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Medizin:Video statt Wartezimmer

Einen Tag pro Woche praktiziert der 74-jährige Gerd Jansen noch in seiner ehemaligen Praxis.

(Foto: Günther Reger)

Der Olchinger Sexualmediziner Gerd Jansen entwickelt eine Plattform für virtuelle Sprechstunden

Von Lea Schellenberg, Fürstenfeldbruck

Um Patienten den Kontakt zu ihrem Arzt zu erleichtern, hat der Olchinger Arzt Gerd Jansen zusammen mit seinem Kollegen Armin Rath die Onlineplattform "Home Dok" entwickelt. Dort können Patienten auf unkomplizierte Weise live per Video mit dem Arzt in Kontakt treten.

Die Idee zu diesem Startup-Unternehmens kam dem Arzt vor viereinhalb Jahren. Zu Grunde lag ihr der Mangel an Sexualmedizinern. Jansen, der selbst Sexualmediziner und Frauenarzt ist, suchte nach einer Möglichkeit, um potenziellen Patienten Zugang zu Fachärzten zu verschaffen. Die Sexualmedizin beschäftigt sich mit sexuellen Dysfunktionen wie zum Beispiel Erektionsstörungen und Lustlosigkeit. Oftmals werden diese im Rahmen von Paartherapien behandelt. Somit werden gleichzeitig der medizinische und der therapeutische Aspekt einbezogen.

Mittlerweile sind auf "HomeDok" Ärzte der Frauenheilkunde, Sexual-, Reproduktions-, und Präventionsmedizin, der Psychotherapie sowie der Allgemeinmedizin und Zahnmedizin vertreten. Vor- und Nachbesprechungen, Besprechungen von Befunden und zum Verlauf der Therapie können einfach per Video stattfinden, erklärt der 74-jährige Jansen. Es sei eine wertvolle Ergänzung zum normalen Praxisbetrieb und führe zu Zeitersparnissen auf Seiten der Ärzte und der Patienten. Ob Zuhause, auf Reisen oder im Bayrischen Wald: Patienten können sich so weite Anfahrtswege ersparen. Und in Zeiten von Corona sei die kontaktlose Sprechstunde sowieso praktisch, sagt Jansen. Gerade für Psychotherapeuten ergebe sich hier auch ein riesiges Feld. Wenn Patienten, beispielsweise wegen Phobien, Angst hätten, in die Praxis zu kommen, könne dies übergangen werden.

Normalerweise dürfen Ärzte und Psychotherapeuten maximal jeden fünften Patienten per Video behandeln. Die Begrenzung der wurde wegen der Corona-Pandemie von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) aufgehoben, zunächst bis zum Ende des dritten Quartals.

Die Plattform ist von der KBV zertifiziert. Der Kooperationspartner "confident data" steht HomeDok und seinen Nutzern bei Datenschutzfragen zur Seite. Die Sprechstunden sind durch End-zu-Endverschlüsselungen gesichert. Für die Nutzung seien nur eine Internetanbindung und ein Bildschirm mit Webcam, Mikrofon und Lautsprecher nötig, sagt Jansen. Patienten können mit ihrem Arzt einen Videotermin ausmachen und bekommen einen TAN-Code zugeschickt, mit dem sie sich auf der Seite einloggen können. Inzwischen seien schon mehr als 150 Fachärzte auf dem Portal zu erreichen.

Der Sexualmediziner Jansen hält sich selbst im Hintergrund und ist nur als Geschäftsführer am Werk. Er selbst praktiziert dienstags in seiner ehemaligen Praxis in Olching. 33 Jahre lang führte er die Praxis, bis er sie vor zwei Jahren an Frauenärztin Sandra Baumüller übergab und in den Ruhestand ging.

Jansen sieht in der Telemedizin eine Chance für die moderne Praxis und hofft darauf, dass sie noch mehr genutzt werde, auch von ärztlicher Seite. Volle Wartezimmer könne man umgehen und einen Großteil der sprechenden Medizin per Video durchführen

© SZ vom 13.08.2020

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