Maisach:Tierheim wird geschlossen

Die Tierfreunde Brucker Land kündigen den Pachtvertrag für das alte Wasserhaus in Überacker. Ohne Zuschüsse durch die Kommunen sehen sie sich nicht in der Lage weiterzumachen. Fundtiere müssen künftig in den Rathäusern abgegeben werden

Von Heike A. Batzer, Maisach

Die Tierauffangstation der Tierfreunde Brucker Land im Maisacher Ortsteil Überacker wird in einem Jahr geschlossen. Den Pachtvertrag mit der Gemeinde Maisach, die dem Verein das ehemalige Wasserhaus bislang kostenlos überlassen hat, werden die Tierfreunde zum 30. Juni 2019 kündigen. Gleichwohl soll der Verein das Gelände danach nicht räumen müssen. Maisachs Bürgermeister Hans Seidl (CSU) will es erhalten, weil er überzeugt davon ist, dass es weiterhin benötigt wird.

Maisach: Streit um die Finanzierung: nur mit Ehrenamtlichen lässt sich die Arbeit in der Tierauffangstation in Maisach nicht mehr stemmen. Deshalb kündigen die Tierfreunde den Pachtvertrag im kommenden Jahr.

Streit um die Finanzierung: nur mit Ehrenamtlichen lässt sich die Arbeit in der Tierauffangstation in Maisach nicht mehr stemmen. Deshalb kündigen die Tierfreunde den Pachtvertrag im kommenden Jahr.

(Foto: Voxbrunner Carmen)

Wenn Städte und Gemeinden nach Auflösung der Auffangstation erst einmal begriffen, dass dann sämtliche Fundtiere bei ihnen abgegeben werden müssen, würden die Kommunen über kurz oder lang wohl doch einlenken, so Seidl sinngemäß bei der Jahreshauptversammlung der Tierfreunde im Sportheim des SC Maisach.

Die Kommunen im Landkreis hatten sich der Bitte verweigert, wonach sie den Tierfreunden Brucker Land jährlich 50 Cent pro Einwohner zahlen sollten. Damit würden landkreisweit etwas mehr als 100 000 Euro zusammenkommen, womit die Tierfreunde eine hauptamtliche Vollzeitkraft und zwei 450-Euro-Kräfte einstellen wollten. Mit Ehrenamtlichen allein, so die Argumentation der Tierfreunde, ist die Arbeit nicht mehr zu stemmen. Die Kommunen ließen die Tierschützer jedoch abblitzen, obwohl Städte und Gemeinden eigentlich für die Entgegennahme und Versorgung von Fundtieren zuständig sind. Weil sich das im Alltag als unpraktisch erweist, nutzten sie bislang die Dienste der Tierschutzvereine. Bezahlt wurden deren Aufwendungen aber nur für jene Tiere, die der Verein auch offiziell als Fundtiere gemeldet hatte. Sein Versäumnis war, dass er das nicht durchgehend bei allen Tieren tat, so dass bei den Kommunen der Eindruck entstand, so viele Fundtiere gebe es im Landkreis gar nicht.

Tierfreunde

Zwischen 300 und 400 Kleintiere, darunter viele Kaninchen, fanden jedes Jahr Aufnahme in der Auffangstation im alten Wasserhaus in Überacker.

(Foto: Günther Reger)

Die Meinungen darüber gehen auch deshalb auseinander, weil der Begriff des Fundtiers unscharf abgegrenzt ist zum herrenlosen oder ausgesetzten Tier. Darauf wies Tierfreunde-Schatzmeister Peter Minderlein hin. "Die Gemeinden bezahlen nur für ein Fundtier, und wir müssen beweisen, dass es ein Fundtier ist", sagte Minderlein. Man habe deshalb nur "wirkliche Fundtiere" an die Kommunen gemeldet. In anderen Bundesländern als in Bayern sei die Situation deutlich einfacher, ergänzte Minderlein noch. Dort müssten die Gemeinden für "jedes Tier, das auf der Straße gefunden wird", bezahlen. Ende April hatte dann sogar das Bundesverwaltungsgericht die Haltung der Kommunen gestützt und entschieden, dass Tierheime ohne entsprechende Verträge mit den Kommunen, Fundtierkosten nur dann erstattet bekommen, wenn die Tiere vorher im Fundamt abgegeben wurden.

Maisach: Bei der jüngsten Jahreshauptversammlung im Maisacher Sportheim verkündet die Vorsitzende Danila Ender (ganz links) das bevorstehende Ende.

Bei der jüngsten Jahreshauptversammlung im Maisacher Sportheim verkündet die Vorsitzende Danila Ender (ganz links) das bevorstehende Ende.

