Wiesen im Landkreis FürstenfeldbruckPrägende Landschaften

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Eine Flockenblume, eine typische Mähwiesenart, blüht auf der Fläche von Willi Schamberger in Kottgeisering.
Eine Flockenblume, eine typische Mähwiesenart, blüht auf der Fläche von Willi Schamberger in Kottgeisering. Leonhard Simon

In Oberbayern sollen die blühenden Mähwiesen zurückkehren. Wie das Erholungssuchenden und der Artenvielfalt hilft, zeigt ein Beispiel auf einem Hügel in Kottgeisering.

Von Ingrid Hügenell, Kottgeisering

Historische Kulturlandschaften zu schützen, wie sie bis vor wenigen Jahrzehnten das Alpenvorland prägten, ist eines der Ziele des Mähwiesen-Projekts, das Lukas Rester auf einem Hügel in Kottgeisering erklärt. Um Artenvielfalt geht es natürlich auch, schließlich arbeitet der Vegetationskundler vom Münchner Büro ifuplan an einem Projekt der Regierung von Oberbayern für mehr artenreiche Blühwiesen mit.

Ein gutes Dutzend Leute ist zur Mähwiesen-Wanderung nach Kottgeisering gekommen, um sich anzuhören, wie das gehen kann. Darunter sind einige Gemeinderäte, später kommt Bürgermeister Andreas Folger dazu. Auch Petra Kotschi ist da - die Geschäftsführerin des Landschaftspflegeverbands kümmert sich beruflich um die Artenvielfalt. Und Rita Multerer von der Solidargemeinschaft Unser Land hört ebenfalls interessiert zu. Unser Land hat schließlich vor mehr als vier Jahren das Projekt "Brucker Land blüht auf" mit initiiert.

Damals ging es um gemeindliche Flächen. Nun sollen landwirtschaftliche Flächen so genutzt werden, dass sich nicht nur mehr Blumen aufweisen, sondern in der Folge auch wieder mehr Tiere anziehen: Großer Brachvogel, Braunkehlchen und Wachtel, zählt Rester auf, allerhand Heuschrecken und Grillen ebenso. Auf der Wiese flattern an dem kühlen Septembermorgen auch einige eher träge Schmetterlinge vorbei.

Wo es blüht, finden sich auch Schmetterlinge ein. Hier hat sich ein Hauhechel-Bläuling auf einer Hornklee-Blüte niedergelassen.
Wo es blüht, finden sich auch Schmetterlinge ein. Hier hat sich ein Hauhechel-Bläuling auf einer Hornklee-Blüte niedergelassen. Ingrid Hügenell/oh

Dass mehr als 90 Prozent der artenreichen Blühwiesen in Deutschland verschwunden sind, ist auf die intensive Bewirtschaftung zurückzuführen. Wenn der Bauer fünfmal oder öfter pro Jahr mäht, hat er zwar proteinreiches Futter für seine Kühe, aber auch einen Grasacker statt einer Blumenwiese. Eine seltener gemähte Wiese bringt weniger ein, sei aber landschaftsprägend und habe einen großen Wert - für Erholungssuchende wie für die Artenvielfalt, erklärt Rester. Artenreiche Mähwiesen tragen durch Humusaufbau sogar zum Klimaschutz bei und wirken der Erosion entgegen.

Dafür ist es notwendig, dass die Bauern nicht zu viel und zu den richtigen Zeitpunkten mähen. "Das ist eine Leistung der Landwirte, die die Gesellschaft nur schwer auffangen könnte", sagt Rester. Eine seiner Aufgaben im Projekt wird es deshalb sein, den teilnehmenden Landwirten Fördermöglichkeiten aufzuzeigen, damit die sich das auch leisten können.

Wunderschön, aber leider sehr giftig: Herbstzeitlose breiten sich aus, wenn Wiesen später gemäht werden.
Wunderschön, aber leider sehr giftig: Herbstzeitlose breiten sich aus, wenn Wiesen später gemäht werden. Leonhard Simon

Auf der Wiese von Willi Schamberger nahe dem Kottgeiseringer Sportplatz blühen noch Glockenblumen und Flockenblumen sowie nicht wenige Herbstzeitlose. Die zartviolett leuchtenden Blumen sehen hübsch aus, weisen aber auf ein ernsthaftes Problem hin. Sie sind hochgiftig für Menschen und leider auch für Nutztiere. Willi Schamberger kann das Schnittgut deshalb nicht verfüttern, er werde es wohl verrotten lassen, sagt er. Die Pflanze loszuwerden ist schwierig. Am besten gelingt es, wenn man die Wiesen frühzeitig mäht. Doch genau das soll vermieden werden, damit auch die anderen Blumen zur Blüte kommen.

