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Lesung:Hommage an Kurt Eisner

100. Todestag Kurt Eisner

Erster Ministerpräsident des Freistaats: Kurt Eisner.

(Foto: dpa)

Parchwitz und Stögbauer lesen Texte des ersten bayerischen Ministerpräsidenten

Es ist eine äußerst unruhige und turbulente Zeit, als der erste Ministerpräsident des Freistaates Bayern, Kurt Eisner, am 21. Februar 1919 bald nach seinem Amtsantritt von dem rechtsradikalen Fanatiker Graf Arco-Valley ermordet wird. Die Melodie Gnossiennè Nummer eins von Eric Satie, mit der Monika Stöhr die Lesung von Regisseur Rolf P. Parchwitz und Michaela Stögbauer eröffnet, versetzt die Zuhörer im Jexhof-Stüberl in diese "revolutionäre Zeit". "Die Zeit läuft quer" ist die Lesung überschrieben, eine Verszeile aus dem Lied "Der letzte Marsch", das Eisner 1918 als Inhaftierter im Gefängnis Stadelheim in München den Zuchthäuslern widmete. "Schritt für Schritt, o Freund, geh' mit, die Not wirbt Mut, blick umher, die Zeit läuft quer, der Tod säuft Blut", heißt es im ersten Absatz, in dem Parchwitz eine "tragisch-prophetische Qualität" erkennt.

Dass die Zeit querläuft, belegen die Vorleser mit Auszügen aus Eisners Niederschriften und mit Textpassagen von Zeitzeugen wie den Schriftstellern Kurt Tucholsky und Heinrich Mann, der einst einen Nachruf auf Eisner verfasste. Daraus entwickeln Parchwitz und Stögbauer in pointierter und sprachgewaltiger Weise eine Art Hommage an Kurt Eisner, der als "Links-Sozialist" damals einer der wenigen Politiker mit Weitsicht und ein Idealist gewesen sei. Monika Stöhr spielt die Dramatik verstärkende Melodien dazu.

"Da war ein Mann, der noch an Ideale glaubte und tatkräftig war. In Deutschland ist das tödlich. Denn wir haben entweder rohe Kraft, die wir missbrauchen, die Gattung nennt man Patrioten - oder aber wir haben feine Sinne und ein zart Gewissen und richten gar nichts aus. Der aber, tatenfroh beflügelt, hieb fest dazwischen - und daneben, freilich! ", heißt es bei Tucholsky. Eisner selbst, nicht nur Politiker, sondern auch Journalist, Historiker, Schriftsteller und Philosoph, wird in der Lesung als Tatenmensch lebendig, der sich über die "Kultur der Wasserspülung" der Deutschen lustig macht, von der die Franzosen ferngehalten werden sollen, der sich aber auch mit Texten teils ironisch, aber auf jeden Fall anklagend gegen den Krieg ausspricht und auf die politisch verworrene Zeit und deren Protagonisten aufmerksam macht, die den Nährboden für Rassenhass und den Ruf "Führer an die Front" bietet.

"Wir werben im Sterben um ferne Gestirne. Sie blinken im Sinken und Stürzen in Nacht. Es wollen die Massen nicht das Leben hassen, die Freiheit ruft empor", heißt es in Eisners "Gesang der Völker". Parchwitz liest auch Eisners "Verlustliste", aus der zu erfahren ist, dass Leichenteile mehrerer Kriegsopfer unter einem Namen begraben werden und das Eiserne Kreuz für Helden dazu diene, die Opfer über die anderen Menschen zu erheben. Aus dem Nachruf, den der Schriftsteller Heinrich Mann am 16. März 1919 im Odeon in München im Gedenken an Eisner vortrug, erfahren die etwa 25 Zuhörer, dass Eisner dafür gesorgt habe, dass die "geistlose Gewalt" abgelöst wird und er stets an die "Verbesserungsfähigkeit" der Gesellschaft und der Politik geglaubt habe.