiel gefällig? Das Gendersternchen. Die Möglichkeit, mit diesem Zusatzzeichen alle Geschlechter einzuschließen, gab es schon länger. Doch erst #Metoo brachte es 2017 ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit. Und inzwischen geht es mittelalten TV- und Radiomoderatoren ebenso natürlich über die Lippen wie klimabewegten jungen Menschen auf einer Friday- for-Future-Veranstaltung in Gröbenzell.

Vielleicht ist nicht jeder so hellhörig beim Gebrauch von Worten. Schon möglich, dass einen da der Beruf prägt. Wer den ganzen Tag mit Worten und Sprache zu tun hat, mag in dieser Hinsicht eine besondere Sensibilität entwickeln. Und hat in aller Regel Spaß daran, sonst hätte man einen anderen Weg zum Geldverdienen gewählt. Allerdings macht es einem die aktuelle Situation nicht gerade leicht, die Freude am Kreieren von Sätzen und Texten nicht zu verlieren. Seit einem Jahr ist man aus auf der Hand liegenden Gründen häufig gezwungen, Wörter zu verwenden, die man eigentlich schon gar nicht mehr hören oder lesen möchte.

Manchmal juckt es einen ja schon in den Fingern, in Nachahmung politisch besonders korrekter Menschen, jenes Wort, das seit einem Jahr die Welt fest in seinem Griff hat, wenigstens in C-Wort abzuschwächen. Aber das würde erstens äußerst unseriös wirken. Und man geriete zweitens vermutlich auch noch in Verdacht, politisch nicht korrekt zu sein. Nein, aus wirklich nachvollziehbaren Gründen lässt sich dieses Wort mit all seinen lästigen Begleitern - man denke nur an Inzidenzwert oder Hotspot - in der aktuellen Situation in diesem Medium leider nicht ersetzen. Umso erfreulicher, dass offenbar andere Menschen ganz ähnlich empfinden. Und in ihrem Betätigungsfeld auch mehr Raum für derartige Gefühlsregungen lassen können.

Der Kreisjugendring hat in seinem Jahresbericht 2020 einfach so getan, als gäbe es die Begriffe Corona, Covid-19, Pandemie, Lockdown nicht. Stattdessen haben die Mitarbeitenden in Gelbenholzen an diesen Stellen ein Herz eingesetzt. Und weil auch die Statistiken für das vergangene Jahr eher deprimierend ausfallen, der KJR aber nicht als absoluter Stimmungskiller dastehen möchte, wurden laut Vorwort "die zugehörigen Diagramme zur Erbauung mit Bildern von süßen Hundewelpen hinterlegt". Hach, da haben einem die Menschen vom KJR mal so richtig aus dem Herzen gesprochen!

© SZ vom 07.05.2021
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