LGBTQ:Regenbogenfahne weht vom Kirchturm

LGBTQ: Die Aktion geht von den Eichenauer Ministrantinnen und Ministranten aus, v.l. Luise Wiegelmann, Laetitia Wüst und Marius Fink.

Die Aktion geht von den Eichenauer Ministrantinnen und Ministranten aus, v.l. Luise Wiegelmann, Laetitia Wüst und Marius Fink.

(Foto: Günther Reger)

Die Eichenauer Pfarrgemeinde protestiert weithin sichtbar gegen das Segnungsverbot für homosexuelle Paare aus dem Vatikan.

Von Christian Hufnagel, Eichenau

Eine Regenbogenfahne wird von diesem Montag an vom Kirchturm der katholischen Pfarrkirche in Eichenau wehen. Ministranten werden das fünf Meter lange Tuch mit sechs Farbstreifen um zwölf Uhr befestigen - und damit ein eindeutiges wie weithin sichtbares Zeichen setzen. Bekanntlich gilt die Regenbogenfahne als Symbol für Frieden, Toleranz, Akzeptanz und zudem im Besonderen seit den Siebzigerjahren als Banner der Lesben- und Schwulenbewegung. Und letztgenannter Zielgruppe gilt die Unterstützung aus Eichenau. Pfarrer Martin Bickl, der auch Kreisdekan ist, bewertet die gemeinsame Aktion von Ministranten und Pfarrgemeinderat als "positiv". Nachahmer wird sie in anderen katholischen Pfarrgemeinden im Kreis allerdings nicht finden.

Was den Mitinitiator, den 19-jährigen Ministranten Marius Fink, so aufgebracht hat und die Gruppe der jungen Gottesdiensthelfer zu einer "einhelligen Meinung" kommen ließ, ist nämlich: "Das ist nicht unsere Kirche", war eine herbe Botschaft aus dem Vatikan. Die Römische Glaubenskongregation hatte Mitte März eine Erklärung versandt. Die Hüter der reinen Lehre formulierten in einem sogenannten Responsum eine deutliche Absage an Segnungen für homosexuelle Partnerschaften. Es könne keine Verbindung gesegnet werden, die nicht dem Schöpfungsplan Gottes entspreche. In einem Akt der offenen Rebellion hatten dann vor einer Woche bundesweit katholische Seelsorger reagiert: Es gab mehr als 100 Gottesdienste für "alle sich liebende Paare" - also damit auch für homosexuelle. Im Landkreis schloss sich kein Seelsorger dieser Form des Protests an, allerdings erinnert etwa der Gröbenzeller Pfarrbeauftragte und Diakon Roland Wittel in diesem Zusammenhang an den dortigen Gottesdienst für Liebende am Valentinstag, der gleichgeschlechtige Paare offen angesprochen und anerkannt habe.

In Eichenau sieht man sich dennoch dazu aufgerufen, eine deutliche Protestnote abzugeben: "Eine Allgemeinverfügung wird der Lebenssituation nicht immer gerecht", sagt Pfarrer Bickl. Noch deutlicher formuliert der aktuelle Pfarrbrief die Position der Gemeinde: Dem Responsum und dem dazugehörigen Kommentar mangle es an theologischer Tiefe, an hermeneutischem Verständnis sowie an argumentativer Schlüssigkeit. Wörtlich: "Der Text ist von einem paternalistischen Gestus der Überlegenheit geprägt und diskriminiert homosexuelle Menschen und ihre Lebensentwürfe." Das Schreiben gehe sogar so weit, dass homosexuelle Menschen dazu aufgefordert werden würden, anzuerkennen, dass dieses Schreiben nicht diskriminierend sei. Diese Passage wiederum würde etwa Olchings katholischer Pfarrer anders interpretieren: Die Erklärung der Glaubenskongregation empfindet Josef Steindlmüller eben gerade nicht als Diskriminierung oder Ausgrenzung. Das sei für ihn wichtig zu betonen in einer Angelegenheit, über die auch in seinem Pfarrverband viel in Bewegung geraten sei.

