Fürstenfeldbruck:Offene Fragen zum Olympiaattentat

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Fürstenfeldbruck: Ein völlig zerstörter Hubschrauber auf dem Fliegerhorst nach dem Olympiattentat 1972.

Ein völlig zerstörter Hubschrauber auf dem Fliegerhorst nach dem Olympiattentat 1972.

(Foto: Wolfgang Pulfer)

Hat Bundeskanzler Willy Brandt sich auf einen Deal mit Terroristen eingelassen? Die Dokumentarfilmer Lia Wreschniok und Till Rüger suchen im Lichtspielhaus nach Antworten.

Von Noah May, Fürstenfeldbruck

Hat die Bundesregierung unter Bundeskanzler Willy Brandt einen Deal mit den Olympia-Terroristen gemacht? Dieser Frage sind die BR-Journalisten Lia Wreschniok und Till Rüger in einer Dokumentation nachgegangen. Rüger war nun auf Einladung des Historischen Vereins zu Gast bei einer Podiumsdiskussion im Lichtspielhaus und versuchte, etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Er sprach von neuen Erkenntnissen.

Drei der acht palästinensischen Terroristen überlebten die Nacht vom 5. September 1972 auf dem Gelände des Fliegerhorsts. Die unvorbereitete und schlecht ausgerüstete Polizei sowie die politischen Entscheidungsträger waren mit der Situation überfordert und begingen grobe Fehler, 15 Menschen starben. Während diese Fehler in der schleppenden Aufarbeitung des Attentats diskutiert und auch anerkannt wurden, lastet weiterhin ein schwerer Vorwurf auf der damaligen Bundesregierung von Willy Brandt. Denn nur sieben Wochen nach den Ereignissen wurden am 29. Oktober die drei überlebenden Terroristen durch eine Flugzeugentführung auf abenteuerliche Weise aus ihrer Haft freigepresst. So kam es in Deutschland nie zu einer juristischen Aufarbeitung des Olympia-Attentats. Seitdem halten sich Vorwürfe, dass dies der Bundesregierung nicht ganz ungelegen gekommen sei. Im Raum steht ein Deal mit den Terroristen: Deutschland soll von Anschlägen verschont bleiben, wenn die Mörder freikommen.

Ein Blick in die Akten wirft mehr Fragen auf als dort Antworten zu finden sind, wie Till Rüger erzählt. Er hat sich schon vor etwa zehn Jahren intensiv mit der Freipressung beschäftigt, gemeinsam mit seiner Kollegin Lisa Wreschniok recherchiert und einen Film für den bayerischen Rundfunk (Doku & Reportage: Was geschah bei der Freipressung der Terroristen? | ARD Mediathek) gedreht.

Fürstenfeldbruck: Nach dem Attentat auf die israelische Olympiamannschaft bei den Olympischen Spielen in München pressen palästinensische Terroristen durch die Entführung einer Boeing 727 die drei verhafteten Palästinenser frei. In einer Condor-Maschine wird das Trio vom Flughafen München-Riem nach Zagreb geflogen.

Nach dem Attentat auf die israelische Olympiamannschaft bei den Olympischen Spielen in München pressen palästinensische Terroristen durch die Entführung einer Boeing 727 die drei verhafteten Palästinenser frei. In einer Condor-Maschine wird das Trio vom Flughafen München-Riem nach Zagreb geflogen.

(Foto: dpa/SZ Photo)

Dieser wurde nun im Lichtspielhaus vorgeführt. Nicht mal James Bond habe so viele Besucher in den Kinosaal locken können, verrät Anna Ulrike Bergheim. Die Vorsitzende des Historischen Vereins misst der Aufarbeitung der Geschehnisse eine enorme Bedeutung bei, man habe wohl "einen Nerv getroffen". Einerseits kursierten noch immer die wildesten Gerüchte rund um das Attentat, andererseits habe sie in den vergangenen Wochen immer wieder unterschwellige antisemitische Kommentare über die Einigung der Bundesregierung mit den israelischen Angehörigen des Attentats mitbekommen. Ankie Spitzer, die Vertreterin der Angehörigen, schickte in den Verhandlungen unter anderem der Bundesregierung den BR-Film zu - mit Dokumenten untermauert.

Die beiden BR-Journalisten Wreschniok und Rüger sprachen für den Film mit unmittelbar Beteiligten wie Gerd Maier, dem Co-Piloten des Lufthansafluges LH615, der zur Freipressung von Jamal Al-Gashey, Adnan Al-Gashey und Mohammed Safady entführt worden war. Aber auch mit involvierten Entscheidungsträgern wie Klaus Kinkel und Ulrich Wegener. Beide waren enge Mitarbeiter des damaligen Innenministers Hans-Dietrich Genscher. Wegener baute infolge der polizeilichen Verfehlungen die Terrorabwehreinheit GSG-9 auf. Egon Bahr, damaliger Staatsekretär, und Wegener schließen eine Absprache der Bundesregierung mit den Entführern nicht aus, anders als der spätere Chef des Bundesnachrichtendienstes (BND), Klaus Kinkel. Ein Blick in die Papiere und Protokolle von damals könnte Klarheit schaffen.

Die Akten umfassen mehr als 8000 Seiten und waren lange unter Verschluss. Wreschniok und Rüger fanden bei ihrer Lektüre der 50 Jahre alten Ordner Papiere, die sie stutzig machten. Die beteiligten politischen und polizeilichen Stellen schienen keinesfalls unvorbereitet auf eine plötzliche Ausreise der inhaftierten Verbrecher zu sein. Etwa ein Reisepaket mit Kleidung war schon vorbereitet, bei der Übergabe ließen sich die deutschen Behörden sogar eine Empfangsbestätigung der Terroristen als Quittung geben. Die Recherchen deuten darauf hin, dass die Bundesregierung einer Ausreise der drei Palästinenser sehr aufgeschlossen gegenüberstand und diese sogar schon vorbereitet hatte.

Erst zwei Monate nach Fertigstellung des Films hatte Rüger die Möglichkeit, im National Archive in London brisante Akten einzusehen. Die Berichte eines MI6-Mitarbeiters, der ebenfalls in der britischen Botschaft arbeitete, bringen einen ehemaligen BND-Mitarbeiter ins Spiel, der als Mittelsmann einen möglichen Deal eingefädelt haben könnte, erklärt Rüger im Gespräch mit Bergheim. Der ehemalige SS-Offizier Gerhard Mertins, zur Zeit des Attentats ein internationaler Waffenhändler, könnte bei der Abwicklung eines Deals eine große Rolle gespielt haben. Diese neuen Erkenntnisse diskutierten Rüger und Bergheim mit dem Publikum.

Die Olympischen Spiele in München ziehen auch nach 50 Jahren vor allem die in den Bann, die das damals noch selbst miterlebt haben. Ein älterer Mann erinnert sich noch genau an seine Besuche im damals neuen Olympiastadion. Der Schatten, den die Ereignisse auf das Sportevent geworfen haben, scheint sich in diesem Moment des Erinnerns auch über sei Gesicht zu legen. Das Interesse an den teils undurchsichtigen Vorgängen ist hoch. Man will verstehen, was genau sich hinter den Kulissen abgespielt hat. Rüger geht davon aus, dass man nicht alle Antworten erfahren wird. Einen Deal, bei dem Geld geflossen ist, hält er persönlich für unwahrscheinlich. Für Anna Ulrike Bergheim geht es darum, Schlüsse aus der Tragödie zu ziehen - mit Veranstaltungen wie der im Lichtspielhaus sensibilisiere man die Menschen dafür.

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