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Mammendorf:Historisches Ortsgedächtnis

Im Schambergerhaus haben die Einwohner von Mammendorf jahrzehntelang eingekauft, was sie zum Leben brauchten. Nun soll das Gebäude, das vom Historischen Verein genutzt wird, zum kulturellen Mittelpunkt der Gemeinde werden

Von Franziska Schmitt, Mammendorf

Wirklich belebt sieht der einstige Krämerladen von außen nicht aus. Die Rollläden der Schaufenster sind heruntergelassen. Die Farbe blättert ab. In manchen Augen hat so etwas Charme, für andere ist es bloß heruntergekommen. Ein Fahrrad lehnt an der alten Eisenkonstruktion vor dem Schambergerhaus. Die Tür ist heute offen, denn immer donnerstags treffen sich Mitglieder des Historische Vereins von Mammendorf. Ein etwas muffiger Geruch dringt beim Betreten des Ladens in die Nase. Er erinnert an die alten, zu lang gelegenen Laken aus Großmutters Schrank. Da hilft es nur wenig, dass Josef Braun vom Historischen Verein hier regelmäßig die Fenster aufreißt. "Ich bin nicht nur hier der Lüfter, sondern auch in der evangelischen Kirche", sagt er und lacht, das sei das Mindeste, was er tun könne. Der 82-Jährige ist Gründermitglied und Sprecher der Ortsgeschichtler.

Der Schritt über die Türschwelle gleicht einer Zeitreise. Rechter Hand steht die alte Ladentheke, links stehen Schränke an den Wänden: die Kurzwarenabteilung aus den Sechzigerjahren, teils noch bestückt mit Stoffen. Was man sonst noch zum Nähen braucht, lagert staubgeschützt in Kästen. Hüte liegen in den Regalen, als würden sie noch auf ihren Verkauf warten.

Einen Raum weiter gleicht der ehemalige Krämerladen mehr einem Wohnzimmer und lädt zum Verweilen ein. War es vielleicht doch ein Möbelladen? Nein. Aber Braun erklärt, dass immer wieder alte Möbel und Sammlungen vorbeigebracht worden seien. Einiges habe so schon vor der Mülldeponie bewahrt werden können. Von der alten Radiosammlung mit passenden Ersatzteilen bis hin zu Kruzifixen und Schützenscheiben, auch die alte Schusterwerkstatt des Anton Zauser hat hier ein neues Zuhause gefunden.

Vieles davon lagert ein Stockwerk höher, im Archiv und Lager des Historischen Vereins. Dort gibt es einiges zu entdecken. Zum Beispiel, was es mit der hölzernen Kugel von gut 20 Zentimeter Durchmesser auf sich hat. Ein sorgfältig beschriebenes Schild verrät: Die Kugel wurde an den Beinen der Pferde befestigt, um sie am Weglaufen zu hindern. Von Verdunkelungsrollos aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs über die alten Stühle des Gemeinderats, aus dunklem Holz mit froschgrünen Polstern, ist hier das historische Gedächtnis der Gemeinde zugegen. Eine uralte Trommel, über 30 Jahre eingemauert, lagert nun sicher und trocken im Schambergerhaus. Dazwischen immer wieder alte Ladenbestände.

Schamberger-Laden

Im Inneren des Schambergerhauses in Mammendorf ist die Zeit stehen geblieben. Der Verkaufsraum ist vor langer Zeit verlassen worden.

(Foto: Günther Reger)

Jedes Stück hat eine Geschichte, Braun kennt sie fast alle. So ist ihm auch die Geschichte des Ladens selbst wohl vertraut. Seit 1887 sei der Krämerladen im Besitz der Familie Kellerer gewesen, erzählt er. Nachdem der einzige Sohn Josef nicht aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrt sei, habe die Tochter 1920 den Sohn der Maisacher Krämerfamilie Josef Schamberger geheiratet. Dass eine Frau einen Laden führt, sei zu dieser Zeit noch unvorstellbar gewesen, erklärt Braun dazu. Braun selbst hat im Laden noch eingekauft. "Beim Schamberger gab es alles, was man brauchte. Und was es nicht gab, wurde besorgt," sagt Braun. Auch an die Verkäuferin Kunigunde Kreppholt erinnert er sich noch gut: "Die Kuni ist der gute Geist im Haus gewesen." Bis zur Ladenschließung 2001 habe sie als Verkäuferin gearbeitet, berichtet er. Kurz zuvor war Inhaberin Christine Schamberger verstorben.