Was die Religionshüter im Vatikan betrifft, gibt man sich da in Eichenau weitaus weniger nachsichtig: Von deren Position distanziere man sich entschieden: "Das Schreiben ist diskriminierend und verstößt gegen Grundrechte", heißt es. Der Pfarrgemeinderat begrüßt expliziert Segnungsfeiern für gleichgeschlechtliche Paare oder andere angemessene liturgische Formen. Die Stellungnahme im Pfarrbrief ist um Sprechblasen angereichert, die Statements einzelner Mitglieder enthalten. Zwei Beispiele: "Es geht gar nicht, dass Homosexuelle diskriminiert werden; Jesus Botschaft lautete: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Oder noch ein wenig prägnanter: "Die Bibel sagt, alle Menschen sind gleich."

Und diese Kernbotschaft wird also eine Regenbogenfahne am Eichenauer Kirchturm für die nächste Zeit signalisieren. Hausherr Bickl ist es auch lieber, "dass auf diese Weise Gefühle ausgedrückt werden - und nicht durch Kirchenaustritte". Von solchen berichten seine Kollegen: Als Reaktion auf das Responsum musste etwa Otto Gäng Austritte in seinem Pfarrverband Fürstenfeld hinnehmen. Gleichwohl wollte er "nicht ein Fähnchen in den Wind hängen", wie er die Eichenauer Aktion bezeichnet. Allen Menschen offen zu begegnen, das stehe vielmehr auf der Fahne der Kirche, andere Aktionen griffen für ihn hingegen "viel zu wenig". Auch die Pfarrgemeinde Gröbenzell hat weitere Gläubige verloren: Das Verbot aus Rom habe für einen treuen Kirchgänger "das Fass zum Überlaufen gebracht", erzählt Diakon Wittel. Aber es sei auch ein Thema, das spaltet. Der Pfarrbeauftragte hätte von einer Aktion wie in Eichenau eher abgeraten: "Will ich das Thema so forcieren?", stellt er sich die Frage. Denn: "Wir haben genug Themen, die anstehen."

Alle Geistlichen weisen im Übrigen darauf hin, dass in der öffentlichen Wahrnehmung eine bedeutsamer Fakt verschwimme: "Eine Segnung ist keine Trauung", stellen sie klar. Das werde leicht verwechselt, betont Kreisdekan Bickl. Und auch, was den Segen an sich betrifft, sind sich die Seelsorger einig: Er könne einer Einzelperson nicht verweigert werden. Das dürfe die Kirche gar nicht, sagt Gäng. Und Menschen könnten aufgrund ihrer sexuellen Orientierung davon nicht ausgeschlossen werden, ergänzt Bickl. Sein Olchinger Berufskollege wird in diesem Punkt noch deutlicher: "Es stimmt in meinen Augen nicht, dass Homosexuelle nicht gesegnet werden. In jeder Heiligen Messe gibt es den Segen für alle", sagt Steindlmüller. Auch dieser Gedanke gehöre für ihn zu einer fairen Diskussion. Zudem ereifert er sich nicht nur bei diesem brisanten Thema darüber, dass die Kirche so dargestellt werde, "also ob sie die größte Menschenhasserin auf der Welt wäre".

Wenigstens den Eichenauern wird eine derartiger Gedanke vermutlich nicht in den Sinn kommen, wenn sie die nächsten Wochen auf der Hauptstraße unterwegs sind und an der Regenbogenfahne am Gotteshaus "Zu den heiligen Schutzengeln" vorbeigehen. Denn die bunten Farben, die über ihren Köpfen flattern, soll laut Ministrant Fink schlichtweg nur für eines stehen: "für Toleranz und Gottes Liebe zu allen Menschen". Und diese Botschaft findet vermutlich den Segen aller Passanten.

© SZ vom 17.05.2021
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