Lesung Demütigung von Amts wegen

Eigenes Erleben als Grundlage: Bettina Kenter-Götte bei der Vorstellung ihres Buches in Leipzig.

(Foto: Robert Beske, OH)

Bettina Kenter-Götte schildert ihre Erfahrungen mit Hartz IV

Von Peter Bierl, Fürstenfeldbruck

Die Jobcenter haben im Vorjahr mehr als 900 000 Sanktionen gegen Erwerbslose verhängt. Jede dritte Strafe traf eine Familie, die von Arbeitslosengeld II lebt. Etwa 34 000 Menschen wurde der Regelsatz vollständig gestrichen. Solche Zahlen machen das Ausmaß deutlich, in dem Menschen schikaniert werden. Was das für einzelne bedeutet, hat Bettina Kenter-Götte aufgeschrieben. Sie beschreibt die Ängste, das Versteckspielen vor Freunden, die Demütigungen. Ein Sachbearbeiter redet vom "Bodensatz der Gesellschaft". Grundrechte sind aufgehoben, wie das Recht, sich frei zu bewegen, stattdessen gilt die Ortsanwesenheitspflicht. Schon der Antrag ist bürokratischer Wahnsinn und umfasste bei ihr 67 Seiten. Kenter-Götte zerlegt Euphemismen wie die freiwillige Eingliederungsvereinbarung: Wer die Unterschrift verweigert, kann am Ende auf Null gesetzt werden.

Ein Highlight ist die Darstellung ihres Versuchs, die Abteilung "Hilfe zur Arbeit" um Unterstützung bei Bewerbungen anzugehen. Kenter-Götte ist Autorin und Schauspielerin, zwischen 2009 und 2013 bekam sie phasenweise Hartz IV, weil sie als Freiberuflerin krankheitsbedingt nicht genug verdiente. Als Aufstockerin wollte sie potenzielle Auftraggeber anschreiben, aber es fehlte das Geld für Fotos, Kuverts, Briefmarken, Druckerschwärze und Papier. Man schickte sie zu einer Personal Service Agentur, deren Leiter sie als "erfolglose Aufstockerin" ansprach und über ihre "glorreiche Vergangenheit" spottete. Er verlangte von ihr, ab sofort werktags um 8 Uhr in dem Büro anzutreten und acht Stunden lang Blindbewerbungsschreiben aufzusetzen. Sie verweist auf Gabelstaplerfahrer, die dreimal zu Gabelstaplerfahrern umgeschult werden, oder erwerbslose Maurer, die mit Riesenpuzzlespielen für den Arbeitsmarkt fit gemacht werden sollen.

Deutlich wird, dass Hartz IV zwar eine deutliche Verschlechterung für die Betroffenen brachte, aber die Verhältnisse vorher kein Zuckerschlecken bedeuteten. Erste Erfahrungen sammelte Kenter-Götte Anfang der Achtzigerjahre als Alleinerziehende mit kleiner Tochter im Sozialamt München. Manche spätere im Brucker Jobcenter, als sie in Puchheim lebt.

Am Donnerstag, 5. Juli, liest Kenter-Götte in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Germering aus ihrem Buch vor. Dazu gibt es Spielszenen und eine Diskussion. Gut getan hätte dem Buch allerdings ein aufmerksames Lektorat. Manche Übergänge könnten geschmeidiger sein. Gelegentlich finden sich Wiederholungen und schiefe Vergleiche, etwa wenn Maßnahmen eines Jobcenters als Folter bezeichnet werden oder die Autorin darauf hinweist, Mörder würde man so nicht behandeln.

Insgesamt ist das Buch eine gelungene Collage aus eigenen Erlebnissen, Medienberichten und Details der Reglementierung plus Zitaten prominenter Verantwortungsträger von Thilo Sarrazin über Peter Hartz bis zu Gerhard Schröder (alle drei SPD). Der vormalige Kanzler äußerte, man habe einen der besten Niedriglohnsektoren in ganz Europa aufgebaut. Recht hat er: Hartz IV und eine hohe Produktivität verschafften dem deutschen Kapital einen Konkurrenzvorteil. Sie sind die Basis für das deutsche Exportwunder. Dafür reicht der Lohn für viele nicht zum Leben, andere EU-Länder werden darüber zu Armenhäusern degradiert und der Staatenbund könnte daran zerbrechen.

Bettina Kenter-Götte: Heart's Fear - Hartz IV. Geschichten von Armut und Ausgrenzung. Essen 2018, 181 Seiten, 12 Euro. Die Lesung in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Germering am Donnerstag, 5. Juli, beginnt um 19.30 Uhr