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Literatur:Fleisch wird Poesie

Rainer Jund

Rainer Jund liest an diesem Mittwoch im Kaffeehaus in Puchheim aus „Tage in Weiß“.

(Foto: Piper Verlag)

Das fulminante Literaturdebüt des HNO-Arztes Rainer Jund

Zuhören heißt lieben. Mit diesen Worten beschließt Rainer Jund sein literarisches Debüt "Tage in Weiß". Man kann den Satz leicht überlesen. Denn er steht am Ende der Danksagungen, nach der eigentlichen Erzählung. Dabei fasst er gut zusammen, was dem Autor im Buch und im Leben wichtig ist. Menschen, weiß Jund aus Erfahrung, müssen aufeinander eingehen, wenn sie miteinander funktionieren wollen. "Man kann nicht intuitiv arbeiten und lernen, wenn man nicht zuhören kann", sagt er. Womöglich spielen Geräusche, Gerüche und andere Sinneseindrücke, die nur der Aufmerksame wahrnimmt, deswegen eine so prominente Rolle in seinem Roman, der im Piper-Verlag erschienen ist und aus dem Jund an diesem Mittwoch in Puchheim vorliest.

Rainer Jund ist Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Er hat in München studiert, einige Jahre im Ausland praktiziert und sich dann in verschiedenen Fachbereichen weitergebildet, bis er in der HNO ankam. Mit seiner Frau, die er während seiner Zeit an der Klinik kennenlernte, betreibt er nun seit 14 Jahren eine eigene Praxis in Puchheim. Für den 54-Jährigen ist das nicht nur ein Job. Arzt-Sein ist seine Lebenseinstellung - und das sagt er so aufrichtig, dass jedes Klischee, das mit dieser Aussage verknüpft sein mag, sofort entkräftet wird.

Die Liebe zum Subjekt und die Demut vor dem Leben stehen für ihn an erster Stelle. Nichts sei schädlicher als die Hybris eines Arztes, der meint, alles besser zu wissen. "Zu glauben, etwas zu wissen und den Erkenntnisprozess damit abzuschließen, ist uncool", sagt er. "Man muss immer offen dafür sein, dass noch etwas anderes dazu beitragen könnte, dass ein Mensch ein Problem hat."

Um all das geht es auch in seinem Buch, an dem Jund in den vergangenen zwei Jahren meist nachts und frühmorgens, neben seinen Verpflichtungen als Arzt, Ehemann und Vater von drei Kindern, geschrieben hat. "Tage in Weiß" schildert den Klinikalltag eines jungen Arztes, des Ich-Erzählers, der nie einen Namen bekommt und auch keinen braucht, weil er zwar Mensch ist, aber gleichzeitig nur eine Momentaufnahme in der Maschinerie der Medizin.

Das Buch ist keine Autobiografie. Doch Gefühle und Erkenntnisse, die Jund selbst in seiner Ausbildung erfahren hat, prägen die Situationen, in denen sich sein Protagonist findet. Erzählt wird weniger narrativ als poetisch: Wimpern blühen um Augäpfel, in einen Rachen ergießt sich ein hellroter See. Junds Worte machen Fleisch zu Poesie. Sie kreieren schöne Körperbilder, die in ihrer Ästhetik aber nie verklären, was ein Tumor für einen Betroffenen bedeutet. Teilweise rasen die Kapitel wie Stakkato-Sequenzen dahin, um dann, ganz plötzlich, zu verharren und über mehrere Seiten die Mandeloperation eines Kindes zu schildern. Die Erzählung ist wie ein Herzmonitor. Sie schlägt mal schnell aus, kommt dann zur Ruhe, stoppt am Ende eines Kapitels abrupt und setzt im nächsten so unmittelbar wieder ein, dass man nicht umhinkommt, sich an den ewigen Kreislauf von Leben und Tod erinnert zu fühlen.

Wie nah beieinander beide Extreme, Freude und Leid, sind, das betont das Buch wiederholt. Eine Hochzeitsreise endet im Pflegeheim, ein schwerbehinderter Junge erfreut sich am Meerwasser. "Unser Leben ist etwas sehr Fragiles", sagt Jund. "Wie gut alles funktioniert, vergessen wir täglich, obwohl wir eigentlich die Erde küssen sollten." Vielleicht hat diese lebensbejahende Sichtweise dafür gesorgt, dass der unaufhaltsame Zyklus in "Tage in Weiß" umgekehrt wird. Der Roman beginnt mit dem Tod, einem Blutstrahl aus dem Hals. Und er endet mit dem Leben, einer Geburt und dem hoffnungsvollen Duft von Märzveilchen.

Rainer Jund liest an diesem Mittwoch um 19.30 Uhr im Kaffeehaus in Puchheim (Am Grünen Markt 1) aus "Tage in Weiß". Die Veranstaltung ist ausverkauft; Warteliste bei der Buchhandlung Bräunling: 089/84039039.