„Die lesen die ersten beiden Wörter und erfinden oder erraten den Rest dazu.“ So beschreibt Literatur- und Lesepädagogin Christine Dietzinger ihre Erfahrungen mit Kindern, die auch am Ende der vierten Klasse nicht so gut lesen können, dass sie einen Text wirklich verstehen. „Jedes vierte Kind in der vierten Klasse hat inzwischen deutliche Probleme beim Lesen“, erklärt Dietzinger, die es sich auch als Vorsitzende des Vereins Turmgeflüster zur Aufgabe gemacht hat, Kindern den Spaß am Lesen nahezubringen.
Und dazu will sie eine Idee aus Nordrhein-Westfalen in die Kreisstadt an der Amper bringen. Mit einem Radanhänger, der mit Fleckerlteppichen, Kissen, einem Sonnenschirm, allerhand Bastelmaterial und natürlich Büchern beladen ist, fährt sie zu öffentlichen Plätzen, um dort „Pop-up-Leseorte“ zu schaffen. „Ich will dahin gehen, wo die Kinder sind, und so Familien erreichen, für die der Weg in die Bibliothek nicht selbstverständlich ist.“ Ihr erstes Modell nennt sie „Bertha, das Brook-Bike“, wobei Brook wie Bruck ausgesprochen wird – ein Bücherradl für Fürstenfeldbruck eben.

Die Idee hat Dietzinger sich bei einer Tagung des Bundesverbands Leseförderung abgeschaut – und zwar von „Jugendstil“, dem Kinder- und Jugendliteraturzentrum in Nordrhein-Westfalen. Deren „Bookbike“ ermögliche als mobiler Bücherspielplatz Kindern im Alter von fünf bis acht Jahren „Literaturgenuss pur“, sagt sie. Das soll auch das „Brook-Bike“ leisten, das ähnlich funktioniere wie das Spielmobil des Kreisjugendrings im Landkreis Fürstenfeldbruck.
Ein Leseort kann auch im Schwimmbad aufploppen
Zehn Bookbikes gebe es bereits in Nordrhein-Westfalen, erzählt Dietzinger begeistert. Diese fahren zu Spielplätzen und in Schwimmbäder, werden zu Stadtteilfesten und in Kitas eingeladen. „Da ist auch die finanzielle Förderung eine ganz andere“, sagt Dietzinger und seufzt.
Premiere hatte das Brook-Bike am 11. Juli, als das Kreativquartier hinter der Aumühle zur Leseinsel wurde. „Bei dieser Testfahrt hat sich auch herausgestellt, dass das geschenkte Fahrrad dafür wohl nicht geeignet ist“, sagt Dietzinger. Der Anhänger sei recht schwer, das geschenkte Rad verfüge nicht über eine Anhängerkupplung. Damit in die Buchenau zu radeln, den Brucker Stadtteil, der bei der Leseförderung ohnehin abgehängt sei, hält sie für kaum möglich.
Dabei sei Lesen eine Schlüsselkompetenz für die gesellschaftliche Teilhabe. „Kinder, die mit Geschichten aufwachsen, lernen selbst leichter lesen, entwickeln Freude an Büchern und bewältigen ihren Bildungsweg erfolgreicher“, erklärt die Lesepädagogin. Wer gut lesen könne, tue sich auch in Mathematik leichter. „Lesen lernen schafft damit eine wichtige Grundlage für Bildungsgerechtigkeit und Integration.“ Nicht nur bei Kindern, auch bei Erwachsenen, die nicht gut lesen könnten, komme es zudem häufig zu Missverständnissen. Dies führe gerade dann zu Problemen, wenn es um kompliziertere Sachverhalte geht.
Um auch jene Kinder in Bruck erreichen zu können, deren Eltern das Lesen nicht selbst fördern, sucht Dietzinger für ihr Projekt ein E-Bike oder idealerweise gleich ein Lastenfahrrad – sehr günstig oder am besten geschenkt. „Wir haben dafür leider kein Budget.“ Weitere Radlerinnen und Radler wären ebenfalls willkommen. „Wenn nur ich das mache, fährt das Brook-Bike nicht sehr oft“, sagt sie und lacht.
Wer ein Rad abzugeben hat oder dem Projekt anderweitig helfen möchte, kann sich per E-Mail an turmgefluester.e.v@gmail.com wenden. Der Verein Turmgeflüster möchte Dietzinger zufolge gerne ein „Netzwerk Leseförderung“ einrichten, um Energien zu bündeln und einen regelmäßigen Austausch zu ermöglichen. Auch dafür werden Interessierte gesucht.

