In der 18. Spielminute köpft Sarah Rothwinkler von SV Rot-Weiß Überacker den Ball über die gegnerische Torlinie ins Netz. „Neuer Spielstand: Überacker eins! Alburg null!“, schrillt es aus dem Stadionlautsprecher. In der ersten Hälfte drängt das rot-weiße Ballett die Alburgerinnen durch ein gepflegtes Offensivpressing weit in die eigene Hälfte. Im Landkreis Fürstenfeldbruck gibt es keinen Verein, der höher spielt als die Damen aus Überacker, nämlich in der Landesliga.
Kurz darauf zieht Rothwinkler erneut aus der Distanz ab und setzt den Ball nur knapp neben den Pfosten. Akribisch beackert sie die rechte Außenbahn und verteilt die Bälle passgenau an ihre Mitspielerinnen.
In der 33. Minute wird eine Mittelfeldspielerin von Überacker brutal durch eine Grätsche von den Beinen geholt und landet auf dem Rasen. Ein älterer Herr auf der Holztribüne lehnt sich zu seinem Sitznachbarn hinüber und meint: „Weißt du, was mir gefällt? Es ist ganz still. Die Männer schreien immer, wenn sie fallen. Aber hier ist es ganz still.“ Sein Nachbar nickt zustimmend.
In der Bewertung des Frauenfußballs geht es oft um mehr als nur die sportliche Leistung, denn immer wieder wird er mit dem Herrenfußball verglichen. „Ich würde sagen, dass Frauenfußball politischer ist als Männerfußball, weil Frauen öfter mit Differenzen zu kämpfen haben“, sagt Sarah Rothwinkler nach dem Spiel. „Sei es wegen zu wenig Bezahlung oder wegen Diskriminierung – da müssen sich Frauen häufiger auf einer politischen Ebene äußern“, so die Spielerin. Auch außerhalb des Sports geht sie auf Demonstrationen für Klimaschutz und gegen den Rechtsruck.
„Bei den Fußballerinnen ist die Quote an geouteten Spielerinnen, die sich öffentlich zeigen, viel höher als bei Männern“, sagt Rothwinkler, die selbst queer ist. Die Sichtbarkeit lesbischer Spielerinnen ist ein Beispiel für die Offenheit des Frauenfußballs. „Ich hatte nie das Gefühl, dass ich meine Sexualität verbergen müsste.“ Sie habe irgendwann gegenüber ihren Mitspielerinnen erwähnt, dass sie eine Freundin habe, und das sei ein „ganz normales Gespräch gewesen.“

Homosexualität als beiläufige Randnotiz – bis dahin ist es im Männerfußball noch ein weiter Weg. Als Thomas Hitzlsperger 2014 als erster prominenter Profispieler öffentlich machte, dass er schwul ist, hatte er seine Karriere bereits beendet. Auch dieses Jahr hatte das Coming-out von Christian Dobrick, dem U19-Trainer vom FC St. Pauli, noch besonderen Nachrichtenwert. „Ich denke, dass beim Männerfußball ein Coming-out schwieriger ist, weil schwul sein gesellschaftlich oft negativer wahrgenommen wird als lesbisch oder bi zu sein“, denkt Rothwinkler. „Und weil der Herrenfußball wahrscheinlich auch ein bisschen konservativer ist“, wie sie ergänzt.
Zur zweiten Hälfte wird Rothwinklers Offensivkollegin Elena Vogg eingewechselt. Nur wenige Minuten auf dem Platz jagt sie einem springenden Ball hinterher und hebt ihn aus etwa 20 Metern elegant über die gegnerische Keeperin, die weit vor dem eigenen Tor steht. Neuer Spielstand: 2:0 für Überacker.

