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Mitten in Fürstenfeldbruck:Das Manuskript des Nachbarn

Bei der Haushaltsdebatte im Kreistag erbt Klaus Quinten die Rede eines Fraktionskollegen. Seine Spontanauftritt sorgt für beste Unterhaltung

Kolumne von Heike A. Batzer

Die leere Flasche steht noch da, das Glas auch. Aber Martin Schäfer ist weg. Kaum einer hat mitbekommen, dass der Bürgermeister von Gröbenzell, der auch Kreisrat ist, seinen Platz in der letzten Reihe im großen Sitzungssaal des Landratsamtes vorzeitig verlassen hat. In seinem Nachlass findet sich ein Schriftstück, und nun wird die Geschichte ein klein wenig brisant, denn das Schriftstück enthält seine Haushaltsrede, die Schäfer als Sprecher der Unabhängigen Bürgervereinigungen hätte vortragen sollen. Doch der Kreistag ist zeitlich in Verzug und in Gröbenzell steht noch eine Gemeinderatssitzung an. Nachlassverwalter wird - unfreiwillig - Schäfers Banknachbar Klaus Quinten.

"Eine schöne Bescherung", leitet dieser seinen Spontanauftritt als Haushaltsredner ein. Erst vor einer Dreiviertelstunde habe er davon erfahren, als ihm der Kollege sein Manuskript "rübergeschoben" habe. Doch einfach so ablesen will der Vertreter wider Willen nicht, und so kündigt Quinten an: "Ich werd's ein bisserl kürzen und mit ein paar Dingen von mir garnieren."

Hellhörig wird nun auch jene Mehrheit der Kreisrätinnen und Kreisräte, die sich während der Haushaltsreden zuvor an Handys und Tablets vergnügt hat. Denn Quinten erweitert den Programmpunkt Haushaltsrede um einen bislang fehlenden Entertainmentfaktor. "Ich zitiere den Herrn Schäfer ein bisschen", kündigt er an. Und dieser Schäfer "fängt gleich mit Lob für den Landrat an", berichtet Quinten und ergänzt launig: "Sie sehen schon ein bisschen die Strategie, worauf es hinausläuft." Aus dem Auditorium sind erste Lacher zu hören. Quinten fährt fort. Es ist Vorwissen nötig, um Quintens bisweilen süffisante Einlassungen zu verstehen, aber die Kreistagskollegen sind ja von gleichem Kenntnisstand.

Knapp neun Minuten dauert Quintens Auftritt, dann bedankt sich der Redner "fürs Zuhören" und beim vor ihm sitzenden Kollegen Jakob Drexler fürs Ausleihen der Lesebrille. Fraktionsübergreifender Beifall. "Zugabe", ruft Martin Runge, der Grüne, der schon dran war, aus Reihe eins spontan nach hinten.

© SZ vom 23.12.2019
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