Energieversorgung:Dezentral mit Wind und Sonne

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In Althegnenberg gibt es bereits eine Photovoltaikanlage auf einem Feld, auf dem gleichzeitig Ackerbau betrieben wird. (Foto: Johannes Simon)

Wie die Energieversorgung der Zukunft aussehen könnte, skizziert Michael Stöhr, Spitzenkandidat der ÖDP bei der Europawahl, bei einem Abend in Fürstenfeldbruck. Er wendet sich auch gegen Lobbyismus.

Von Ingrid Hügenell, Fürstenfeldbruck

Wie die Energieversorgung der Zukunft aussehen sollte, ist für Michael Stöhr ganz klar – mit erneuerbaren statt fossilen Energieträgern und vor allem mit dezentralen Einheiten, von denen Landwirte, Bürger und Kommunen profitieren statt großer Konzerne. Eine Absage erteilte der Spitzenkandidat der ÖDP bei der Europawahl großtechnischen Lösungen. Sein Konzept stellte der promovierte Physiker kürzlich unter dem Titel „Erneuerbare Energien – eine Chance für die Landwirtschaft“ in Fürstenfeldbruck vor. Seinen enorm kenntnisreichen Vortrag untermauerte der in München lebende promovierte Physiker mit zahlreichen Grafiken und Schaubildern.

„Die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung verursachen die Hälfte der CO₂-Emissionen – dazu gehört die Hälfte der Menschen in Deutschland“, sagte er. Die Ärmsten hingegen, die am wenigsten zum Klimawandel beitrügen, „tragen die größte Last“. Um die Schere zu schließen, setzt Stöhr auf dezentrale Energie aus Bürgerhand mit einer Vielfalt von Energieträgern: Abwärme, Biomasse, Geothermie sowie natürlich Windkraft und Photovoltaik.

Michael Stöhr ist der Spitzenkandidat der ÖDP für die Europawahl. Er verwendet privat hundert Prozent erneuerbare Energien. (Foto: Manfred Neubauer)

Die „günstigste Form der Energieerzeugung“ mit Wind und Sonne ohne den Umweg über Wasserstoff sei zudem sozial, sicher und resilient. Denn daran könnten viele Menschen in der Region mitverdienen, vor allem auch Landwirte. Viele kleine Energieanlagen seien zudem bei kriegerischen Auseinandersetzungen oder Naturkatastrophen weniger angreifbar – „eine Form der passiven Landesverteidigung“, nennt Stöhr das.

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Die dezentralen Anlagen setzt der Landesbeauftragte für Klimaschutz der ÖDP den riesigen Photovoltaikanlagen in der marokkanischen Wüste entgegen, die Strom erzeugen sollen, um Meerwasser zu entsalzen und dieses schließlich durch Elektrolyse in Wasserstoff und Sauerstoff zu spalten – ein enorm energieaufwendiges Verfahren. Das Projekt soll von Deutschland mit Millionensummen gefördert werden. Mit Wasserstoff zu heizen statt mit Erdgas oder Fahrzeuge damit zu betreiben – Michael Stöhr hält diese vor allem von der FDP propagierte Vorstellung für Unfug, wegen des hohen Energieaufwands und weil ein Zehntel der Fläche Marokkos dafür überbaut werden müssten, was auf Kosten der dortigen Bevölkerung ginge. E-Fuels aus Wasserstoff seien zudem „viel zu ineffizient“.

Viel zu ineffizient ist es nach Stöhrs Ansicht, Wasserstoff in Autotanks zu packen. Er plädiert für Elektroautos. (Foto: imago images)

„Wir müssen weg von der fossilen Energie“, bekräftigte er. Die Lobbyisten der Energiewirtschaft wollten aber das System beibehalten, „mit dem sie viel Geld verdienen“, und Erdöl und Erdgas einfach durch Wasserstoff ersetzen. Stöhr hält Energieeinsparungen sowie die Stromerzeugung durch Sonnen- und Windkraft für wesentlich sinnvoller. Denn die erneuerbaren Energien können vor Ort erzeugt werden und hätten einen viel höheren Wirkungsgrad. In der Mobilität und sogar bei landwirtschaftlichen Fahrzeugen sei der Einsatz von Elektroantrieben möglich.

