Mitten im Wahlkampf:Keine Zeit für Fragen

Digitale Formate bergen einige Nachteile

Von Peter Bierl

Im Chat bekunden einige Zuschauer, sie könnten noch stundenlang zuhören. Kein Wunder, Omid Nouripour ist ein echter Kenner der Lage in Afghanistan. Im Unterschied zu fast allen hiesigen Politikern und Journalisten spricht er die wichtigste Landessprache. Er kann direkt mit Leuten sprechen, Internetseiten und Zeitungen checken. Leider ist die Veranstaltung mit dem außenpolitischen Sprecher der Bundestagsfraktion der Grünen auf eine Stunde begrenzt. Nouripour sitzt in Berlin und hetzt zum nächsten Termin.

So praktisch es ist, in der Pandemie auf digitale Formate auszuweichen, es gibt gehörige Nachteile. Manchmal funktioniert die Technik nicht, manchen fehlt das Equipment oder die Energie, Neues auszuprobieren. Vor allem wird eine Entpolitisierung gefördert, denn die Diskussion fällt meistens aus. Man kann Zuschauern den Saft abdrehen, alle in den Chat verbannen oder gleich eine Selbstbeweihräucherung inszenieren wie Markus Söder mit zwei örtlichen CSU-Bundestagsabgeordnete als artigen Statisten.

Trotzdem ist nicht die Technik schuld, der Mensch entscheidet. Der SPD-Kandidat Michael Schrodi absolvierte im August leibhaftig einen Marathon durch den Wahlkreis mit vielen Stationen und es blieb keine Zeit zu reflektieren, wie eine Partei, die im vergangenen Vierteljahrhundert bloß vier Jahre nicht mitregierte, sich als Opposition gerieren kann. Auch im Bierzelt wird nicht kritisch diskutiert, sondern geholzt. In Präsenzveranstaltungen dürfen Zuhörer allenfalls ein paar Fragen stellen und sollen sich kurz fassen. Immerhin, wer erst einmal zu Wort kommt, kann das autoritäre Korsett sprengen, und Kritik anbringen.

Vermutlich deshalb müssen Fragen bei politischen Veranstaltungen oder Bürgerversammlungen immer öfter schriftlich eingereicht werden, so dass Moderatoren diese "bündeln" können. Klar gibt es Wichtigtuer, Querulanten und Nazis, aber die muss man dann einbremsen und inhaltlich begründen, warum ihr Beitrag nicht gewünscht ist. Aber ohne Kontroverse und offene Diskussion funktioniert Demokratie nicht.

© SZ vom 10.09.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB