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Live-Übertragung:Am Fixseil des Glaubens

Bayerischer Rundfunk überträgt Gottesdienst am Ostermontag aus der evangelischen Johanneskirche in Olching

Vor leeren Stuhlreihen predigen Pfarrerin Simone Oppel und Pfarrer Harald Sauer in der Olchinger Johanneskirche.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Am Ende des Gottesdienstes werden keine Hände geschüttelt. Es ist ja auch niemand da, dem man sie schütteln könnte. Die sonst üblichen 50 bis 60 Besucher der Gottesdienste von Pfarrer Harald Sauer und Pfarrerin Simone Oppel durften nicht in die Johanneskirche kommen. Dafür kamen die Olchinger Pfarrer live übers Radio zu ihren Gemeindemitgliedern und allen anderen Hörern der Übertragung am Ostermontag aus Olching.

Keiner der Beteiligten hat vor einem halben Jahr damit rechnen können, dass diese Gottesdienstsendung so stattfinden würde, wie sie dann in der Kirche an der Wolfstraße stattfindet. Am wenigsten Melitta Müller-Hansen, die Beauftragte der evangelische Landeskirche beim Bayerischen Rundfunk und verantwortlich für die Verkündigungssendungen der evangelischen Kirche in Bayern. Einen Gottesdienst wie diesen hat sich auch noch nicht erlebt, wie keiner, der an diesem Montagvormittag mit der Sendung zu tun hat.

Zuhörer aber gibt es dennoch, denn der Bayerische Rundfunk überträgt den evangelischen Ostergottesdienst.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Dem Gebot der sozialen Distanz folgenden, findet das Vorgespräch im Freien hinter dem Übertragungswagen statt, derweil die Technik Kabel verlegt und alle Mikrofone einrichtet und mit Folie umwickelt. Ein Spuckschutz der besonderen Art, aber es sind ja Corona-Zeiten. Droben auf der Orgelempore, wo Franz Werner an der Orgel sitzt, muss das vierköpfige Vokalensemble die richtigen Abstände zueinander abschätzen. Alles geschieht mit großer Gelassenheit, in vier Wochen haben die Menschen schon viel gelernt, wie weit sie sich annähern dürfen. Es ist kurz vor zehn Uhr, kurz vor Beginn der Sendung, als Pfarrerin Simone Oppel aufsteht und sagt: Einen gesegneten Gottesdienst Euch allen." Da wissen der Organist und Sänger, dass sie 19 Sekunden nach zehn Uhr mit ihrem Choral "Mit Freuden zart zu dieser Fahrt" einsetzen dürfen. Die Mikrofone sind auf einem Stativ gut vier Meter über dem Boden angebracht und übertragen das zu Ostern beliebte Lied

In der Kirche selbst hört es nur eine Handvoll Beteiligte. Alle andere etwa 200 Plätze sind unbesetzt, auf ein paar Stühlen liegen Technikutensilien. Pfarrer Harald Sauer sagt statt "Liebe Gemeinde" zu Beginn des Gottesdienstes "Liebe Hörerinnen und Hörer". Er spricht zu einem Publikum, das er nicht sieht, von dem er keine Rückmeldung bekommt. Kein Kopfschütteln oder Nicken, kein Zwinkern und kein Hüsteln. Nur zwischendrin reckt Melitta Müller-Hansen beide Daumen in die Höhe, wenn sie mit dem Verlauf der Sendung zufrieden ist. Es ist Sauers dritter Radio-Gottesdienst, die beiden davor hat er zusammen mit Müller-Hansen für den Deutschlandfunk produziert. An diesem Ostermontag ist das Thema, worauf der ganze christliche Glaube baut: die Auferstehung.

Die Lesung aus dem Evangelium nach Lukas übernimmt Kirchenvorsteherin Lena Bauer, sie gibt die Begegnung der Emmausjünger mit dem auferstandenen Jesus wider. Den Glauben daran vergleichen Harald Sauer und Simone Oppel in ihrer als Dialog gehaltenen Predigt mit einem reißfesten Faden zwischen den Menschen und Gott, der in jüngster Zeit vielleicht unsichtbar geworden sei. Die Osterbotschaft könne diese Verbindung aber stärken, den Faden wieder sichtbar machen. Sauer, selbst Bergführer, vergleicht diesen "Faden" mit einem Fixseil an einer Schlüsselstelle. "Es wird nicht reißen."

Dieses Mutmachen, die Hoffnung zu stärken, dass sich alles wieder zum Guten wendet, das ist gerade an diesem Ostermontag in der Corona-Krise die wichtigste Aufgabe der Olchinger Pfarrer. Die Krise, meint Harald Sauer, könne ein "heilsamer Schock" sein, und Sauer gibt seiner Hoffnung Ausdruck, dass die derzeit gelebte Solidarität sich auch nach dem Ende der Pandemie fortsetzen könnte. Vielleicht eine Sache des Glaubens.

© SZ vom 14.04.2020

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