Lesung Poet der Anarchie

Wer erwartet, dass Weckers Gedichte weniger kämpferisch oder utopisch sind als seine Lieder, der wird bei der Lesung schnell eines Besseren belehrt. Energisch wie eh und je stemmt er sich in seinen Zeilen gegen Ungerechtigkeit und Gier.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Konstantin Wecker präsentiert in der Fürstenfelder Literaturreihe sein neues Buch "Auf der Suche nach dem Wunderbaren". Es ist ein feingeistiges Manifest gegen den Kapitalismus und für die Schönheit. Das Publikum zeigt sich begeistert

Von Florian J. Haamann, Fürstenfeldbruck

Es gibt Abende, die sind so magisch, dass die Zeit still zu stehen scheint, während die Welt außerhalb des abgeschlossenen Veranstaltungsraumes zu einem dystopischen Albtraum verschwimmt. Für so einen seltenen Moment hat Konstantin Wecker bei seinem Auftritt am Montagabend im ausverkauften kleinen Saal des Veranstaltungsforums gesorgt. Dort hat er sein neues Buch "Auf der Suche nach dem Wunderbaren. Poesie ist Widerstand" vorgestellt. Und wer erwartet hatte, dass Weckers Gedichte weniger kämpferisch oder utopisch sind als seine Lieder, der wurde schnell eines Besseren belehrt.

"In einer Welt, deren einziges Ziel/es zu sein scheint,/sich hemmungslos/und über alle Grenzen der Menschlichkeit/hinweg materiell zu bereichern,/in einer extrem sinnlosen Welt [...]/ist Poesie ein Anker und ein Wegweiser/Um es ganz deutlich zu sagen:/Die Poesie ist anarchisch!", liest Wecker mit berührter Stimme und entschlossenem Blick, quasi als Substrat seines poetischen Manifestes. Denn genau das ist sein Buch geworden, ein knapp 150-seitiges Manifest gegen eine Welt, die von Hierarchien und kapitalistischer Ideologie und den daraus resultierenden Übeln geprägt ist. Wecker beschränkt sich nicht auf eine oberflächliche Kapitalismuskritik, sondern geht tiefer, beschäftigt sich damit, was das System mit den Menschen, vor allem jenen, die nach einem anderen Entwurf leben, macht und entwickelt die Utopie einer Herrschaft des Schönen und Verspielten. Er fordert eine Revolution, nicht mit Gewalt, sondern mit Worten.

"Ich will in keiner Welt leben, in der die wichtigsten Berufe am schlechtesten bezahlt werden", weicht Wecker im Kapitel "Lieber naiv als korrupt" vom Text ab. Und als er anfängt aufzuzählen - Pfleger, Erzieher - wird er durch spontanen Beifall aus dem Publikum unterbrochen, so wie es an diesem Abend mehrfach passiert. Hier haben sich ein Vordenker und seine Anhänger gefunden.

Dann greift Wecker die ersten Begriffe des von ihm abgelehnten Materialismus' an, nimmt den Kampf um die Deutungshoheit auf. "Ich bin ein geradezu begeisterter Verlierer./Alles fallen lassen will ich, /was uns als Ballast mitgegeben wird,/von der Wiege bis zur Bahre/nur Blendwerk und Müll/einer plastikerzeugenden/Weltverschmutzungsgesellschaft. Der Verlierer als Gewinner, der Versager, sich dem System versagende, als der Aufrichtige. Das ist es, was er zeigen will. Die Poesie, so Wecker, lehre den Leser, dass Worte nur Symbole seien. Und dass man sich bewusst machen müsse, dass jedes dieser Symbole für jeden Menschen etwas anderes bedeuten kann und es deshalb selbst unter Gleichgesinnten oft nur schwer zu Einigkeit kommt.

Jedem Kapitel des utopisch-poetischen Manifests sind kurze Gedichte vorangestellt. Und am Ende findet sich eine Sammlung von Gedichten Weckers, denen Lyrik von Autoren, die er schätzt, zur Seite gestellt ist, Peter Härtling, Gottfried Benn, Peter Rühmkorf, Rainer Maria Rilke.

Zum Abschluss des Abends betritt dann noch einmal der Liedermacher Konstantin Wecker die Bühne. Er habe da ein Lied, erst vor einer Woche geschrieben, verkündet er, vor dem Publikum stehend. Es ist eine Hymne gegen den Menschenhass, mit dem die rechten Populisten in der echten Welt außerhalb dieser temporären poetischen Blase gegen alles Stimmung machen, was nicht ihrem Weltbild entspricht. Und Konstantin Wecker klingt, wie er immer klingt, wütend und zugleich tief im Inneren berührt, mit seiner markanten Stimme, den schonungslosen Zeilen. Er singt von brauner Brühe, die unverblümt wieder hochkocht, davon, dass Braun doch die Farbe des Kots ist, "deshalb ist für mich die schönste Farbe Rot". Das begeisterte Publikum erklatscht sich dann noch eine Zugabe. Weckers Hymne an eine schönere Zukunft "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist".