AstronomieMammendorfer Firma bietet tiefe Blicke ins Weltall

Lesezeit: 3 Min.

Auf der norwegischen Insel Spitzbergen wird eine der Kuppeln montiert, die Eiseskälte und Schneestürmen standhalten muss. Gebaut wurde sie von der Firma Baader Planetarium aus Mammendorf.
Auf der norwegischen Insel Spitzbergen wird eine der Kuppeln montiert, die Eiseskälte und Schneestürmen standhalten muss. Gebaut wurde sie von der Firma Baader Planetarium aus Mammendorf. Baader Planetarium

Das von drei Geschwistern geführte Familienunternehmen Baader Planetarium liefert Sternwarten in alle Welt. Im Fokus stehen neben fernen Planeten immer häufiger Weltraumschrott und Satelliten.

Von Stefan Salger, Mammendorf

SZ bei Google bevorzugen

Die unendlichen Weiten haben Anne Ettmayr, 42, und ihre Brüder Johannes, 40, sowie Tobias Baader, 37, immer schon fasziniert. Mit Zukunftstechnologie sehen die drei Geschwister immer mal wieder in die tiefste Vergangenheit. Beim Blick in den Nachthimmel zeigen sich Sterne und Planeten so, wie sie vor zig Milliarden Jahren ausgesehen haben. Viele dieser Himmelskörper gibt es längst nicht mehr. Denn aus anderen Galaxien ist Licht so lange unterwegs, dass ein Menschenleben im Vergleich wie ein Wimpernschlag wirkt.

Besucher des Familienunternehmens Baader Planetarium im Mammendorfer Gewerbegebiet erwartet zunächst aber ein Blick in die etwas jüngere Vergangenheit: Vor der Firmenzentrale steht eine dottergelbe „Schwalbe“. Wenn er Zeit hat, dreht Johannes Baader auf dem Siebzigerjahre-Motorroller der Marke Simson gerne eine Runde. Vor allem aber sticht die weiße Kuppel über dem ostdeutschen Kult-Moped ins Auge, die wie ein überdimensionaler Champignon wirkt.

Baader Planetarium stellt Kuppeln für die Weltraumbeobachtung her, rüstet sie mit leistungsfähigen Spiegelteleskopen und Elektronik aus und liefert sie in alle Welt. Auf der Zugspitze gibt es eine solche Anlage, eine andere am kältesten Punkt der Erde. Kunden sind die Nasa ebenso wie die Bundeswehr.

Gegründet wurde die Firma in den Sechzigerjahren in München vom Großvater Claus Baader. Der war eigentlich Modefotograf und arbeitete etwa mit bei der Produktion des Otto-Katalogs, begeisterte sich aber für die Astronomie. Und machte irgendwann das Hobby zum Beruf. Zunächst tüftelte er ein für den Schulunterricht konzipiertes Planetarium aus und liefert Einzelstücke in die USA und in arabische Länder. 1966 gründete er dann Baader Planetarium.

Tobias Baader (links) ist fürs Marketing zuständig, Schwester Anne Ettmayr für die Finanzen und Johannes Baader Geschäftsführer. Das Foto zeigt sie hinter einem Spiegelteleskop mit zwei Metern Brennweite des Zulieferers Celestron.
Tobias Baader (links) ist fürs Marketing zuständig, Schwester Anne Ettmayr für die Finanzen und Johannes Baader Geschäftsführer. Das Foto zeigt sie hinter einem Spiegelteleskop mit zwei Metern Brennweite des Zulieferers Celestron. Stefan Salger

Es war die Zeit, in der die Welt gebannt den Wettlauf zwischen Russland und den USA verfolgte. Die Russen legten vor: Juri Gagarin startete 1961 als erster Mensch ins Weltall. Die Amerikaner konterten 1969 spektakulär mit der ersten bemannten Mondlandung. Das löste auch in Deutschland einen Boom aus rund um Teleskope und Planetarien, ähnlich wie im August 1999 bei der absoluten Sonnenfinsternis über Mitteleuropa. Claus Baaders Sohn Thomas stieg mit seiner Frau Cordelia ins Geschäft ein und entwickelte die ersten Beobachtungskuppeln für Sternwarten. 1990 zogen Firma und Familie in das damals neu ausgewiesene Mammendorfer Gewerbegebiet.

Ein Asteroid mit zwölf Kilometer Durchmesser trägt den Namen des Großvaters, mit dem alles begann

Seither sind weitere Lager- und Montagehallen dazugekommen, das Unternehmen expandiert und hat zurzeit 73 Mitarbeiter, aktuell investiert es zwei Millionen Euro in den Standort. Alle Fäden laufen aber weiterhin an der Adresse „Zur Sternwarte 4“ zusammen. Die Gemeinde war bei der Namensgebung der Straßen offen für die Wünsche der ansiedlungswilligen Betriebe. Aus heutiger Sicht würde mit Blick auf den Nachbarbetrieb, der Käse und andere Milchprodukte vertreibt, auch die Adresse „Zur Milchstraße“ passen, sagt Geschäftsführer Johannes Baader und lacht. Zum Thema Namen gibt es eine weitere Anekdote:  Im Gedenken an den 1995 verstorbenen Großvater und als Würdigung seines Einsatzes für die schulische Astronomiebildung wurde ein von Karl Wilhelm Reinmuth entdeckter, im Durchmesser gut zwölf Kilometer großer Asteroid getauft auf den Namen „(5658) Clausbaader“.