Zudem sei Bürgerbeteiligung beispielsweise bei Windkraftwerken gut möglich. „Die Inhaber börsennotierter Unternehmen versuchen das zu verhindern mit ausgefeilten Kampagnen gegen Windkraft an Land“, sagte Stöhr. Gegen Windkraft auf See hätten die Konzerne hingegen nichts, denn das könnten nur große Unternehmen.

Windparks im Meer sind eine Domäne großer Konzerne. (Foto: dpa)

Die für die Stromerzeugung benötigten Flächen könnten Stöhr zufolge die Landwirte bereitstellen. Die benötigten Flächen könne man erhalten, indem weniger Nutztiere gehalten würden. 27 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche wird für den Anbau von Tierfutter genutzt, teils in Form von Grünland. Stöhr plädiert dafür, das Grünland zu erhalten, weil darin viel Kohlenstoff gebunden ist.

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Sieben Prozent der Ackerfläche werden für den Anbau von Energiepflanzen genutzt. Auch dieser Anteil sollte Stöhr zufolge reduziert werden, denn die Energieerzeugung über Pflanzen wie Raps sei „nicht besonders effizient“. Wesentlich mehr nutzbare Energie könne man auf gleicher Fläche über PV-Anlagen oder Windkraft erzeugen. Die Landwirte müssten für die Umwandlung der Flächen entsprechend entlohnt werden. Frei werdende Ackerflächen können sowohl für PV-Anlagen als auch für Biotope genutzt werden, im Sinne der Artenvielfalt.

Im Europäischen Parlament möchte Stöhr sich einsetzen für erneuerbare Energien, die Landwirtschaftswende, gegen Lobbyismus und zudem, weil er selbst schwerhörig ist, für die Förderung der Gebärdensprache. Stöhr arbeitet bei B.A.U.M.-Consult, einer großen Beratungsfirma für Unternehmen und Kommunen in Sachen Nachhaltigkeit, und ist bei den „Scientists for Future“, den Wissenschaftlern, die sich der Klimabewegung angeschlossen haben.

2006 wurde er europäischer Energiesparmeister

Mit erneuerbaren Energien kennt er sich auch als Nutzer aus, er verwendet nach eigenen Angaben privat seit 2001 zu hundert Prozent erneuerbare Energien und wurde 2006 deutscher Energiesparmeister. Seit 1987 ist Stöhr auf europäischer Ebene tätig.

Dass dringend etwas getan werden muss, um den Fortbestand der menschlichen Zivilisation zu gewährleisten, hatte Stöhr zu Beginn seines Vortrags anhand der Planetaren Grenzen gezeigt. In diesem Konzept sind „neun biophysikalische Systeme und Prozesse definiert, die das Funktionieren lebenserhaltender Systeme auf der Erde regulieren und damit letztlich die Stabilität und Widerstandsfähigkeit des Erdsystems bestimmen“, so steht es beim Potsdam Institut für Klimafolgenforschung.

Planetare Grenzen

Sechs dieser Grenzen sind überschritten, wie Stöhr erläuterte. Der CO₂-Gehalt der Atmosphäre gehöre dazu. Die Erde sei zudem mit zahlreichen neuartigen Stoffen überlagert, dazu zählen von Menschen gemachte Chemikalien, aber auch Kunststoffe, vor allem in Form von Mikroplastik. Die Stoffkreisläufe, vor allem von Phosphor und Stickstoff, seien stark verändert, es werde zu viel Süßwasser aus dem Boden entnommen und die Landnutzung sei zu hoch.

Vor allem bei der Biodiversität sei die Grenze sehr stark überschritten. „Das Artensterben gefährdet die Stabilität der Ökosysteme und damit die Landwirtschaft“, warnte Stöhr. Die Lebensgrundlagen von mindestens der Hälfte der Menschen auf der Erde seien dadurch gefährdet.

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