Während Johann Thurners Zeit als Bürgermeister erwarb die Gemeinde 2010 das Grundstück. Das Alte und Schützenswerte im Ortsbild zu erhalten, sei das Ziel der integrativen Stadtentwicklung, erklärt Thurner. Auch das Schambergerhaus sei Teil davon. 2010 hatte der Historische Verein das Konzept "Haus der Geschichte, der Kultur und Begegnung" vorgelegt. Seitdem stehen die Räumlichkeiten dem Verein zur Verfügung. Einige Renovierungsmaßnahmen wurden unternommen. Der Laden hat jetzt eine Toilette, die Stromleitungen wurden teilweise erneuert. Nachdem Kunigunde Kreppholt ausgezogen war, wurde das Wohnhaus auf Vordermann gebracht. Eine Familie mit Kindern wohnt nun darin. Der 39 Jahre alte Christian Scheider will dem Haus nun ein weiteres Stück beleben. Er hat ein Konzept zur Nutzung als Kunst- und Kulturladen vorgelegt.

In Maisach gab es ähnliche Bemühungen. Auch dort besteht der Wunsch, die Räume des dortigen Krämerladens der Familie Schamberger historisch zu erhalten, erzählt Stefan Pfannes, Archivar und Gemeinderatsmitglied. Die Gemeinde sei sich jedoch bislang nicht mit den Erben einig geworden. So seien sämtliche Pläne verworfen worden, erzählt Pfannes. "Es ist schade, dass das Gebäude verfällt. Die meisten betrachten es als einen Schandfleck." Dabei seien alte Gebäude als Zeitzeugen in Maisach rar. "Würde es wenigstens äußerlich erhalten bleiben, wäre schon sehr viel geholfen", meint Pfannes. Er persönlich hofft auf eine denkmalschutzgerechte Sanierung durch einen Liebhaber-Kauf. In der Zwischenzeit löst sich bereits der Putz von den Wänden. Die Fassade bröckelt. In den Schaufenstern steht währenddessen die Zeit still. "Vom Reißnagel bis zum Bindegarn hat es hier alles gegeben", weiß Pfannes. Die Grundnahrungsmittel habe jeder selbst angebaut, dafür seien aber Kolonialwaren hier eingekauft worden. Es war also wie in Mammendorf.

Schambergerhaus Mammendorf

Für das Schambergerhaus in Maisach zeichnet sich ein Nutzungskonzept bisher nicht ab.

(Foto: Privat)

Dort wird unterdessen seit zehn Jahren überlegt, wie der Raum genutzt werden soll. Dass man hier kein totes Museum brauche, da sind sich Thurner und Braun einig. Außer Frage steht, dass das Gebäude den Besuchern trotzdem historische Erinnerungen bieten solle. Doch wie den Raum beleben? Hierzu rief Bürgermeister Josef Heckl 2019 zwei Workshops ins Leben. Herausgefunden werden sollte, was für eine Nutzung sich die Gemeinde wünsche, erzählt der Nachfolger von Thurner. Das Ergebnis sei der Wunsch nach einer Mehrfachnutzung, auch durch die Volkshochschule und beispielsweise den Eine-Welt-Laden gewesen.

Bei den Workshops ist auch Scheider dabei gewesen. Er ist seit sechs Jahren in Mammendorf ansässig und betreibt gemeinsam mit der Gemeinderätin Verena Halbritter (Grüne) die solidarische Landwirtschaft am Donihof. Außerdem engagiert er sich als jüngstes Mitglied im Historischen Verein. Sein Konzept orientiert sich an den Ergebnissen aus den Gesprächsrunden von 2019 und dem alten Konzept der Ortshistoriker, so sagt er. Während einer fünfmonatigen Zwischennutzung möchte er herausfinden, ob der Bedarf an einem Kulturraum in der Gemeinde bestehe und wie dieser aussehen könne. Die Verantwortung für den Laden würde er nach dem Testlauf gerne an eine Initiativgruppe abgeben. Jeder könne sich einbringen, ermutigt Scheider Interessenten, der Raum stehe schließlich allen zur Verfügung.