Wie ein überdimensionaler Champignon: Von der Sternwarte auf dem Elternhaus können die Geschwister Milliarden Jahre in die Vergangenheit blicken. Ein Relikt der jüngeren Vergangenheit ist die gelbe Schwalbe - auf dem DDR-Kultmoped dreht Geschäftsführer  Johannes Baader gerne eine Runde.
Wie ein überdimensionaler Champignon: Von der Sternwarte auf dem Elternhaus können die Geschwister Milliarden Jahre in die Vergangenheit blicken. Ein Relikt der jüngeren Vergangenheit ist die gelbe Schwalbe - auf dem DDR-Kultmoped dreht Geschäftsführer  Johannes Baader gerne eine Runde. Stefan Salger

Der Himmelskörper ist sicherlich in Sichtweite einiger Baader-Sternwarten, die über den Globus verteilt sind. Die in Mammendorf produzierten Kuppeln, die sich punktgenau in alle Himmelsrichtungen drehen und öffnen lassen, werden durch leistungsfähige Technik renommierter Hersteller wie der US-Firma Celestron ergänzt. Die Palette der Sternwarten beginnt bei Anlagen im Wert von um die 100 000 Euro, wie jenen der Volkshochschule in Gilching oder der Erzabtei in Sankt Ottilien. Nach oben gibt es kaum Grenzen bei Preis und Spiegeldurchmesser.

Die mit achteinhalb  Meter Durchmesser größte Baader-Kuppel wird 2010 per Hubschrauber auf den Wendelstein gebracht.
Die mit achteinhalb Meter Durchmesser größte Baader-Kuppel wird 2010 per Hubschrauber auf den Wendelstein gebracht. Baader Planetarium

Installiert werden die Kuppeln meist an entlegenen Orten, die mit „stabil klarer Atmosphäre und geringer Lichtverschmutzung“ aufwarten können: extrem hoch oder extrem kalt oder noch besser beides. Auch wenn das höchste Ansprüche ans Material stellt und etwa die Ausdehnung von Metallschienen berücksichtigt sein will. Wie bei der 2,6-Meter-Kuppel für das Observatorium auf der Zugspitze, die 1994 installiert und 2023 ergänzt wurde um eine Variante, die komplett geöffnet werden kann. 2010 wurde im Auftrag der Ludwig-Maximilians-Universität München die bis dato größte Kuppel mit 8,5 Meter Durchmesser mit dem Hubschrauber auf dem Wendelstein aufgesetzt. Auf Spitzbergen steht eine Baader-Kuppel. Und auch in der Antarktis müssen Mechanik und Elektronik bei Temperaturen von teils unter minus 80 Grad die Frosttauglichkeit der Mechanik und Elektronik unter Beweis stellen.

In einer der Montagehallen im Mammendorfer Gewerbegebiet wird eine Spaltkuppel montiert. Sie besteht vor allem aus Fiberglas und wird später mit Optik und Steuerungselektronik ausgestattet.
In einer der Montagehallen im Mammendorfer Gewerbegebiet wird eine Spaltkuppel montiert. Sie besteht vor allem aus Fiberglas und wird später mit Optik und Steuerungselektronik ausgestattet. Stefan Salger

Seit 1966 sind mehr als 15 000 Planetarien für Schulen und 600 Sternwarten in allen Größen ausgeliefert worden. Eine spannende Herausforderung für das familiäre Dreigestirn ist die globale Asteroiden-Frühwarnung: Auf Teneriffa gibt es eine von der US-Weltraumorganisation Nasa geförderte Anlage zur Detektion von Himmelskörpern, die eine potenzielle Gefahr für die Erde darstellen. Die erhielt nun Verstärkung: Das Mammendorfer Unternehmen installierte im Februar auf der zu Spanien gehörenden Kanareninsel 16 Teleskope.

Das auf Teneriffa installierte und von der Nasa geförderte Asteroiden-Überwachungssystem Atlas erhält Verstärkung: Im Februar installiert Baader Planetarium dort 16 Teleskope.
Das auf Teneriffa installierte und von der Nasa geförderte Asteroiden-Überwachungssystem Atlas erhält Verstärkung: Im Februar installiert Baader Planetarium dort 16 Teleskope. Baader Planetarium

Es ist ein Vorgeschmack, wie sich die praktische Astronomie zukünftig entwickelt und was mit Hochtechnologie möglich ist. So gilt die Aufmerksamkeit mittlerweile vermehrt der Kartierung von Weltraumschrott, der in einer Umlaufbahn um die Erde schwirrt und sich auf Kollisionskurs mit Raumstationen befinden kann. Vor allem aber ist die Bestimmung des genauen Standorts von Satelliten mithilfe von Lasertechnik eine begehrte Fähigkeit – in global unsicheren Zeiten könnte das aus militärischer Perspektive überlebenswichtig werden. Den größten Auftrag in der Firmengeschichte hat Baader Planetarium denn auch jüngst von der Bundeswehr bekommen: Zwei voll ausgestattete und damit schlüsselfertige Sternwarten sollen Ende des Jahres in Meßstetten auf der Schwäbischen Alb installiert werden.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ-Serie: Dahoam in ...
:Der rebellische Heimatpfleger von Hörbach

Nach einem zweieinhalbjährigen Klinikaufenthalt saugt Toni Drexler als Kind alles auf, was mit der Geschichte seines Wohnorts zu tun hat. Später widmet er sich als Autor vor allem Verlierern wie dem Räuber Kneißl, der in der Gegend sein Unwesen trieb. Und er etabliert Bayerns erste Kleinkunstbühne auf dem Land.

SZ PlusVon Gerhard Eisenkolb

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: