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Maisach:Kraftakt Integration

Fotos Meisaha 2019

Eine Frau vor den Baracken an der Überackerstraße um das Jahr 1950 herum.

(Foto: Meisaha)

Flüchtlinge stellen in der Nachkriegszeit ein Viertel der Bevölkerung

Man kann Äpfel sehr wohl mit Birnen vergleichen, um Unterschiede festzustellen und daraus zu lernen. Zum Vergleich lädt die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Meisaha ein, die der Arbeitskreis Geschichte aus Maisach publiziert. Die Historikerin Helga Rueskäfer beschäftigt sich darin mit der Situation der Flüchtlinge- mit jenen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Maisach kamen. Mehr als ein Viertel der Gesamtbevölkerung stellte diese Gruppe um 1950. Rueskäfer arbeitet heraus, was notwendig war, um diese Menschen zu integrieren: Wohnungen, Arbeit, Schulen und eine politische Vertretung.

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Regierung gelangten, begann die Flucht. Zuerst emigrierten Antifaschisten und Juden aus Deutschland, dann flüchteten Menschen aus den von der Wehrmacht überfallenen Gebieten, zuletzt traf es die Täter und Mitläufer selbst. Aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck meldete der Landrat Karl Sepp in seinem letzten Bericht vor Kriegsende knapp 8500 evakuierte oder ausgebombte Menschen, die meisten kamen aus München.

Im Sommer 1945 wurden in Bruck drei Auffanglager eingerichtet, von dort sollten die Flüchtlinge auf die Gemeinden verteilt werden. In Maisach hat Rueskäfer aus diesem Jahr eine Statistik aufgetan, wonach 248 Erwachsene und 92 Kinder in Privatquartieren untergebracht waren. Allerdings war das erst der Anfang. In Maisach stieg die Zahl dramatisch an, auf mehr als 700 Personen zwei Jahre später und schließlich knapp 1200 Menschen im Oktober 1953. Zu diesem Zeitpunkt waren rund ein Viertel der Bewohner des Landkreises Flüchtlinge, etwa 16 500 Menschen.

Die Daten lassen darauf schließen, dass die Flüchtlinge nicht gleichmäßig auf die damals 50 Gemeinden verteilt worden waren. Die Gemeinde Maisach dürfte einen überproportionalen Anteil aufgenommen haben, insbesondere Gernlinden. Dort plante man Mitte der Fünfzigerjahre zeitweise Wohnungen für etwa 4000 Menschen, um die akute Not zu lindern. Im März 1953 berichtete der Landrat dann, dass im gesamten Kreis noch etwa tausend Flüchtlinge in Elendsquartieren hausten, dazu mehr als 300 Einheimische. Dreieinhalb Jahre später verzeichneten die Gemeinden immer noch mehr als 400 Elendsquartiere.

Rueskäfer hat für ihren Beitrag sowohl im Gemeindearchiv recherchiert als auch mit Zeitzeugen gesprochen und stellt die lokalen Ergebnisse anhand der grundlegenden Arbeit ihrer Kollegin Angelika Fox (1998) in den Kontext der Entwicklung des Landkreises. Fox hatte damals bereits die Barackensiedlung in der Hasenheide beschrieben, deren Kindergarten auch von Maisacher Seite besucht wurde.

Zuerst entstanden dort Baracken für Wehrmachtssoldaten und Arbeiter, darunter Zwangsarbeitern. Nach dem Krieg waren Ausländer, etwa überlebende Opfer der Deutschen, sowie Hilfskräfte der US-Streitkräfte untergebracht. Ab 1948 brachte die Regierung dort dann Flüchtlinge unter. Nach der Sanierung und dem Ausbau der Anlage standen in der Hasenheide 14 Häuser zur Verfügung, in denen bis zu 350 Menschen lebten.

In Maisach wurde 1946 ein Wohnungsausschuss gebildet. Im Frühjahr 1948 kaufte die Gemeinde zwei Baracken mit zwölf Wohnungen in Maisach, in denen zeitweise 60 Personen lebten. Sie bauten Gemüse an, hielten Kleintiere und mussten sich mit vier Aborten hinter den Häusern begnügen. Im Mai 1949 legte der Gemeinderat ein Programm auf, in dessen Rahmen drei Doppelhäuser mit zwölf Wohnungen gebaut wurden, dazu sieben Wohnhäuser in Gernlinden. Auf Estinger Flur an der Grenze zu Gernlinden entstanden 21 "Behelfsheime", berichtet Rueskäfer. Dieses Gelände an der heutigen Hans-Wegmann-Straße wurde schließlich nach Maisach umgemeindet. 1955 entstanden in Gernlinden weitere 42 Siedlerhäuser im Bereich Vogelherd mit Parzellen zu je 1000 Quadratmeter. Dazu errichtete die Kommune 1953 ein neues zentrales Schulhaus.

Was Arbeit und Einkommen betrifft, so verdingten sich manche Flüchtlinge anfangs in der Landwirtschaft, später griffen viele zu handwerklichen Berufen und machten sich selbständig, eine wichtige Rolle spielte die von Flüchtlingen aus der DDR gegründete Gardinenweberei Friedrich. Rueskäfer verweist außerdem auf die eigene Interessenvertretung als Mittel der Integration. 1947 wurden erstmals sogenannte Flüchtlingsvertrauensleute gewählt. 1954 zogen die ersten vier Flüchtlinge in den Gemeinderat ein.

Meisaha. Hefte zur Gemeindegeschichte von Maisach, Ausgabe 2019, 46 Seiten, 5 Euro. Bestellungen per E-Mail an shop@geschichte-maisach.de