(Foto: Voxbrunner Carmen)

Der Abend in Maisach entwickelte sich zu einem Disput zwischen Seidl auf der einen und den Tierschützern auf der anderen Seite. Der Maisacher Bürgermeister musste sich stellvertretend für seine Kollegen im Landkreis Vorwürfe anhören, wonach die Politik erst handle, wenn "das Kind schon in den Brunnen gefallen ist". Besonders die ehemalige Vorsitzende Heidi Minderlein empörte sich und nannte es "eine Schande, dass dieses Tierheim schließen muss", entschuldigte sich dann aber für den Satz. Seidl versuchte klar zu machen, dass "ich nicht Ihr Feind bin, sondern ich marschiere an Ihrer Seite". Immerhin habe die Gemeinde Maisach das Gelände kostenfrei überlassen. Die übrigen Bürgermeister müssten erst den steigenden Bedarf und die steigenden Kosten, die mit einem Rückzug der Tierfreunde auf sie zukommen werden, erkennen, betonte Seidl. Dann würden sie vielleicht in ein, zwei Jahren die Notwendigkeit einsehen und das Thema einer Pro-Kopf-Pauschale noch einmal in Angriff nehmen, so seine Hoffnung. "Ihr Fleiß und Ihr emotionaler Einsatz für die Tiere", sagte er zu den Ehrenamtlichen, "ist bei den Kommunen noch nicht angekommen." Künftig müssen Fundtiere bei den Rathäusern abgegeben werden. Im Vorjahr hatte immerhin der Landkreis erstmals finanzielle Unterstützung in Höhe von 7200 Euro gegeben, weil er von ihm beschlagnahmte Tiere unter anderem bei den Tierfreunden Brucker Land unterbrachte. Kreisveterinäramtsleiter Hans-Werner Merk hatte den Verein im Vorjahr, als die Diskussion um seinen Fortbestand Fahrt aufnahm, deshalb als "systemrelevant" bezeichnet.

Tierfreunde in Zahlen

Die Tierfreunde Brucker Land haben derzeit 342 Mitglieder. 2017 nahmen sie insgesamt 326 Tiere auf, darunter 117 Kaninchen, 69 Katzen und 45 Vögel. 170 Tiere davon wurden an neue Besitzer vermittelt, elf an ihre bisherigen zurückgegeben. 43 Tiere verstarben oder mussten eingeschläfert werden.

Finanziell lebt der Verein vor allem von Spenden, 25 000 Euro sind im Vorjahr eingegangen. Dazu leisteten 14 000 Euro an Mitgliedsbeiträgen und Kostenerstattungen in Höhe von 13 000 Euro einen weiteren Teil der 65 000 Euro hohen Einnahmen. Von den Ausgaben in Höhe von 43 000 Euro entfiel mit 22 000 Euro der größte Teil auf die medizinische Versorgung der Tiere. Dass das Jahr 2017 in der Aufrechnung von Einnahmen und Ausgaben etwa 20 000 Euro mehr einbrachte als die Jahre zuvor, war laut Schatzmeister Peter Minderlein der Situation geschuldet, dass der Verein aufgrund seiner unklaren Zukunft die Ausgaben reduzierte und keine Investitionen in den Neubau von Stallungen tätigte, dass die Spendenbereitschaft zunahm und eine Kostenerstattung durch das Brucker Landratsamt für 23 aus einer Missstandshaltung beschlagnahmte Kaninchen in Höhe von 9000 Euro einging. baz

Zu Beginn der Versammlung hatte die Vorsitzende Daniela Ender darauf hingewiesen, wie viel Arbeit das Wohlergehen der Tiere den ehrenamtlichen Helfern mache. Die Stallungen müssten ausgemistet, die Tiere mit Futter und Medikamenten versorgt werden, bisweilen wird auch mal ein Tier mit der Flasche groß gezogen. "Wer nicht aktiv im Tierschutz ist, hat nicht ansatzweise Ahnung davon, was da an Arbeit drin steckt. Wir streicheln nicht den ganzen Tag unsere Katzen und Kaninchen." Zudem nehme das Leid vieler Tiere die Helfer emotional mit, immer wieder müssten verletzte oder alte Tiere eingeschläfert werden: "Das sind manchmal Bilder, die man nicht mehr aus dem Kopf kriegt."

Ob der Verein selbst fortbesteht, wird sich bei den Neuwahlen im nächsten Jahr zeigen. Daniela Ender, die das Amt im Vorjahr von ihrer Mutter Heidi Minderlein übernommen hatte, will nicht mehr kandidieren. Den Kommunen im Landkreis hatten die Tierfreunde bereits in einem Schreiben mitgeteilt, dass sie keine Tiere mehr annehmen werden. Ihren Bestand versuchen sie schon jetzt abzubauen. "Wir suchen dringend ein gutes Zuhause für acht Katzen, 30 Kaninchen und handzahme Chinchillas und Farbratten", sagt Heidi Minderlein. Auf die Frage einer Anwesenden, was sie denn künftig mit einem Tier machen soll, das sie beispielsweise am Freitagnachmittag findet, wenn die Rathäuser bereits geschlossen seien, blieb Bürgermeister Seidl eine Antwort schuldig. Bislang hatten sich die Tierfreunde Brucker Land darum gekümmert.

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