Kunstausstellung:Temporäres Kreativquartier

Acht Künstler verwandeln das Haus 10 aktuell in ein offenes Atelier. Besucher können ihnen dort bei der Arbeit über die Schulter schauen und mit ihnen über Malerei und die Welt diskutieren

Von Florian J. Haamann, Fürstenfeldbruck

Gewohnte Strukturen durchbrechen, der eigenen Arbeit - im wahrsten Sinne des Wortes - eine neue Dimension verleihen, einfach mal etwas ausprobieren, sich austauschen statt still vor sich hinarbeiten. Acht Künstlerinnen und Künstler, größtenteils Mitglieder der Gruppe "Olchinger Künstler", sind derzeit im Haus 10 in Fürstenfeld zu Gast, um dort täglich für einige Stunden gemeinsam zu arbeiten. Dabei ziehen sich nicht zurück, sondern laden die Öffentlichkeit viel mehr ein, ihnen bei der Art über die Schulter zu schauen und ins Gespräch zu kommen. Noch an diesem Samstag und Sonntag können Neugierige das offene Atelier besuchen, jeweils von 10 bis 12 und von 14 bis 18 Uhr.

Kunstausstellung: Die Balance zwischen Mensch und Natur sucht Ola Schmidt in ihrer Arbeit mit zwei Figuren und Rollrasen.

Die Balance zwischen Mensch und Natur sucht Ola Schmidt in ihrer Arbeit mit zwei Figuren und Rollrasen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Direkt neben dem Eingang hat sich Organisator Niclas Willam-Singer eingerichtet. Der ehemalige evangelische Pfarrer und Künstler hat sich für die Werkwoche vorgenommen, von der Leinwand, mit der er sonst arbeitet, in die dritte Dimension zu wechseln und arbeitet an verschiedenen Skulpturen. Das schöne an so einem Format sei, dass man sich einfach ausprobieren könne, egal ob die Werke gut oder schlecht werden. Beeinflusst sind seine Arbeiten von den erschütternden Nachrichten, die aktuell aus allen Himmelsrichtungen zu uns kommen, allen voran aus Afghanistan. "Es sind existenzielle Fragen, die mich beschäftigen. Ich bin 64, intellektuell groß geworden, in Zeiten, in denen wir uns für die Emanzipation eingesetzt haben, von Frauen, von Homosexuellen. Wenn ich dann sehe, was auf der Welt passiert, dann denkt man sich schon: Dafür habe ich mich doch nicht mein Leben lang eingesetzt, als Pfarrer, als Künstler. Letztlich läuft alles auf die Frage hinaus, was am Schluss eigentlich bleibt", sagt Willam-Singer. Und so sind seine Arbeiten allesamt Memento Mori, etwa eine Art Traumfänger aus einem Metallgitter, in das Willam-Singer mehrere Knochen und Kleintier-Schädel einarbeitet.

Kunstausstellung: Niclas Willam-Singer schafft mit Knochen und Schädeln dreidimensionale Memento Mori.

Niclas Willam-Singer schafft mit Knochen und Schädeln dreidimensionale Memento Mori.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Ein Thema haben sich die Künstler bewusst nicht gegeben. Jeder soll frei an dem arbeiten können, was ihm einfällt. Dennoch habe sich in den Diskussionen die lose Idee entwickelt, an das anzuknüpfen, was die Mitglieder der Künstlervereinigung in der vergangenen Wochen am selben Ort entwickelt haben. Ebenfalls in einem Symposium haben sie zum Thema "Was braucht der Mensch?" gearbeitet. Den Gedanken weiterführend, treibt einige der Olchinger nun die Frage um: "Wo steht der Mensch?"

Kunstausstellung: Hermine Schmid entwirft Kleider aus Papier, die sie als Zeichen der Hoffnung sieht, nach langen Corona-Entbehrungen.

Hermine Schmid entwirft Kleider aus Papier, die sie als Zeichen der Hoffnung sieht, nach langen Corona-Entbehrungen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Die Idee hatte Klaus Kühnlein, der aktuell noch dabei ist, einige Arbeiten, die er mitgebracht hat, zu beenden. Dazwischen liegen bereits Skizzen, die sich mit der Frage beschäftigen. Bei Kühnlein ist es ganz deutlich der Abgrund, an dem der Mensch steht. So zeigt eine der Vorzeichnungen eine Erde, die laut "SOS" ruft, eine andere ein Wesen, dessen Kopf einen (Corona-)Virus darstellt.

Aber nicht alle Arbeiten, die der Besucher entdecken kann, sind so ernst wie die von Kühnlein und Willam-Singer. Hermine Schmid teilt zwar die Sorgen ihrer Künstlerkollegen, möchte aber bewusst einen Kontrapunkt setzen. "Ich möchte zeigen, dass das Ende des Tunnels zu sehen ist." Deshalb arbeitet sie an bunten Papierkleidern. "Wir haben uns lange nicht mehr schick gemacht. Aber teilweise geht es jetzt langsam wieder", erklärt sie. Eine positive Botschaft möchte auch Evi Grundner verbreiten. Berufsbedingt hat sie seit sieben Jahren nicht mehr als Künstlerin gearbeitet. Jetzt, wo sie in Rente ist, habe sie deshalb die Einladung von Willam-Singer gerne angenommen. "Ich freue mich riesig, hier zu sein und wieder künstlerisch zu arbeiten", sagt sie. Vor ihr auf dem Tisch liegt das Gemälde, an dem sie gerade arbeitet. Auf einem bunten Hintergrund sind viele kleine Symbole zu sehen, dazwischen der Schriftzug "Vielfalt bereichert". Das Werk erinnert an den Bildschirm eines Tablets mit verschiedenen Apps. Die Symbole sind bunte Gesichter und Smileys. Auch die Skizze für ihre nächste Arbeit liegt bereits bereit, sie zeigt mehrere Figuren, die angestrengt und teils vergeblich versuchen, auf einen Balken zu klettern. "Karrieretypen" heißt das Werk.

Ergänzt wird die Künstlergruppe im Haus 10 durch Ola Schmidt, die in ihren Arbeiten mit Rollrasen die Balance zwischen Mensch und Natur sucht; Margot Vogl, die ebenfalls die Beziehung zwischen Mensch und Natur, vor allem Mensch und Tier thematisiert; Uli Klug, die unter anderem verschiedene florale Motive ausstellt, darunter die Penzberger Mahnblumen, die an die 16 Menschen erinnert, die Ende April 1945 von den Nationalsozialisten ermordet wurden; und schließlich ist auch Waltraud Kosak-Gonzales mit dabei.

Es sind also wirklich interessante und vor allem wichtige Themen, mit denen sich die Künstler im Haus 10 beschäftigen. Für die Besucher bieten sich dabei viele Anknüpfungspunkte für Diskussionen und Nachfragen. Für Kunstinteressierte ist die Werkwoche somit eine wunderbare Möglichkeit, Kunst noch einmal ganz anders zu erfahren als in einer Ausstellung.

Werkwoche im Haus 10 mit den Olchinger Künstlern, bis Sonntag, 22. August, jeweils von 10 bis 12 und 14 bis 18 Uhr. Am Sonntag um 11 Uhr gibt es eine Führung mit den Künstlern. Eintritt frei

© SZ vom 21.08.2021
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