Maisach:Der Wert der Streicheleinheiten

MAISACH: Circus Alfons William

Mit Futterspenden kommen seine rund 50 Tiere im Maisacher Domizil bisher durch den Winter. Zirkusdirektor Alfons Köllner versorgt Lamas und Alpakas mit einer Ration Karotten.

(Foto: Leonhard Simon)

Seit Monaten sitzt ein Wanderzirkus in Maisach ohne Einnahmen fest. Nun fordert Peta vom Direktor auch noch, er soll seine 50 Tiere weggeben. Die Versorgung sei nicht gewährleistet. Für Alfons Köllner kommt das nicht in Frage, schließlich kämen die Kinder wegen der Lamas, Esel und Pferde

Von Franziska Schmitt, Maisach

Rot, Gold und ein bunt angemaltes Clownsgesicht - ein Plakat des Circus Alfons William. Überall im Landkreis, häufig vor Supermärkten, stehen sie verteilt. Trotz geschlossener Manege oder gerade deswegen, denn darauf steht: "Bitte helfen Sie uns und unseren Tieren. Unsere Existenz geht kaputt." Mit seinen fast 50 Tieren, darunter Dromedare, Lamas, Alpakas, Esel und Pferde, sitzt Circus Alfons William seit November coronabedingt auf dem Dorffestplatz in Maisach fest. Die Spendenaufrufe nahm Peta Deutschland zum Anlass, das Zirkusunternehmen in einer Pressemitteilung aufzufordern, "die Tiere dauerhaft an Lebenshöfe, zoologische Einrichtungen oder geeignete Auffangstationen abzugeben". Peta ist mit seinen Partnerorganisationen die größte Tierrechtsorganisation weltweit.

Durch Corona hätten sich die Missstände der Tierhaltung noch einmal verschärft, erklärt Yvonne Würz, Fachreferentin für den Bereich Zoo und Zirkus bei Peta. Sie sehe, dass Zirkusse die Versorgung aufgrund finanzieller Schwierigkeiten nicht gewährleisten könnten. Ein anzeigepflichtiger Verstoß gegen das Tierschutzrecht liege derzeit jedoch nicht vor. Darüber hinaus spricht sich Peta allgemein für ein tierfreies Programm insbesondere von Wanderzirkussen aus. Durch häufige Transporte, kleine Gehege und unterschiedliche Standortbedingungen - in Innenstädten gastieren Zirkusse auf Asphalt - könnten auch domestizierte Tierarten nicht ihren natürlichen Bewegungs- und Verhaltensgewohnheiten nach gehen, sagt Würz. So wiesen die Tiere häufig Verhaltensstörungen auf. Neben dem Circus Alfons William richtete Peta seinen Appell allein im Februar an mehr als 30 weitere Zirkusse.

Zirkusdirektor Alfons Köllner sieht das anders. An das Zirkusleben hätten sich die Tiere von klein auf gewöhnt, sagt er. "90 Prozent unsere Tiere sind im Zirkus groß geworden, genauso wie unsere Kinder. Wir putzen und versorgen unsere Tiere täglich. Wir möchten, dass es ihnen gut geht." Der tägliche Umgang ähnle einem Gespräch zwischen zwei Lebewesen. Durch Spenden, aber auch durch Kooperation mit Landwirten, sei eine Versorgung trotz fehlender Einnahmen gewährleistet, sagt Köllner. Das Stallzelt biete durch ein doppeltes Thermogewebe ausreichend Schutz vor der Kälte auch in den Wintermonaten. Bei extremen Minusgraden stehe außerdem ein Heizlüfter bereit: "Es darf auch nicht zu warm sein, sonst verlieren die Tiere frühzeitig ihr Winterfell."

Kontrolliert wurde Haltung und Versorgung der Zirkustiere zuletzt im Dezember durch das Veterinäramt Fürstenfeldbruck. "Es gab nichts zu beanstanden," bestätigt Veterinärdirektor Hans Werner Merk. Er habe immer wieder von der großen Hilfsbereitschaft in der Gemeinde Maisach gelesen, sodass er keine Bedenken habe, was die Versorgung der Tiere betrifft. Durch häufige Ortswechsel und der öffentliche Fokus würden Zirkusse von Veterinärämtern "intensiv kontrolliert", erklärt er weiter. Dabei halten sich die Ämter gegenseitig über eine Datenbank auf dem Laufenden. Die Haltung von domestizierten Tierarten sei weniger problematisch als die von Wildtieren wie Bären.

Doch aus Sicht der Tierrechtsorganisation sind die Haltungsbedingungen nach den Zirkusrichtlinien auch für domestizierten Tieren nicht artgerecht. "Für drei Lamas sind im Zirkus gerade mal 75 Quadratmeter Außengehege vorgesehen," sagt Würz. Dabei seien die Zirkusleitlinien nicht einmal gesetzlich bindend. Im Zoo mit 300 Quadratmetern seien es deutlich mehr. Die Anpassung von Haltungsanforderungen an die Mobilität eines Zirkusse gehe auf Kosten der Tiere. Auf ein tierfreies Programm umzustellen, sei die einzige nachhaltige Lösung.

Für ein gutes Programm brauche man nicht unbedingt Tiere, sondern Kreativität, sagt Würz. "Eine repräsentative Umfrage im Jahr 2018 ergab: 62 Prozent der Deutschen sprechen sich gegen die Haltung von Tieren in Zirkussen aus." Ein Vorreiter in Sachen tierfrei in Deutschland: Zirkus Roncalli. Der zum Jahr 2018 auch die Pferde-Dressur aus dem Programm nahm.

Für Köllner kommt eine Umstellung auf ein tierfreies Programm nicht infrage. "Ein Zirkus ohne Tiere ist kein Zirkus", sagt er. Die Zuschauer, besonders Kinder, kämen wegen der Tiere. Manche haben noch nie ein Dromedar gesehen und in Städten wenig Kontakt zu Tieren. "Sie möchten sie sehen, streicheln, anfassen." Die Umstellung auf ein tierfreies Programm sei mit viel Geld verbunden. Für mittelständiges Zirkusunternehmen wie dem ihren sei das schwer zu bewerkstelligen.

© SZ vom 09.03.2021
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