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Mammendorf:Geschäftsgeist als integrative Kraft

Geschäftlich eine neue Heimat hat Omid Quraishi, anerkannter Asylbewerber aus Afghanistan, in Mammendorf gefunden.

(Foto: Günther Reger)

Omid Quraishi hat den heruntergekommenen Mammendorfer Bahnhofskiosk in einen ansprechenden Backshop verwandelt

Von Manfred Amann, Mammendorf

Lange Zeit war der Kiosk im Bahnhofsgebäude in Mammendorf geschlossen. Vor Kurzem nun hat ihn Omid Quraishi als Backshop neu belebt und mit einem kleinen ansprechenden Café ergänzt. Das Konzept- und der Businessplan des anerkannten Asylbewerbers aus Afghanistan hatten die Deutsche Bahn als Eigentümer überzeugt, so dass Quraishi von mehreren Bewerbern den Zuschlag erhielt. "Für mich und meine Angehörigen ist dies ein wichtiger Schritt, in unserer neuen Heimat gut Fuß zu fassen und uns noch besser zu integrieren", sagt er in hoffnungsvollen Tonfall. "Ich möchte möglichst schnell von der Kultur und über die Lebensweise der Menschen hier erfahren, um mich gut einbürgern zu können", hofft er.

Etliche der Zug- und S-Bahnfahrer seien mittlerweile schon zu Stammkunden des Backshops geworden, erzählt Quraishi erfreut, und dass auch Familien aus der Nachbarschaft mittlerweile die neue Einkaufsmöglichkeit für Gebäck und vieles mehr nutzten. "Manche kamen auch schon zum Frühstücken ins Café und werden nach der Lockerung der Corona-Beschränkungen auch wiederkommen", glaubt der junge Unternehmer, der sich seine Position als Unternehmer hart erkämpfte und in Fürstenfeldbruck eine Wohnung fand. Bislang habe er sehr viel Zustimmung und Belobigungen über den Umbau des Kiosks bekommen, erzählt Quraishi. Damit der gute Kontakt auch bleibt, wolle er sich intensiv bemühen, die Kunden bestens zu bedienen. Hilfreich sind ihm dabei seine Freundlichkeit, seine Offenheit, seine Aufgeschlossenheit gegenüber seiner neuen Heimat, die Unterstützung durch die Familie und sein gutes Deutsch. "Die Sprache zu lernen, war mein erster wichtiger Schritt nach der Flucht vor zehn Jahren, denn ich wollte eigentlich Pharmazie studieren", erinnert er sich. Da dies "leider nicht geklappt" habe, habe er sich eben anders orientiert.

Ausschlaggebend für den Einstieg ins Back- und Gastgewerbe war ein "Nebenjob" während der Deutschkurse in einem Bäckerei-Café in München. Nach seiner Anerkennung nach etwa einem Jahr arbeitete er drei Jahre lang als Filialleiter eines Münchner Cafés mit Konditorei und danach übernahm Quraishi ein Back-Steh-Café in der Landeshauptstadt am Harras, das er immer noch leitet. Und weil er weiterkommen wollte, besetzt er seit Längerem zusätzlich an Abenden den Empfang eines Münchner Grand Hotels. Da er gut Englisch, Griechisch, Afghanisch und auch Deutsch spricht, macht er den Job gerne, wenngleich er mittlerweile zeitliche Probleme bekommt. "Ich habe durch die Arbeit viele Kontakte knüpfen können und Freunde gefunden, die mir das Gefühl geben, einer von ihnen zu sein", verrät er. "Wenn mich meine Geschwister nicht unterstützen würden, könnte ich das alles sicher nicht machen."

Wie bedeutsam die Unterstützung war, zeigte sich auch darin, dass er den heruntergekommenen Bahnhofskiosk in sechs Wochen in einem ansprechenden Einkaufsort und Treffpunkt umwandeln konnte. Eine "fünfstellige Summe", Ersparnisse und geliehenes Geld von Angehörigen hat Quraishi investiert, die er nun nach und nach zurückzahlen will. Im Laufe der zehnjährigen Pachtzeit sollte das gut gelingen, denkt er. Momentan hofft er sehr darauf, dass ihm die Bahn auch den Ticketverkauf überträgt. Immer wieder werde er nach Fahrkarten gefragt, weil ein Automat nicht funktioniere, daher wäre das auch für die Bahnfahrer eine gute Lösung, findet der Unternehmer, der sich selbst um die Buchhaltung kümmert.

© SZ vom 17.11.2020

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