Elena Vogg findet, dass der Frauenfußball „im Allgemeinen einfach offener“ ist. Sie verfolge zwar aktiv das Weltgeschehen, sei aber weniger politisch. Gleichwohl denkt sie, „dass die Medien den Sport auch politischer machen, weil dort viele Diskussionen rund um den Frauenfußball stattfinden“. Viele Debatten bekomme sie über Social Media mit. Die Europameisterschaft 2022 in England habe einen Boom ausgelöst: Plötzlich war der Algorithmus voll mit Frauenfußball.
Eine besonders wichtige Forderung lautet „Equal Play vor Equal Pay“ – also gleiche Spielvoraussetzungen vor gleicher Bezahlung. Die Spielerinnen von Überacker bekamen über Linda Dallmann und Giulia Gwinn aus dem DFB-Team davon mit. Innenverteidigerin Sandra Wianski erklärt: „Es geht gar nicht darum, dass wir dasselbe verdienen wollen, sondern wir wollen die gleichen Bedingungen haben, um professionell spielen zu können.“ Im Männerfußball sei mittlerweile so viel Geld im Spiel, dass es teilweise schon an Realitätsverlust grenze. Bei den Frauen gehe es zunächst um Physiobehandlungen und gutes Torwarttraining.

Häufig werde von Vereinsseite zu Frauenmannschaften gesagt: „Ums Torwarttraining müsst ihr euch selbst drum kümmern“, so Wianski. Ein Glücksfall in Überacker: Männliche und weibliche Keeper erhalten zur gleichen Zeit auf dem gleichen Platz ihr Training. Im Amateurfußball gehe es vor allem um Engagement.
„Es braucht Leute, denen Mädchen- und Frauenfußball wirklich wichtig ist. Wenn die fehlen, wird es schwierig“, sagt Wianski. Die Weichen für erfolgreichen Damenfußball seien in Überacker schon früh durch engagierte Funktionärinnen wie Susi Schartl gestellt worden, die Jugendleiterin für die Juniorinnen im Verein ist.
„Überacker hat bei mir schon ein paar Wunden geheilt“
Als sich Wianskis ehemaliges Team im Landkreis Dachau wegen Mangel an Spielerinnen auflöste, machte Coach Andreas Fasching ein spontanes Probetraining möglich. Sie wechselte damals gemeinsam mit vier anderen Spielerinnen in den Maisacher Ortsteil. „Da hat Überacker schon noch mal ein paar Wunden geheilt“, sagt die Innenverteidigerin. Inzwischen coacht Sandra Wianski selbst als Jugendtrainerin ein Team in Markt Indersdorf.
An ihrer Position gefällt ihr besonders, die eigene Zweikampfstärke ausspielen zu können. „Und wenn wieder eine Stürmerin kommt, von der alle sagen: Boah, die macht ultra viele Tore.“ Im defensiven Zentrum liebe sie es, wenn es im Duo mit ihrer Mitspielerin Ella Löbel gelinge, die Gegenspielerin erfolgreich aus dem Spiel zu nehmen.
Ella Löbel schätzt die Gemeinschaft im Team: „Ich sehe niemanden so oft wie meine Mädels“, sagt sie. Sie freue sich jede Woche, ihre Mitspielerinnen zu sehen. So hat sich inzwischen unter anderem auf Initiative von Sandra Wianski eine kleine Stadiongruppe gebildet, die gemeinsam zu Spielen der Damen des FC Bayern München fährt. Außerdem probiere man gemeinsam neue Sportarten aus.

Die 21-Jährige Ella Löbel spielt schon seit über 15 Jahren in Überacker Fußball – sie begann in einem Juniorenteam, weil auch ihr Bruder und ihr Vater im Verein aktiv waren. Zur Damenmannschaft kam sie erst später durch den sogenannten „Girls Day“, den der Verein einmal im Jahr veranstaltet, wie sie erzählt.
„Da kommen dann ganz viele junge Mädels von überall und dürfen Übungen machen, Fußball spielen und so ein bisschen in den Damenfußball reinkommen“, berichtet Löbel. „Ich fand es immer cool zu sagen: Ich spiele Fußball! Und wir spielen gut – in der Landesliga.“
Den Schlusspunkt zu einem souveränen 3:0 Sieg vor heimischer Kulisse setzt die eingewechselte Fridos Tomangbe mit einem ansehnlichen Schuss aus der Drehung. Inzwischen ist auch das erklärte Saisonziel des Klassenerhalts geglückt. Und wo spielt der SV Rot-Weiß Überacker in drei Jahren? Wenn es nach Sarah Rothwinkler geht, dann ist die „Landesliga so was von gesetzt. Ich würde auch sogar Bayernliga unterschreiben“, sagt die Spielerin. „Das wäre krass“, antwortet Löbel. „Schau ma halt“, sagt Rothwinkler mit einem Augenzwinkern. „Wir könnten’s auf jeden Fall“, stimmt Löbel zu.