Was also tun gegen die Herbstzeitlose? Eine Teilnehmerin berichtet von einer Bekannten, die sie samt ihrer Zwiebeln herauszieht - das sei mühsam und dauere, bis es Wirkung zeige. Landwirt Schamberger zuckt die Schultern. Er weiß auch keine Lösung. Aber zur Philosophie des Hofs, den er mit seinen Eltern bewirtschaftet, passe die extensive Nutzung, sagt der 29-jährige Jungbauer.

Auch in diesem Jahr erklärt Vegetationskundler Lukas Rester bei Wanderungen den Wert artenreicher Mähwiesen.
Auch in diesem Jahr erklärt Vegetationskundler Lukas Rester bei Wanderungen den Wert artenreicher Mähwiesen. Leonhard Simon

Dann spaziert die Gruppe zur nächsten Fläche, sie gehört Willi Huß. Auch er muss keinen wirtschaftlichen Nutzen aus der Wiese ziehen - er verdient sein Geld als selbständiger Zimmerermeister. "Mir macht die Arbeit Spaß, und draufzahlen tue ich nicht", erklärt er. Heu und Grummet könne er als Futter für Pferde und Kühe verkaufen. Schamberger erklärt, wichtig sei, dass die Verpächter von Wiesen nicht das Maximale aus einer Fläche herausholen wollten. Sonst bleibe den Landwirten gar nichts anderes übrig als intensiv zu wirtschaften.

Die Wiesen sind durch europäische Recht geschützt. Weil nicht genug für ihren Erhalt getan werde, laufe gegen Deutschland ein Vertragsverletzungsverfahren, sagt Rester. Und daher habe die Regierung von Oberbayern in sieben Landkreisen das Mähwiesenprojekt aufgelegt. Bisher wurden Flächen im Landkreis identifiziert, die ein großes Potenzial haben, in einem überschaubaren Zeitraum wieder zur artenreiche Mähwiese zu werden. Nun wird Lukas Rester mit den Landwirten sprechen. Dann soll ein Konzept erstellt werden, das für die Flächen passende Pflegemaßnahmen aufzeigt. "Denn nicht jede Wiese ist gleich", erklärt er.

Ein weiterer Wiesenspaziergang findet am Mittwoch, 7. September, von 15 Uhr an in Kottgeisering statt. Anmeldung unter Telefon 089/3074975-264 oder per E-Mail an lukas.rester@ifuplan.de.

Wiesenwissen

Wiesen, die nur ein- oder zweimal im Jahr gemäht werden, gehören zu den artenreichsten Landschaften Europas - sie können sogar mehr Biodiversität aufweisen als Wälder. Doch durch die intensive Landwirtschaft verschwinden sie, und mit ihnen die Vögel und Insekten, die von ihnen leben.

Obwohl viele artenreichen Mähwiesen durch europäisches Recht geschützt sind, tut Deutschland nach Auffassung der EU nicht genug für ihren Erhalt. Die Bundesrepublik hat deshalb seit Dezember 2021 ein Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof am Hals. Es ist nicht das erste Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland wegen Versäumnissen im Umwelt- und Naturschutz.

In Oberbayern sollen in sieben Landkreisen, auch in Fürstenfeldbruck, artenreiche Mähwiesen wieder hergestellt werden. Dazu wurden Flächen gesucht, die wenig oder nicht gedüngt sind und noch über ein relativ breites Artenspektrum verfügen. Da bei genügen schon zwölf Krautarten, die vorkommen sollten, damit eine Wiese als artenreich gelten kann. Vom Landesamt für Umwelt existiert eine entsprechende Liste. Dennoch dauert es Jahre, bis eine Wiese sich erholt.

Im Mai begann das Mähwiesenprojekt im Landkreis Fürstenfeldbruck mit einer Auftaktveranstaltung im Landratsamt. Gemeinden und Vertreter der Landbewirtschaftung, der Landschaftspflege und des Naturschutzes wurden dabei über Details des Projektes informiert. Vertreter der Regierung Oberbayern, der Unteren Naturschutzbehörde und des ausführenden Büros ifuplan beantworteten Fragen. Um die Öffentlichkeit zu informieren, finden Wanderungen zu erfolgversprechenden Flächen statt.

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