Im Kunst- und Kulturladen werde für Jung und Alt etwas dabei sein, verspricht Scheiders Konzept. Am Donnerstagvormittag Seniorentreffen unter Leitung des Historischen Vereins. Immer freitagabends thematisch wechselnde Kneipenabende mit DJs oder Livemusik. Bastel-Workshops für Kinder und ein Repair-Café am Samstag über Tag. Abends Filmvorstellungen und Vorträge ganz im Sinne kultureller Bildung. Außerdem sollen monatlich wechselnde Ausstellungen von Künstlern aus der Region das kulturelle Leben bereichern. Der ökologische, soziale und regionale Bezug sei ihm wichtig, verrät er. So habe er für sein Programm Filme, wie "We feed the world" oder eine Buchvorstellung des Brucker Krimis "Täter, Opfer, Schuld" bereits im Blick, sagt Scheider. Autoren oder Gäste für Filmbesprechungen habe er bereits gewonnen.

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Für das Schambergerhaus in Mammendorf sucht die Gemeinde nach einem Nutzungskonzept.

(Foto: Leonhard Simon)

Der Charakter des Ladens soll erhalten bleiben, wünscht sich Scheider. In den Vitrinen könne der Historische Verein Gegenstände aus dem Archiv ausstellen. Der geschichtliche Bezug liege ihm schließlich auch am Herzen. Das Konzept ist Brauns Meinung nach gerade für Neuankömmlinge in der Gemeinde interessant. Man könne sich hier kennen lernen und zugleich etwas über die Geschichte des Dorfes vermitteln.

Eine kommerzielle Nutzung sieht Scheider nicht vor. Veranstaltung sowie Getränke sollen auf Spendenbasis angeboten werden. Dafür habe er auch bereits einen Kooperationspartner gefunden, eine lokale Brauerei. Zur Kasse sollten die Besucher erst beim Heimgehen gebeten werden. Jeder gebe "vielleicht so zehn oder 15 Euro für einen Abend", schätzt Scheider, zuletzt zahlten die Besucher aber, was ihnen der Abend wert war und was sie eben zahlen können.

In der Gemeinderatssitzung an diesem Dienstag soll eine Zwischennutzung noch einmal diskutiert werden, kündigte Heckl an. Einen möglichen Lösungsweg sieht der Bürgermeister in der Beauftragung eines Architekturbüros mit der Untersuchung des Gebäudes sowohl hinsichtlich einer Zwischen-, als auch einer langfristigen Nutzung. Scheiders Konzept finde er im Grundsatz gut, nur so schnell, wie es sich Scheider wünsche ginge es nun mal nicht mit den öffentlichen Gebäuden. Außerdem müsse das Konzept auch noch mit dem Landratsamt, dem Brandschutz und anderen Behörden abgeklärt werden. Sein Konzept lag dem Gemeinderat seit Ende September vor. Vergleichbare Anträge lägen gut ein halbes Jahr, so Heckl.

Die ein oder andere Veranstaltung fand über die Jahre bereits auch ohne oder mit Konzept statt, beispielsweise das Sauerkrautstampfen nach altbewährter Rezeptur. Bei der musikalischen Nacht war das Schambergerhaus einer von fünf Veranstaltungsorten im Dorf. Auch das Schmalz- und Butterbrot aus dem ortsspezifischen Backhaus sei hier schon das ein oder andere Mal verkauft worden, erzählt Braun, und nicht zu vergessen die CSU-Wahlkampfveranstaltung, erinnert sich Scheider.

Unterdessen sind Scheider und Braun weiter mit dem Sortieren des historischen Gedächtnisses beschäftigt. "Hoffentlich können wir alles noch über die Zeit retten", sagt Braun. Man merkt, dass die alten Gegenstände des Dorfes ihm am Herzen liegen - oder vielmehr die Er- innerung selbst. Die Unterstützung von Scheider ist ihm bei seinen Vorhaben jedenfalls sicher: "Wir werden alles schon noch über die Zeit retten." "Lass uns doch auch ein paar von den Schützenscheiben unten in Vitrine tun," schlägt Scheider vor. Es steckt bereits viel Arbeit hinter den geschlossenen Fenstern des Krämerladens.

© SZ vom 17.11.2020

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