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Mit einem Weihnachtsgeschenk fing es an:Lampenfieber

Als Upcycling-Künstler verwandelt der Alt-68er Martin Lutze scheinbar Wertloses in leuchtende Kunst. Mehr als 120 Werke hat er bereits in seinem Keller erschaffen

Es war ein Weihnachtsgeschenk, das Martin Lutzes Leidenschaft entflammt hat: Weil er seinen vier Kindern etwas ganz Individuelles schenken wollte, hat er sich in seinen Keller zurückgezogen und dort mit Lötkolben, Heißklebepistole, Zangen und Schraubenziehern aus vermeintlichem Müll vier Lichtobjekte geschaffen, 2012 war das. Denn der schnöde Begriff "Lampe" wäre für die Kunstwerke des 76-Jährigen gänzlich unpassend. "Die Leuchten sind sehr gut angekommen. Und dann ging es eben los", erzählt Lutze. Mehr als 120 Werke hat er seitdem geschaffen. "Ich wollte noch nie Geld für irgendwelche 0815-Dinge ausgeben, sondern für das, was ich brauche und was mir gefällt".

"Upcycling" nennt sich seine Technik, ein Trend, der schon seit vielen Jahren zu beobachten ist. Zum Einsatz kommen dabei nur Materialien, die andere Menschen nicht mehr brauchen. Upcycling statt Recycling wird diese Kunstform genannt, weil die Dinge nicht nur wiederverwertet, sondern zu etwas Wertvollem gemacht werden. "Ich habe mich intensiv mit diesem Kunstbegriff auseinander gesetzt. Deswegen würde ich mich auch als Upcycling-Künstler bezeichnen und nicht als Handwerker. Alte Dinge neu zum Leuchten zu bringen, ist eine feine Sache", so der 76-Jährige. Sein Material findet er im Wald, auf dem Schrottplatz und den Wertstoffhöfen. Ab und an bestellt er sich auch schon mal ein Teil auf einem bekannten Online-Flohmarkt. Etwa wenn er wieder einmal ein Stück für seine Bügeleisen-Serie schafft.

Die Werke tragen Namen wie "Gotthold Ephraim Messing", "Steampunk Lady" und "Un amour de Schwan". Ersteres etwa besteht, wie der Name schon vermuten lässt, aus einem auf Hochglanz polierten Messing-Bügeleisen, von dessen Rückseite der Arm nach oben führt zu einem melierten Messing-Schirm. So entsteht ein schöner Kontrast zwischen dem wie neu wirkenden Fuß mit seinem eleganten Holzgriff und dem abgenutzt wirkenden Schirm. "Un amour de Schwan" dagegen ist wesentlich verspielter, mit einem großen massiven löchrigen Körper, einem geschwungenen Holzgriff, wie einem Schwanenhals biegbarem Arm und einem blauen Schirm.

Lutze bezeichnet seine künstlerische Arbeit auch als "Beschäftigungstherapie". "Sonst ist man ja im Kopf nicht aufgeräumt." Seit 2006 ist der ehemalige Olchinger Hauptschullehrer in Pension. Ein Beruf, den der Alt-68er damals aus politischen Gründen gewählt hat. "Wir hatten damals ja schon die Vorstellung, Bildung in die sogenannte Unterschicht zu tragen. Das war ein Thema, über das wir in unseren Kreisen viel diskutiert haben. Ich war nie radikal, eher bodenständig. Deswegen war mein Weg der in die Institution Schule", erzählt die 76-Jährige. Geprägt habe ihn dabei sicher auch seine Familie, in der es einige Pädagogen gab.

Seinem Vater, einem Theologen, zuliebe hat der gebürtige Nordrheinwestfale in München allerdings erst einmal ein Theologiestudium begonnen. "Doch als ich in der ersten Dogmatikvorlesung war, habe ich gemerkt, dass ich dass nicht kann. Jesus wollte die Welt retten und jeder kann dazu beitragen, aber dieses Dogmatische hat für mich nicht dazu gepasst." Gerade in dem politischen Umbruch, den er nach seinem Abitur 1965 erlebt hat und der ja gerade das ideologisch-dogmatische, das Verstaube und Autoritäre zu Gunsten der individuellen Freiheit umstürzen wollte. Und so hat Lutze lieber in seinen und fremden WGs diskutiert, Gras geraucht und überlegt, wie man den Menschen nun wirklich helfen kann. "Ich musste mich auch aus der Welt meiner Eltern raus arbeiten. Sie waren sehr nett und herzlich, aber auch prüde", sagt Lutze, der seinen nordrheinwestfälschen Zungenschlag auch nach mehr als 40 Jahren in Bayern nicht ganz abgelegt hat. Er verleiht dem 76-Jährigen etwas Spitzbübisches.

Das konkrete Helfen ist ihm bis heute ein Anliegen. Deshalb betreut er nun seit einem Jahr eine junge Geflüchtete aus Afghanistan. "Es sind furchtbare Geschichten, die man da hört. Man kann sich überhaupt nicht vorstellen, was diese Menschen auf ihrer Flucht erleben, wie nah sie dem Tod kommen. In diesem Gesprächen erfährt man auch, was für eine Verzweiflung hinter der Entscheidung steht, sich auf diesen Weg zu machen", erzählt Lutze. Von Beschäftigungstherapie spricht Lutze in diesem Fall nicht, viel zu nah geht ihm das Thema. Und doch spürt man, dass er damit eine neue Aufgabe gefunden hat. Denn seit dem Tod seiner Frau vor drei Jahren hat der Fürstenfeldbrucker kaum noch an seinen Kunstwerken gearbeitet. Seine Frau, erzählt er, habe ihn viel bei dieser Arbeit unterstützt. "Sie hat viel zu meinen Designs beigetragen, mir geholfen, wenn ich nicht weiter wusste. Durch sie habe ich gelernt, dass es auf jedes Detail ankommt. Mit jeder Lampe bin ich genauer geworden." Das Handwerk dazu habe er sich selbst beigebracht. Zwar sei er schon immer ganz gut in solchen Arbeiten gewesen, aber die Werke waren dann noch einmal etwas anderes. Er sei allerdings schon immer ein künstlerischer Mensch gewesen, beschreibt sich als Multitalent: Malen, schreiben, Musik machen, das habe ihm schon immer gelegen. Damals, als er nach München gezogen sei, habe er einige Bilder gemalt, danach viel Musik gespielt, seine Leidenschaft waren Bach und Musik des Barock.

In den letzten Jahren allerdings sei ein bisschen die Luft rausgewesen aus seinem kreativen Schaffen. Nur eine Hand voll Lampen hat er noch gemacht. "Nach Ihrem Anruf jetzt habe ich mir allerdings gedacht, dass ich doch vielleicht wieder etwas mehr machen sollte", verrät er seinem Gesprächspartner. Material dafür hat er jedenfalls noch genug. Sein ganzer Keller steht noch voller Gegenstände, die er bereits gesammelt hat. Ordentlich sortiert nach möglichen Verwendungen, vom Schirm bis zum Lampenkörper. Und auf seiner Arbeitsfläche steht auch schon eine angefangene Leuchte: ein großer Holzkörper, in dem bereits ein verziertes Metallrohr steckt.

© SZ vom 24.12.2019
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