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Traditionelle Wirtshäuser:Volle Biergärten, leere Stuben

Betriebsleiterin Dana Büchler serviert im Biergarten des Brucker Marthabräu den Gästen das Essen.

(Foto: Günther Reger)

Auch mehr als zwei Monate nach der Wiedereröffnung der Gastronomie sind die Gäste zurückhaltend. Obwohl in den Lokalen die gleichen Hygiene-und Abstandsregeln gelten wie draußen, ziehen die Besucher die Plätze unter freiem Himmel vor

Von Erich C. Setzwein, Fürstenfeldbruck

Es ist noch richtig schön warm im Marthabräu-Biergarten in Bruck, doch die Gäste drängen sich an diesem Abend nicht. Auch in Maisach hinterm Bräustüberl sind viele Gäste im Räuber-Kneißl-Garten zu sehen, aber alle sind auf Abstand. Das hat seinen Grund. Die Hotel- und Gaststättenbetriebe achten genau, manchmal auch sehr penibel auf den Hygieneschutz, müssen viele Plätze ungenutzt lassen, um den geforderten Abstand ihrer Gäste sicherzustellen. Drinnen an den Wirtstischen ist es eher die neue verordneten Gemütlichkeit, die vorherrscht. Alle, Gäste wie Wirte, eint die Sorge vor der Ansteckung mit dem Coronavirus. Nicht alle Wirte wollen das auch mitmachen, einer hat immer noch geschlossen.

"Ich gehöre nicht zu den Leuten, die gerne jammern", sagt Harry Faul, Wirt des Bräustüberls Maisach und Sprecher des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) im Landkreis. Faul sagt ganz sachlich, der Umsatz sei bei etwa 50 Prozent gegenüber Vor-Corona, das Geschäft draußen sei besser, als das drinnen. Dass er die Verluste aufholen kann, glaubt er nicht. Derzeit würden gerade die Termine für Feiern im November und Dezember sowie im Januar 2021 storniert. Alles Umsatz, den er nicht mehr machen wird in diesem Jahr, genauso wie die 73 abgesagten Veranstaltungen in den vergangenen vier Monaten. Und: "32 Busse sind nicht gekommen."

Seinen Stammgästen bringt der Maisacher Bräustüberl-Chef Harry Faul das Bier persönlich, Umsatz macht aber auch er derzeit nur im Biergarten

(Foto: Günther Reger)

Es ist gerade einmal zwei Monate her, dass in den Wirtschaften wieder aufgedeckt wurde. Am 18. Mai war es nach gut acht Wochen Sperrzeit wieder möglich, einen Biergarten zu besuchen, am 25. Mai durften die Speiselokale wieder öffnen, und am 30. Mai konnten auch wieder Übernachtungen in Hotels und Pensionen gebucht werden. Das alles haben die Wirtinnen und Wirte in enger Abstimmung mit ihrem Verband, dem Dehoga Bayern, erst durch- und dann eingehalten. Aber wegen der zugelassenen Gästezahl sind die Umsätze nicht auf dem Niveau, das sich die Gastronomie und Hotellerie erwartet. Doch gibt es auch einen Betrieb, der sich getraut hat, sogar während der anhaltenden Krise neu aufzumachen. Das Marthabräu in Fürstenfeldbruck, eine Gaststätte der Brucker Mahavi-Group.

"Bei uns läuft es super", sagt Dana Büchler, erst seit Kurzem die Betriebsleiterin im Marthabräu, und ergänzt: "Drinnen wie draußen." Begonnen hat alles im Biergarten, in dem die Gäste bewirtet wurden, während das Gasthaus noch umgebaut wurde. Ob im Biergarten, drinnen in den neu gestalteten Gasträumen oder in der Marthabräuhalle - Gäste und Personal hätten sich mit der Situation arrangiert. "Die Gäste haben sich bislang an die Umgangsregeln gehalten", sagt die Betriebsleiterin. Trage jemand keine Alltagsmaske, werde er höflich darauf hingewiesen, eine aufzusetzen. Zumindest bis zum meist schon reservierten Tisch müssen Besucher von Gaststätten den Mund-Nasen-Schutz tragen. Büchler: "Bislang hatten wir keine Probleme damit."

Im Biergarten sitzen die Gäste mit Abstand zueinander.

(Foto: Günther Reger)

Dehoga-Sprecher Harry Faul kann das bestätigen. "Es wird noch lange so gehen", kündigt er an. Auch die Registrierung der Gäste hält er weiter für notwendig. Es gehe darum, nachvollziehbar feststellen zu können, wer wann an einem Tisch gesessen habe und wer sich in der Nähe aufgehalten habe, sollte einer der Gäste positiv auf das Coronavirus getestet worden sein. Und nicht zuletzt diene dies dem Schutz der Mitarbeiter. Die Vorschriften seien alle vollziehbar, man müsse einfach Geduld haben, sagt Harry Faul.

Was für Faul und seine Kollegen aber viel schlimmer wiegt, als Listen auszufüllen und literweise Desinfektionsmittel zu verwenden, ist das Verschwinden der Wirtshauskultur. Harry Faul erklärt das an seinem Bräustüberl: "Vor Corona hatte ich 170 Sitzplätze zur Verfügung, jetzt sind es um die 75." Das gemütliche Beisammensitzen, der Kontakt zwischen den Gästen, das alles sei momentan nicht zu spüren. "Der Stammtisch wird verloren gehen." Und das allein schon deshalb, weil derzeit die Gastronomie überwiegend draußen im Wirtsgarten oder dem Biergarten stattfinde. Ist das Wetter schlecht, macht Faul drinnen kein gutes Geschäft. Das heißt für ihn, dass er in diesem Jahr besonders die "Kosten überprüfen" werde. Ein wenig Sorgen macht er sich um die kleineren Wirtshäuser. "Die werden langsamer vorankommen", nimmt er an. Aber bislang hätten seines Wissens alle Gaststätten wieder geöffnet, außer "Zum Sandmeir" in Hörbach. Dort hatte Wirt Konrad Bentenrieder sich im Mai entschieden, wegen Gesundheit und Sicherheit seiner Mitarbeiter und seiner Gäste vorerst nicht wieder zu öffnen. Auch er führte damals an, dass es keine gemütliche Wirtshausatmosphäre unter diesen Bedingungen geben könne.

Dass die Gastronomie "funktioniert", wie Wirtesprecher Faul sagt, wird auf die Freude der Menschen am Ausgehen nach den Ausgangsbeschränkungen sowie auf das neue Phänomen zurückgeführt, dass die Leute ihre Freizeit und Ferien vorwiegend in der näheren Umgebung verbringen. Dennoch ist das für Harry Faul eine andere Normalität: "So wie es war, werden wird es nicht mehr bekommen."

© SZ vom 03.08.2020

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