Mammendorf:Bunter Beitrag zum Artenschutz

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Die Landwirte in der Gemeinde Mammendorf und der Bund Naturschutz ziehen nach zwei Jahren eine erste Bilanz ihres gemeinsamen Blühstreifen-Projekts.

Von Ingrid Hügenell, Mammendorf

Auf zweieinhalb Hektar Mammendorfer Ackerfläche wachsen seit zwei Jahren bunte Wildblumen. Die Blühstreifen entlang der Maisach entstanden infolge des erfolgreichen Volksbegehrens zur Rettung der Insekten. 2019 legten Bauern an vielen Orten in Bayern Blühflächen an und ließen dafür Paten bezahlen. 14 Mammendorfer Bauern suchten sich außer der finanziellen auch fachliche Unterstützung, durch Experten des Bundes Naturschutz (BN). Die Landwirte und die Ortsgruppe des BN sind mit dem bisherigen Ergebnis zufrieden, wie sie auf Anfrage sagen. Um wirkliche Effekte auf die Artenvielfalt feststellen zu können, ist es allerdings noch zu früh.

"Das Feedback ist sehr gut. Die Maßnahme hat gefruchtet", sagt Sebastian Mayr, einer der jungen Bauern, die die Aktion anstießen, nach den ersten beiden Jahren. "Die Stimmung ist gut, die Aktion entwickelt sich zum Guten", berichtet Elke Wieser, Ortsvorsitzende des BN. Die Ortsgruppe freue sich über den regelmäßigen Austausch mit den Landwirten.

Die Mammendorfer haben als Paten nur Einwohner ihres Dorfs zugelassen und bewusst keine aus dem Umkreis oder aus München. "Es ging uns nicht um PR, sondern darum, den Zweck zu erreichen", sagt Mayr. "Wir wollten, dass alles von Anfang an Hand und Fuß hat." Die Interessenten wurden vor Beginn bei einer sehr gut besuchten Versammlung ausführlich informiert. Die Zustimmung war riesig. Die Paten mussten sich nicht für ein, sondern gleich für vier Jahre verpflichten, sie zahlen je 200-Quadratmeter-Parzelle pro Jahr 50 Euro. Einen Teil der Flächen stellen die Bauern kostenlos zur Verfügung, als eigene Parzellen. Bei der Auswahl des Saatguts setzten die Mammendorfer auf Anraten des örtlichen BN auf zwei Mischungen mit heimischen Pflanzen, eine für eher feuchte und eine für eher trockene Standorte. Gesät wurde auf einem Teil der Flächen im Frühjahr, auf dem anderen im Herbst. Durch die vierjährige Laufzeit müssen die Bauern nicht jedes Jahr wieder Geldgeber suchen.

Mammendorf: Links und rechts eines Gehölzes leuchten im Frühling die Mohnblumen.

Links und rechts eines Gehölzes leuchten im Frühling die Mohnblumen.

(Foto: Anton Fasching/oh)

Einen anderen Weg, den vieler seiner Landwirts-Kollegen, ist Max Riepl-Bauer aus Grafrath gegangen. Bei ihm konnte und kann jeder Interessierte Blühpate werden, für ein Jahr oder auch für bis zu fünf Jahren. Momentan können sich die Paten wieder oder erstmals anmelden. Der Landwirt hat eine in einem Wald liegende Fläche von insgesamt drei Hektar eingesät, dort bezahlen die Paten 25 Euro pro 100 Quadratmeter. Für Fläche, die übrig bleibt, übernimmt er nach eigenen Angaben selbst die Blühpatenschaft. Gesät habe er eine "Qualitätsblühmischung", mit überlappenden Blühzeiten heimischer Arten, die Insekten einen langen Nahrungszeitraum böten.

Während schon wegen der langen Laufzeit die Patenschaften in Mammendorf stabil sind, laufen die Anmeldungen im dritten Jahr in Grafrath nach Riepl-Bauers Angaben schleppend, die Zahl der Paten sei rückläufig, sagt er. Er empfinde das aber nicht als dramatisch: "Ein bissl Fluktuation gibt es immer." Er wolle das Projekt auf jeden Fall für fünf Jahre durchziehen. Seine Blühfläche sei auch eine gute Sache für Feldhasen und Rehe, sagt er. Mähen will er die Fläche dieses Jahr gar nicht.

Mammendorf: Josef Mayer und Sebastian Mayr (links) sind zwei der Mammendorfer Landwirte, die die Blühstreifen angelegt haben.

