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Lesung:Düstere Vision

Die Unvollkommenen

"Die Unvollkommenen" knüpft an Hannigs "Die Optimierer" an.

(Foto: Bastei Lübbe)

Theresa Hannig stellt ihren zweiten Roman vor

Mit ihrem dystopischen Science-Fiction-Roman "Die Optimierer" hat die Brucker Autorin Theresa Hannig vor zwei Jahren ein beachtenswertes Debüt hingelegt. Klug und temporeich hat sie eine Zukunft erschaffen, in der alle glücklich sein müssten: Es gibt Wohlstand für alle, den passenden Job, Roboter, die unangenehme Arbeiten übernehmen. Der Preis: ein diktatorischer Überwachungsstaat, der von seinen Bürgern alle Daten sammelt, die er in die Finger bekommt. Nun erscheint Hannigs zweiter Roman "Die Unvollkommenen", in dem sie die Geschichte der "Bundesrepublik Europa" (BEU) im Jahr 2057, fünf Jahre nach dem ersten Teil, fortschreibt. Am Sonntag, 30. Juni, stellt sie ihr Buch in der Neuen Bühne Bruck vor. Wie schon vor zwei Jahren werden die Schauspieler Tina Schmiedel und Alexander Schmiedel Szenen aus dem Text spielen.

Zusammen mit der Protagonistin Lila, ehemals Anführerin einer revolutionären Untergrundorganisatorin erwacht der Leser nun also in der Zukunft der Zukunft. Schnell wird klar, dass ich einiges geändert hat. An der Spitze der BEU steht kein Mensch mehr, sondern ein Roboter. Er hat die Kontrolle über die Cloud gewonnen und damit über alle durch verschiedene Chips ins System integrierte Menschen. Er sieht und hört, was sie wahrnehmen, kann ihre Gefühle steuern, sogar ihre Realität beeinflussen. Da ist es naheliegend, dass er sich als Gott inszeniert, als Wohltäter und Retter. Doch nicht alle sind mit ihm zufrieden - sowohl unter den Menschen als auch unter den Robotern.

Verstörend und lesenswert ist der Roman vor allem deshalb, weil die 35-Jährige eine technologische Welt beschreibt, die durchaus im Bereich des Möglichen liegt und die wie eine konsequente Weiterentwicklung des bisher Möglichen daherkommt. Der große Durchbruch in ihrem Universum ist, dass es gelungen ist, das Bewusstsein von echten, verstorbenen Menschen auf die Maschinen zu übertragen, sie kennen Freude und Schmerz, haben echte Erinnerungen. Aber auch die Roboter ohne menschlichen "Charakterchip" sind nun eigenständige Wesen. Eine Lobby kämpft dafür, dass sie die gleichen Rechte wie Menschen erhalten, die Maschinen fordern Gleichberechtigung.

Auf jeder Seite liest man heraus, dass Hannig sich nicht nur theoretisch über moderne Technik informiert hat, sondern mit ihr aufgewachsen ist. Das macht ihre Geschichte authentisch und lebensnah. Dazu gelingt es der Bruckerin, ihre Figuren noch tiefer zu beschreiben, als im ersten Teil. Besonders deutlich wird das bei Lila, deren revolutionärer Geist anfangs wieder entflammt, die dann aber ins Zweifeln gerät. Dieser innere Konflikt ist stark herausgearbeitet. Und mit ihm die Frage, welche ihrer Gefühle und Gedanken denn nun wirklich "ihre" sind. Denn der Herrscher hat sie im Blick, kann ihre Hormonausschüttung und damit ihre Stimmung beeinflussen. Und er hat sie, die Zweiflerin, ausgewählt für eine wichtige Mission.

Sprachlich verzichtet Hannig auf Ausschweifungen, findet einen nüchternen, an den nötigen Stellen aber doch die richtigen Details findenden Stil. Das, kombiniert mit dem spannenden, wendungsreichen Plot, verleiht dem Roman ein hohes Tempo.

"Die Unvollkommenen" wirft aber auch die Frage auf, wie zuverlässig künstliche Intelligenz funktioniert und was passiert, wenn es zu Konflikten innerhalb des Systems kommt. Kann ein System, das in Echtzeit Zugriff auf die Daten von Hunderten Millionen Menschen hat wirklich alles kontrollieren und steuern? Und kann eine intelligente, zu Gefühlen fähige Maschine, die ständig in den Köpfen so vieler Individuen steckt all das Leid und die Sorgen überhaupt ertragen? Wie schon im ersten Teil stellt sich auch die Frage, ob Widerstand überhaupt möglich ist, wenn jede Sekunde und jeder Zentimeter überwacht und ausgewertet werden - und ob eine Welt, in der wieder die Menschen regieren, wirklich die wünschenswertere ist.

Buchpräsentation "Die Unvollkommenen", Sonntag, 30. Juni, 20 Uhr, Eintritt zehn Euro. Der Roman erscheint bei Bastei Lübbe und ist ab Freitag, 28. Juni, erhältlich. 399 Seiten, zehn Euro