Laienbühne Gescheiterte Generationen

Philipp hat kein Netz und Jana keine Ahnung. Julian Brodacz und Katja-Lisa Engel spielen in "Drei Morde, Küche, Bad" auf der Bühne des Roßstalltheaters das junge Ehepaar, das mit einem älteren Paar um eine Wohnung streitet.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Das Roßstall-Theater Germering weiß mit seinem neuen Stück "Drei Morde, Küche, Bad" zu überzeugen

Von Sonja Pawlowa, Germering

Es hätte durchaus auch anders kommen können. Noch vor einigen Wochen stand die Aufführung von "Drei Morde, Küche, Bad" auf Messers Schneide. Um ein Haar wäre das Stück abgesagt worden. Vorausgegangen war zwar kein Todesfall, aber zwei Umbesetzungen und ein Unfall. Alles hing an der Rolle des Philipp, die schließlich mit dem 26-jährigen Münchner Julian Brodacz den perfekten Darsteller besetzt werden konnte.

Ein Glücksgriff, denn Brodacz harmoniert nicht nur altersmäßig mit der wunderbaren Katja-Lisa Engel, die regelmäßig im Roßstall zu sehen ist. Als Jana und Philipp verkörpern die beiden jungen Schauspieler das ideale Paar der Jetztzeit: schöne, junge Menschen, reich und erfolgreich. Dem gegenüber steht ein alterndes Ehepaar, gespielt von Oliver Kübrich und Cecilia Gagliardi, die auch Regie führte. Als Uwe und Irene spiegeln sie die Generation Babyboomer, die im Grunde mit ihrer Lebensphilosophie gescheitert ist.

Das Stück "Drei Morde, Küche, Bad" nennt sich eine Farce. Tatsächlich kann man von Ironie des Schicksals sprechen, wenn zwei Pärchen beim Kauf derselben maroden, unrenovierten Wohnung konkurrieren, ohne je einen Wohnungskauf gewollt zu haben. Das ältere Paar wurde aus ihrer Mietwohnung hinausgentrifiziert und sieht im Kauf einer Substandardimmobilie die Chance, im Alter ein Dach über dem Kopf zu behalten. Das junge Paar hingegen hat seine teure Luxusvilla verkauft, weil durch eine geplante Flüchtlingsunterkunft ein Wertverlust droht.

Das ist die Ausgangssituation. Daraus entwickelt sich jedoch ein Tiefgang und ein Spiel mit den Klischees und Verhaltensmustern der jeweiligen Generation, die seinesgleichen sucht. Das klingt nach Problembewältigung und Ernsthaftigkeit. Doch das Gegenteil ist der Fall. Leichtfüßig und witzig verdeckt der Autor Carsten Golbeck die Pulverfässer, die in der Psyche der vier Charaktere schlummern. Ein Genuss für das Publikum - egal, ob die Vielschichtigkeit des Stücks wahrgenommen wird oder nur die offensichtliche Komik, beispielsweise durch die großartig zelebrierte Entsorgung einer Schaufensterpuppen-Leiche. Durch den Einsatz von Hits wie "Wir sind gekommen um zu bleiben" und sogar eines Rap-Battles als Konfliktlösungsstrategie gestaltet sich der Abend im Roßstall als Rundumunterhaltung mit größter Aktualität.

Der intellektuelle Marxist Uwe klopft Sprüche aus den Siebzigern, zitiert Dichter und Denker, bis auch dem letzten Zuschauer klar wird, wie lebensuntüchtig er ist und war. Das tragische Schicksal eines Menschen, der seit seiner Jugend in der Vergangenheit lebt, das schleichende Gift des Versagens wird spürbar. Sprüche wie "Gewalt war noch nie eine Lösung" erhalten einen neuen Sinn, wenn sich ein Feigling damit aus der Verantwortung zieht.

Seine Frau Irene versprüht ungleich mehr Energie und beschäftigt sich auch mit solcher. Sie kennt sich mit Feng Shui aus, wobei durchklingt, dass diverse Liebhaber dieses Interessensgebiet genährt haben könnten. Tatkräftig liefert sie eine Idee nach der anderen, gibt nicht auf und kann dennoch nicht siegen. "Wie sollen wir gegen das Großkapital ankommen?", heißt es da, aber kaum steht der Ansatz von Moral oder Doktrin im Raum, wird er schon wieder mit einem Witz entkräftet: "Auch Arme haben Beine," antwortet Uwe.

Jana kommt aus einer bildungsfernen Schicht, "Ich komm aus dem Ghetto und ich will in die Burg", rappt sie. Klug sticht sie in jedes Wespennest. Für Jana ist klar, wenn Flüchtlinge ihr Leben in der Luxusvilla zerstören, dann ist sie das Kriegsopfer. Schon Janas Sprache, das Kiezdeutsch des Hauptschulen-Pausenhofs, verdeutlicht, dass in der Beziehung mit Philipp Ungereimtheiten bestehen. Er behandelt Jana wie eine minderbemittelte Sklavin und denkt nicht daran, sie zu heiraten. "Was fällt dir ein, einfach so schwanger zu werden?", schreit er sie an. Jana ist konsequent und verlässt Philipp.

Für Philipp gibt es ein grundsätzliches Problem: kein Netz. Er erwartet eine chinesische Delegation von Investoren, die er genauso wenig wie seinen Geschäftspartner erreichen kann. Er hat trotz seiner Verbindungen und Kontakte kein Netz. Er ist ein Einzelkämpfer. Eine tieftragische Figur entblättert sich in knapp zwei Stunden vor dem Publikum. Philipp, das verwöhnte Söhnchen, dem der Bruder vorgezogen wurde. Der selbst nie etwas leisten konnte, weil alles schon da war. Der sich mit seinem Bruder in einem Wettstreit um Geld, Macht und sogar um die Liebste befindet. Philipp verliert alles: Die Villa, das Geld, die Frau und sein Leben. Wie subtil, dass er die anderen mit "Hey, ihr Loser!" begrüßt. Keiner, der hier nicht verliert.