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Maisach:Die Jugend macht es vor

Die Maisacher Grünen im Wahlkampf (von links): Barbara Helmers, Hartmut Hombach, Bürgermeisterkandidatin Christine Wunderl und Landtagsabgeordneter Markus Büchler.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Grünen-Verkehrsexperte Markus Büchler spricht über das Fahrrad als Verkehrsmittel

Von Erich C. Setzwein, Maisach

Es gibt Gründe, warum Fahrradfahren in Bayern noch nicht so populär ist wie etwa in Dänemark oder Holland. Hügellandschaft und weite Strecken sind von Natur vorgegeben, die Gesetze für den Verkehr von Bund und Land, und dann ist da noch die Politik der CSU. Sowohl der Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer von der CSU als auch die Verkehrsminister der Staatsregierung bringen nach Überzeugung von Markus Büchler nichts zusammen. Büchler ist 46 Jahre und aus Oberschleißheim, Abgeordneter der Grünen im bayerischen Landtag und Sprecher seiner Fraktion für Mobilität. Er hat nach eigenen Angaben kein Auto, fährt viel öffentlich und mit dem Rad. Ins Maisacher Bräustüberl, wo er am Dienstagabend über "Das Fahrrad als Schlüssel zur Verkehrswende" spricht, ist er zu Fuß vom S-Bahnhof gekommen.

Schon gleich nach dem Aussteigen aus der S-Bahn hat er die "absurde Situation" des Gehwegs gesehen: "Ich weiß nicht, ob man mit einem Doppelkinderwagen da durch kommt", sagt Büchler und ist schon mitten in seinem Thema. Denn immer noch würden die Straßen unter der Prämisse gebaut, sie für den Autoverkehr so leistungsfähig wie möglich zu machen. Andere Verkehrsteilnehmer spielten nicht die Rolle, die ihnen eigentlich zustünde. Ausreichend breite Gehwege für die Fußgänger, am besten von der Autofahrbahn abgetrennte Radwege für ein gutes Sicherheitsgefühl und eine Mindestbreite für die Autos - das ist keine Utopie, das wird, wie Büchler ausführlich erläuterte, zum Beispiele in Kopenhagen vorgemacht. Das sei die "Radfahrerhauptstadt Europas", dort sei nach den Bedürfnissen der Einwohner Verkehrspolitik betrieben worden. Und die verstünden eben das Fahrrad nicht als Verkehrsmittel, um im Sommer in den Biergarten fahren zu können, sondern in Kopenhagen bedeute das "Alltagsradeln" den weitgehenden Verzicht auf das Auto. In Städten und größeren Gemeinden, meint der studierte Verkehrsplaner und Landschaftsarchitekt Büchler, müssten die Straßen anders geplant und bestehende umgebaut werden. "Von außen nach innen", heiße die Devise: "Zuerst die Fußgänger, dann die Radler, und wenn dann noch Straßenraum übrig bleibt, die Autos. Und wenn es für zwei Autos nicht reiche? "Dann macht man eine Einbahnstraße", sagt er flapsig, aber doch mit einem gewissen Ernst.

Das mit den Einbahnstraßen ist in Maisach keine Option. Fahrradwege dagegen schon. Und Platz gibt es dafür auch. So viel, dass der Gemeinderat im vergangenen Dezember auf Antrag von Bürgermeister Hans Seidl (CSU) beschloss, auf der Estinger Straße - 8,5 Meter breit - in jede Richtung mit einer Radltrasse zu versehen. Auch die ähnlich breite Hauptstraße bekommt zwei Schutzstreifen, für Markus Büchler das Mindeste, um den Fahrradfahrern ein gewisses Gefühl der Sicherheit zu geben. Denn noch sind viele, die eigentlich ein Rad als einziges Verkehrsmittel nutzen könnten, noch nicht bereit dazu. Sagt nicht Büchler, sondern der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club (ADFC). Er hat erhoben, dass 60 Prozent der Bevölkerung "interessiert, aber besorgt" seien, ein Fahrrad im Alltag zu nutzen. Dieses Potenzial, darunter viele Berufstätige, gelte es zu heben. Die Jugend wiederum, das hätten die Fridays-for-Future-Demonstrationen gezeigt, nutze viel mehr das Fahrrad und sei mehr an einer Fahrrad-orientierten Verkehrspolitik interessiert.

Büchler und die Grünen wollen zur Förderung des Fahrradverkehrs ein eigenes Gesetz, denn die Fahrradwege sind ihrer Ansicht nach Ländersache. Das könnte Planungen und Finanzierungen beschleunigen. Dass es nicht unbedingt schnell geht derzeit, zeigt Büchler das Beispiel des ersten Fahrradschnellwegs von der Münchner Innenstadt nach Garching. Die Überlegungen dauern seit 2014 an, jetzt habe das Straßenbauamt die Verantwortung übernommen - und prompt ein langwieriges Planfeststellungsverfahren eingeleitet. 2025 oder 2026, schätzt Büchler, werde der erste Pilot-Radschnellweg dann vielleicht fertiggestellt.

© SZ vom 06.02.2020
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