Josef Mayer und Sebastian Mayr (links) sind zwei der Mammendorfer Landwirte, die die Blühstreifen angelegt haben.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Hasen und Rehe freuen sich auch in Mammendorf über die vielfältige Flora der breiten Blühstreifen, außerdem Vögel wie die Feldlerche. Susanne Kuffer vom BN hat schon Wildbienen, Falter und andere Insekten auf den Flächen gesehen. Welche genau, kann die Vegetationskundlerin und Landschaftsökologin nicht sagen. Die meisten Insekten müsste man ohnehin einfangen, um die Arten genau bestimmen zu können. "Seltene Arten kann man aber eher nicht erwarten", sagt sie. Dennoch seien die Blühflächen auf jeden Fall besser als Maisfelder oder Grasäcker, auf denen höchstens Löwenzahn blüht. Sie haben Kuffer zufolge einen weiteren wichtigen Effekt: den der Umweltbildung. Die Menschen könnten sehen, "was eigentlich schon alles verloren gegangen ist", sagt sie. Viele kennen nach ihrer Erfahrung eben nur noch Grasäcker und halten die für Wiesen. Die Vielzahl der Wiesenblumen in Gelb, Weiß, Rosa, Violett und Rot können sie nun auf den eingesäten Flächen wieder entdecken. Ältere Mammendorfer hätten sie angesprochen und ihre Freude über die Blühstreifen ausgedrückt. Sie erinnern sich noch an richtige Wiesen mit Kuckuckslichtnelken, Wiesensalbei, Wilder Möhre und Butterblumen - noch vor 30 Jahren ein üblicher Anblick in Bayern. Kuffer freut sich, dass auch Jüngere nun die Blumen kennenlernen können.

Die Mammendorfer Landwirte hätten für die Blühflächen ein spezielles Mähgerät angeschafft, berichtet Wieser. Der Doppelmessermäher funktioniere ähnlich wie ein Balkenmäher und sei sehr insektenschonend. Gemäht werden die Flächen zu verschiedenen Zeiten, manche vor dem Winter, andere erst danach. Denn die Samen sind Futter für die Vögel, in und an den Stängeln überwintern viele Insekten. Die BN-Ortsvorsitzende ist froh über die Zusammenarbeit mit den Landwirten, und selbstverständlich ist sie auch selbst Patin einer Blühparzelle, wie viele Mammendorfer BN-Kollegen.

Mammendorf: Die Samen der Wilden Möhre dienen Vögeln als Futter. Wiesensalbei und Färberkamille blühen im Spätsommer noch.

Die Samen der Wilden Möhre dienen Vögeln als Futter. Wiesensalbei und Färberkamille blühen im Spätsommer noch.

(Foto: BN/oh)

"Es wäre schön, wenn die Flächen längerfristig bleiben könnten", sagt Kuffer. "Dann könnte sich mehr Insektenvielfalt entwickeln." Womöglich gibt es dafür eine Chance. Sebastian Mayr deutet an, es könnte eine Regelung geben, die es möglich macht, die Blühstreifen zu erhalten, ohne dass das Ackerland nach fünf Jahren automatisch zu Dauergrünland wird. Das wäre für die Bauern problematisch, weil es fast unmöglich ist, aus Dauergrünland wieder ein Feld zu machen, auf dem man Ackerbau betreiben kann. Mayr sagt, die Landwirte hätten für die Aktion schließlich nicht die schlechtesten Äcker zur Verfügung gestellt.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Fassung wurde das Blühwiesenprojekt des Grafrather Landwirts Max Riepl-Bauer nicht ins rechte Licht gerückt. So sei die Saat der Blühfläche, anders, als zuvor behauptet, unter fachlicher Anleitung - beispielsweise der Landesanstalt für Landwirtschaft, Institut für Ökologischen Landbau, Bodenkultur und Ressourcenschutz - erfolgt. Zudem handelt es sich bei der ausgewählten Blühflächenmischung sehr wohl um eine, die sich auf heimische Arten gründe und überdies durch überlappende Blühzeiten ein zeitlich umfassendes Nahrungsangebot für Insekten biete. Falsch berichtet wurde, dass bei Riepl-Bauer Blühpatenschaften "nur für ein Jahr" übernommen werden können - es gebe vielmehr die flexible Möglichkeit, diese für bis zu fünf Jahre zu übernehmen. Einjährige Patenschaften würden aber etwa von Schülern gerne gewählt. Falsch ist nach Aussage Riepl-Bauers auch die frühere Aussage im Beitrag, dass nur für die Hälfte der etwa drei Hektar großen Fläche Patenschaften vergeben würden. Vielmehr stehe die ganze Fläche für fünf Jahre als Blühfläche zur Verfügung und werde auch nicht anderweitig bewirtschaftet, falls sich nicht genügen Paten fänden. Familie Riepl-Bauer übernähme die Patenschaft für den Rest der Fläche. Missverständlich war im Beitrag der Hinweis, Max Riepl-Bauer sei "nicht firm in heimischen Arten" unter Hinweis darauf, dass das Rebhuhn im Landkreis vorkomme, und unter Bezug auf seine Blühwiese im Wald, denn diese sei im Ortsteil Mauern ringsum von Wald umgeben, und der sei nicht direkt Rebhuhn-Habitat.

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